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Der Kitt des neuen, größeren Marburg

Ehrungen Der Kitt des neuen, größeren Marburg

40 Jahre nach der Eingemeindung von 18 Umlandgemeinden in die Stadt Marburg ist das Verhältnis zwischen Kernstadt und Stadtteilen entspannt.

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Oberrbürgermeister Egon Vaupel (links), Stadtverordnetenorsteher Heinrich Löwer (5. von links), Landrätin Kirsten Fründt und Kreisbeigeordneter Marian Zachow ehren die neuen Ehrenortsvorsteher und Ehrenmitglierder des Ortsbeirats.Foto: Florian Gaertner

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. „Die Universitätsstadt Marburg hat gewonnen durch die Bürgerinnen und Bürger, die hinzugekommen sind, die Stadt hat sich gekümmert um die Stadtteile, und die Stadtteile haben sich um die Stadt verdient gemacht“, schwärmte Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) am Freitag beim Festakt aus Anlass des 430. Jahrestags der Gebietsreform.

Im Sommer 1974, so zitierte Vaupel den damaligen Stadtrat und späteren Bürgermeister Dr. Gerhard Pätzold, sei der hauptamtliche Magistrat durch die 18 Umlandgemeinden und späteren Stadtteile gereist. Meistens, so schrieb Pätzold in einem Brief an Vaupel, sei man freundlich begrüßt, gelegentlich zu einer Tasse Kaffee eingeladen worden, aber fast immer habe man gleich ein Problem lösen sollen.

Viel anzubieten hatte der Magistrat damals nicht, Marburg hatte kein Geld. Die kleineren Umlandgemeinden hatten der Eingemeindung in die Stadt „freiwillig“ zugestimmt, waren aber keinesfalls gerne ein Ortsteil von Marburg gewesen. Dr. Ulrich Hussong, der Leiter des Stadtarchivs, berichtete in seiner Festrede, dass die Neuordnung der Gemeinden „der Intention nach auf freiwilligen Zusammenschlüssen“ beruhte und die kleinen Gemeinden deswegen durchaus Gestaltungsspielraum hatten.

Für Marburg hatte das zur Folge, dass die Vorortgemeinden Niederweimar und Cölbe nicht eingemeindet wurden, wohl aber das „Westerwalddorf“ Dilschhausen. Und Cappel, nach Hussongs Befund wie Marbach „angebliches Zentrum“, nutzte es nichts, dass es sich 1971 die Gemeinden Ronhausen, Bortshausen und Moischt einverleibt hatte. Umgekehrt durfte sich Bürgeln nicht Marburg anschließen, da sonst Cölbe nicht als Großgemeinde lebensfähig gewesen wäre.

So mag das Urteil von Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer, die Eingemeindung sei „halb Zweckehe, halb Liebesheirat“ gewesen, aus der Rückschau nach 40 Jahren etwas gewagt erscheinen; dass die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, die Ortsbeiräte, Ortsvorsteher und Stadtverordneten durch ihren jahrzehntelange Einsatz entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Ortsteile ihre Identität bewahrt und sich zugleich zu Marburg hin entwickelt haben, darin wird ihm keiner widersprechen. Als ein Indiz für das Zusammenwachsen der Kernstadt und der Ortsteile nannte Löwer die Tatsache, dass aktuell 40 Prozent der Stadtverordneten aus einem der Ortsteile kommen.

Als äußeres Zeichen der Dankbarkeit für die Arbeit in den Ortsteilen vergab die Stadt erstmals die Ehrenbezeichnungen „Ehrenortsvorsteher“ und „Ehrenmitglied des Ortsbeirats“ an 14 Männer, die jeweils mehr als 20 Jahre als Ortsvorsteher oder Ortsbeiratsmitglied gearbeitet haben und zum Teil darüber hinaus vor 1974 als Mitglied der Gemeindevertretung.

Dass unter den Geehrten nur Männer waren, das war der Vorsitzenden der Gleichstellungskommission, Dr. Marlies Sewering-Wollanek, in ihrem Grußwort nur eine Randbemerkung wert; schließlich wurden nur Menschen geehrt, die nicht mehr aktiv im Amt sind. Mit der Zeit würden mehr Frauen hinzukommen, sagte Sewering-Wollanek, die einen anderen Aspekt betonte: Die Frauen der ehrenamtlichen Kommunalpolitiker müssten sich gerade „auf dem Dorf“ als „ganze Person“ in die Arbeit ihrer Männer einbringen; ihre Arbeit habe vielfach die der Männer ergänzt: Kuchen backen für Feste, Brote backen im Backhaus, viele persönliche Gespräche: es sei eine „andere Form der Gestaltung von Politik“, sagte Sewering-Wollanek.

Als hätte er ihre Worte geahnt, reichte der neue Ehrenortsvorsteher von Michelbach Wilhelm Althaus den mit überreichten Blumenstrauß noch während der Ehrung gleich an seine Frau weiter; andere Geehrte folgten seinem Beispiel.

Geehrt wurden:

Ehrenortsvorsteher: Wilhelm Althaus (Michelbach), Reinhold Becker (Elnhausen), Willi Becker (Hermershausen), Dieter Elmshäuser (Gisselberg), Walter Matt (Bauerbach), Günter Stumpf (Moischt), Herbert von Dombois (Wehrshausen) und Willi Weitzel .

Ehrenmitglieder des Ortsbeirats: Heinrich Dittmar (Wehrda), Ernst Gröb (Ronhausen), Heinrich Heuser (Marbach), Heinrich Vormschlag (Dilschhausen), Konrad Werner (Cappel) und Paul Schüßler (Ginseldorf)

von TIll Conrad

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