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Blickpunkt: Gesunde Stadt

Der Herzinfarkt als Beziehungskonflikt

Die Oberhessische Presse sprach mit Dr. Ellis Huber, dem früheren Präsidenten der Berliner Ärztekammer, über Notwendigkeit und Ausrichtung kommunaler Gesundheitspolitik.
Der Präventions-Experte Dr. Ellis Huber während seines Vortrags am Mittwochabend in Marburg: „Bildung heißt die Arznei, die bei den heutigen Krankheiten wirkt.“ Foto: Marcus Hergenhan

Der Präventions-Experte Dr. Ellis Huber während seines Vortrags am Mittwochabend in Marburg: „Bildung heißt die Arznei, die bei den heutigen Krankheiten wirkt.“

© Marcus Hergenhan

Marburg. OP: Krankenkassen, Fitnessstudios, Gesundheitsämter, Bund und Länder – sie alle kümmern sich um Gesundheitsvorsorge. Warum sollen nach Ihrer Vorstellung auch Kommunen dieses Feld beackern?

Dr. Ellis Huber: Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer Gesundheitscharta von Ottawa schon im Jahr 1986 festgestellt, dass Gesundheit von den Menschen selbst geschaffen wird – dort, wo sie arbeiten und leben, dort, wo sie ihre Freizeit gestalten, wo sie lieben.

Es ist Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass wir Gesundheit nicht für die Menschen machen, sondern nur mit den Betroffenen gemeinsam erringen können. Gesundheit ist gelingendes Leben, und dazu brauchen die Menschen Fähigkeiten und Kompetenzen. Diese zu vermitteln ist Aufgabe von Kindertagesstätten und Schulen, auch von Universitäten oder Volkshochschulen.

Menschen brauchen, um möglichst gesund zu sein, auch ein inneres Empfinden von Sinn und Bedeutung. Ganz wichtig ist zudem das Wissen „Ich bin nicht allein, ich kann mich auf eine Gemeinschaft verlassen“ – egal in welcher Situation. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass künftig Gesundheit kommunal gesichert wird, dass Gesundheitspolitik in die Kommunen gehört, ins direkte Lebensumfeld der Menschen.

Einfluss von Bildung und Einkommen

OP: Sie wollen aber nicht, dass Kommunen eigene Arztpraxen betreiben?

Huber: Gesundheitsförderung gestaltet die Lebenswelten, in denen die Bürgerinnen und Bürger sich jeweils aufhalten. Das sind Quartiere, Dörfer, Betriebe oder Pflegeheime: Es gibt arme Stadtteile und reiche, die Lebenswelten sind unterschiedlich. Bildung und Einkommen haben großen Einfluss auf die Gesundheit des einzelnen Menschen.
 Die Neurobiologie und die Gehirnforschung vermitteln uns heute, dass die mentalen und die geistigen Kräfte oft bedeutender sind für unsere Gesundheit als die physikalischen und biochemischen. Gesundheit wird so zur komplexen Gestaltungsaufgabe, bei der Gene, Person oder Persönlichkeit, soziale Kultur und Gemeinschaftsleben miteinander verwoben sind.

OP: Warum soll sich ausgerechnet die Kommune darum kümmern?

Huber: Wo soll ich das sonst machen? 80 Prozent der Ereignisse, die unser Leben beeinflussen, laufen in der Kommune ab. Also ist es nur konsequent, realistisch und lebensnah, hier Einfluss zu nehmen, hier Angebote zu machen.

OP: Klammert Ihr Gesundheitsbegriff nicht ernstzunehmende, schwere Erkrankungen wie zum Beispiel den Herzinfarkt aus?

Huber: Der Gesundheitsbegriff ist ein anderer geworden. Im Maschinenzeitalter wurde der Herzinfarkt begriffen als ein Ergebnis von verstopften Röhren, die man wieder frei bekommen muss. In der postindustriellen Kommunikationsgesellschaft wird der Herzinfarkt als Beziehungskonflikt wahrgenommen. Er tritt gehäuft auf, wenn der Einzelne sich in seinem sozialen Gefüge nicht mehr geborgen fühlt. Um den Herzinfarkt seltener zu machen, muss ich Menschen deswegen schon früh, in den Schulen, dazu befähigen, mit sozialen Konflikten und Stress im Alltag kundig umzugehen.

Ausbildung von Gesundheitskompetenz

OP: Das klingt wenig konkret.

Huber: Der Berufsverband der Präventologen hat beispielsweise ein Lebenskünstler-Diplom entwickelt. Das sind Schulungskurse, die in den Grund- und Hauptschulen umgesetzt werden. 
Da lernen Kinder Atemtechniken, Entspannungsmöglichkeiten und psychosoziale Fertigkeiten, die Aufregung und Ängste abbauen helfen. Und dann sagen 12-jährige Mädchen oder Jungs: Ich habe keine Angst mehr vor der Mathe-Arbeit, ich atme das weg. Wir müssen im Bildungssystem Gesundheitskompetenz ausbilden und auch Krankheiten zum Anlasse nehmen, individuelle Gesundheitskompetenzen zu stärken. Bildung heißt die Arznei, die bei den heutigen Krankheiten wirkt.

OP: Also mehr Gesundheitsunterricht in den Schulen?

Huber: Ja, ich sehe das aber noch umfassender. Es reicht nicht aus, die Menschen über den Kopf zu erreichen, mit Wissensvermittlung. Gesundheit gedeiht mit der Freude am Leben: in der Schule kochen, gemeinsam essen, mit Zeit und Lust lässt Gesunden. Spiel und Spaß lehren gesundheitsdienliches Verhalten.
Wenn Singgruppen zum Gehen kommen und ältere Menschen zum Tanzen gehen, wird Krankheit verhindert und Gesundheit gestärkt.

OP: Und das soll funktionieren?

Huber: Es funktioniert. In Michelfeld in Baden-Württemberg gibt es keine dicken Kinder mehr. Der Bürgermeister dort hat vor zehn Jahren Gesundheit zum kommunalen Programm erhoben, Vereine, Schulen, das bürgerschaftliche Engagement der Leute sowie pensionierte Lehrer vernetzt und gesunde Angebote entfaltet, die den Leuten Freude bereiten. So etwas lässt sich nicht verordnen. Initiativen brauchen die Dörfer, Leute, die mitziehen und anpacken. Dafür kleine Geldmittel bereitzustellen, zeigt übergroße Erfolge.

Bürokratismus als größtest Hemmnis

OP: Mit dem Geld sieht es in Marburg gerade nicht gerade rosig aus. Wie wollen Sie denn eine Stadtverwaltung dazu bewegen, trotzdem Angebote zu entwickeln?

Huber: Das größte Hemmnis für die Gesundheit ist der Bürokratismus, die Angst und Zwanghaftigkeit in vielen Verwaltungen. Gestalten statt Verwalten investiert die vorhandenen Mittel produktiver. Krankenkassen können ihre Budgets für Prävention in kommunale Projekte investieren. Das Präventionsgesetz verpflichtet Kassen, etwa sechs Euro pro Versicherten für die Gesundheitsförderung zur Verfügung zu stellen. Wenn die Stadt noch einmal sechs Euro pro Einwohner dazu gibt, kann man damit viel bewegen und erreichen. Und die Stadt muss sich um solche Initiativen auf der Gestaltungsebene kümmern. Das macht auch Verwaltungsbeamten mehr Freude.

OP: Wie kann ein solches Konzept entwickelt werden, das Sie vorschlagen?

Huber: Wichtiger als ein ab‑
 straktes Konzept ist es, nach den vorhandenen Ressourcen zu schauen – also wo gibt es Mitarbeiter, die Lust haben, ein bestimmtes Angebot im Kindergarten, für Betriebe oder Stadtteile zu machen. Die Menschen selbst stecken voller Ideen, die produktiv sind und kostengünstig.

Innovative Finanzierungskonzepte fallen den Beteiligten auch ein. 
Das funktioniert, wenn die Verwaltungsspitze der Stadt dazu ermutigt, Freiheiten gibt und im Management die engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt. Die vorhandenen Ressourcen reichen, wenn wir sie kreativ nutzen und manchen bestehenden Blödsinn vermeiden.

von Till Conrad


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