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Der Kampf gegen die Kinderlähmung

Weltpoliotag Der Kampf gegen die Kinderlähmung

Heute ist Weltpoliotag. Das Datum geht auf den Geburtstag des Immunologen Dr. Jonas Salk zurück, der den ersten Polioimpfstoff entwickelte und der heimtückischen Krankheit damit den Kampf ansagte.

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Marburg. Doch der Kampf gegen Polio ist noch nicht endgültig gewonnen. Obwohl die Zahl der weltweit registrierten Polio-Fälle seit den 1980er Jahren stark reduziert werden konnte, gibt es immer noch Länder, in denen Polio vorkommt.

Professor Bernhard Maisch

Professor Bernhard Maisch

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Verschiedene Organisationen setzen sich für eine weltweite Ausrottung der Kinderlähmung ein, so wie Rotary International. Rotary war vor 30 Jahren der Initiator einer Eliminierungskampagne von Polio, an die sich später auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die UNESCO, das CDC (Center of Disease Control), die Melinda-und-Bill-Gates-Stiftung und nahezu alle Regierungen der Welt angeschlossen haben.

Professor Bernhard Maisch ist Rotary-Governor des Distrikts Hessen 1820 und war von 1989 bis 2012 Direktor der Klinik für Kardiologie am Uniklinikum. Als Kardiologe befasst er sich seit 35 Jahren mit den möglichen Folgen entzündlicher Herzerkrankungen. Poliovirus ist ein Enterovirus. Einige Enteroviren, aber nur ganz selten Polioviren, verursachen auch eine entzündliche Herzerkrankung.

OP : Professor Maisch, wie gefährlich ist das Poliovirus?

Maisch: 95 Prozent der Poliovirusinfektionen verlaufen asymptomatisch, das heißt ohne erkennbare Symptome einer Kinderlähmung. Von den symptomatischen, also klinisch auffälligen Patienten, haben viele nur eine gutartige Hirnhautentzündung mit allgemeinen grippeähnlichen Krankheitssymptomen. Bei einem kleinen Teil der Patienten kann es zu einem Befall des zentralen Nervensystems kommen. Das Virus befällt bevorzugt die motorischen Hirnnervenkerne und die motorischen Zellgebiete des Rückenmarks, was zu den charakteristischen schlaffen Lähmungen führt. Daher auch die Bezeichnung „Kinderlähmung“. Meist sind die Lähmungen und der Muskelschwund rumpfnah und asymmetrisch an Armen und Beinen verteilt. Bei schweren Verläufen sind auch die Atem- sowie Schluckmuskulatur betroffen. Die Atemlähmung ist deshalb besonders gravierend, weil man nicht genau sagen kann, ob und wie sie sich zurückentwickelt.

OP: Wie verläuft eine „typische“ Infektion mit Polioviren?

Maisch : Die meisten Patienten erholen sich, wenn die akute Infektion überstanden ist und die durchaus mit Lähmungserscheinungen einhergehen kann, mit Hilfe intensivmedizinischer Maßnahmen recht gut. Lähmungserscheinungen, die sich innerhalb eines halben Jahres nicht zurückgebildet haben, sind meist bleibend. In einzelnen Fällen kommt es mit einer Latenz von Jahren bis zu Jahrzehnten zu einem erneuten Krankheitsprozess mit fortschreitenden Lähmungserscheinungen in den bereits betroffenen Muskeln, einem sogenannten „Postpoliosyndrom“. Vermutlich handelt es sich um eine autoimmune Spätfolge oder einen degenerativen Prozess – ähnlich wie beim Chronic Fatigue Syndrom. Die Zuordnung dieser Späterkrankungen bereitet uns Medizinern immer noch Kopfzerbrechen, denn Post-Polio-Erkrankte gibt es auch bei uns. Wir hatten in unserem kürzlichen Clubtreffen 2 betroffene Menschen zu Gast, die uns über ihre Polioerkrankung und das Post-Polio-Syndrom aus erster Hand berichtet haben.

OP: Polio gilt in Deutschland seit 1992 als ausgerottet. Wo tritt Polio heute noch auf?

Maisch: Aktuell gibt es nur noch 2 Länder auf der Welt, in denen Polio vorkommt: Pakistan und Afghanistan. Von Januar bis Juli dieses Jahres hat es in Afghanistan fünf neue Fälle gegeben und in Pakistan 28. Seitdem sind dort besondere Anstrengungen wie effektive Impfrunden entlang der 250 Kilometer langen Grenze und Impfcamps errichtet worden. Durch eine Durchimpfung der Bevölkerung erhofft man sich, die oral-fäkale Infektion, die nur von Mensch zu Mensch übertragen wird, zu unterbrechen. Im letzten Jahr wurden in der Ukraine und in Israel Polioviren im Abwasser nachgewiesen. Aber dadurch, dass dort ein Impfschutz besteht, konnte keine neue Epidemie ausbrechen. Trotzdem gibt es Impflücken – auch bei uns, gerade in der Bevölkerungsschicht der 40- bis 50-Jährigen.

OP: Wie kann man sich vor Polio schützen?

Maisch: Zunächst durch hygienische Maßnahmen, aber definitiv nur durch eine effektive Impfung. Es gibt keine Behandlung wie bei bakteriellen Erkrankungen durch ein Antibiotikum. Die hygienischen Maßnahmen sind wichtig, weil die Übertragung ja fäkal-oral verläuft. So ist es eine großartige Leistung, dass es Indien dank einer erfolgreichen Impfkampagne im letzten Jahr geschafft hat, den Status „Polio-frei“ von der WHO zu erhalten. Auch Nigeria, das letzte Land in Afrika, das bis vor kurzem noch Polioerkrankungen aufwies, ist seit über 12 Monaten ohne neue Polioerkrankung.

Afghanistan und Pakistan, wo die hygienischen Standards oft noch niedrig sind und die Impfrate noch nicht ausreichend ist, sind die einzigen Länder, in denen es heute noch Polioneuerkrankungen gibt. Deutschland hat einen 89-prozentigen Impfschutz. Das könnte noch besser sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Polioimpfung Pflicht.

Die Schluckimpfung wurde uns Schülern damals unter dem Motto angeboten: Die Schluckimpfung ist süß, aber die Kinderlähmung ist bitter. Das hat uns überzeugt. Heute lassen sich Impfgegner nicht mehr so leicht überzeugen. Aber Impfungen bieten noch immer einen hervorragenden Schutz. Denken Sie an Tetanus oder Diphtherie oder Masern. Die sehr seltenen Impfschäden sind viel geringer als die Folgen einer nicht durchgeführten Impfung im Infektionsfall.

von Ruth Korte

Hintergrund

Poliomyelitis, auch als „Kinderlähmung“ bekannt, ist eine Virus-Erkrankung, die über Schmutz- oder Schmierinfektionen und über verunreinigte Lebensmittel und Wasser übertragen wird. Die Viren werden oral aufgenommen und vermehren sich im Nasenrachenraum und in der Darmwand. Deshalb werden die Poliovirustypen I bis III den Entero-, also Darmviren zugeordnet. Sie werden auch über den Darm ausgeschieden. Auf dem Blutweg gelangen sie zu ihrem „Zielorgan“ und befallen es.

Betroffen ist häufig das zentrale Nervensystem. Eine von 200 Infektionen mit dem Poliovirus führt zu dauerhaften Lähmungen. Etwa fünf bis zehn Prozent der Gelähmten sterben, weil ihre Atemmuskeln unbeweglich werden. Die Krankheit ist unheilbar, einer Ansteckung kann aber mit Impfungen vorgebeugt werden.

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