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Der Helfer, der keinen Sand schippte

Karl Schnabel Der Helfer, der keinen Sand schippte

Unter den zahllosen Auszeichnungen, die Karl Schnabel im Laufe seines heute 75-jährigen Lebens erhalten hat, beschreibt der Sächsische Fluthelferorden seine Lebensleistung sicher am besten.

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In Caldern informierte Karl Schnabel (links) sich 2005 gemeinsam mit DRK-Präsident Rudolf Seiters über die Arbeit der Tsunami-Helfer.

Quelle: Till Conrad

Marburg. 2002, nach dem Jahrhunderthochwasser an Elbe und Elster, beschloss die sächsische Landesregierung die Einrichtung einer besonderen Ehrung: Der sächsische Fluthelferorden sollte alle Helfer symbolisch belohnen, die über Tage, teils Wochen mitgeholfen hatten, die Deiche zu stabilisieren, Flutopfer zu retten oder die Folgeschäden zu beseitigen.

Einer der ganz wenigen Menschen, die diesen Orden erhalten haben, ohne eine einzige Schippe Sand in einen Sack geschaufelt zu haben, ist Karl Schnabel.

Es war auch nicht der sächsische Ministerpräsident, der dem damaligen Vorsitzenden des DRK-Kreisverbandes Marburg die Medaille verlieh, sondern die ehemalige Sozialamtsleiterin im Landkreis Sächsische Schweiz, Marte Trautmann.

Hintergrund war, dass der Kreisverband Marburg des Deutsche Roten Kreuzes und die OP gemeinsam zu einer Spendenaktion aufgerufen hatten und mit dem Geld der OP-Leser - mehr als eine halbe Million Euro - verschiedene Aufbauprojekte in Sachsen und Sachsen-Anhalt ermöglicht hatten: In vielerlei Hinsicht in erster Linie ein Verdienst von Karl Schnabel. Der Sozialdemokrat und langjährige Landtagsabgeordnete hatte bei den Spendenaufrufen seine ganze persönliche Autorität in die Waagschale geworfen und garantiert, dass jeder Spenden-Cent bei den Opfern direkt ankommt. Schnabel setzte dies auch durch - und er suchte die Projekte, die DRK Marburg und OP schließlich unterstützten, nach mehreren teils aufreibenden Reisen in die Katastrophengebiete in Absprache zwischen DRK Marburg und OP sorgfältig aus.

Es zeichnet Karl Schnabel aus, dass dieses Hilfsprojekt (wie auch viele andere) nicht bürokratisch abgewickelt wurde, sondern stets mit dem ganzen Einsatz von Herz und Seele. Triebfeder seines Handelns waren immer Anteilnahme und Mitgefühl.

Auf dieser Grundlage können persönliche Kontakte, gar persönliche Freundschaften entstehen - wie in Pirna, der Kreisstadt des Landkreises Sächsische Schweiz südlich von Dresden. Und auf dieser Grundlage, und damit schließt sich der Kreis zur Sächsischen Fluthelfermedaille, hatte sich Marte Trautmann bemüht, die Dankbarkeit der Menschen im Landkreis auszudrücken.

Sie überzeugte schließlich jemanden, seine Fluthelfermedaille an den Mann aus dem fernen Marburg abzugeben, weil dessen Einsatz für die Opfer mindestens ebenso wertvoll sei. Die Solidarität, die die Menschen im südlichen Sachsen durch Karl Schnabel in seiner ganz speziellen Art erfahren hatten, „hat wahrlich zu einem Zusammenwachsen von Ost und West beigetragen“, sagte Trautmann damals, im Jahr 2003, bei der Überreichung der Medaille an Karl Schnabel.

So wie bei der Flutkatastrophe hat Karl Schnabel seinen Einsatz für andere Menschen immer gehandhabt: Nicht nur mitfühlend, sondern zugleich anpackend und andere mitnehmend: Ob beim Transport von Hilfsgütern in die Länder des früheren Jugoslawien, ob bei der Hilfe für die Marburger Herzchirurgie, ob beim Aufbau der Marburger Tafel - Schnabel hat sich stets an die vorderste Stelle gesetzt und sich alles abverlangt. Als ehrenamtlicher Kreisvorsitzender des Marburger DRK-Kreisverbandes war er beispielsweise bis 2011 fast täglich in der Geschäftsstelle

Dass er auch in bedrückenden Situationen nie seinen Humor verloren hat, ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe, dass Schnabel das über Jahrzehnte durchgehalten hat. Und es ist Ursache dafür, dass die vielen Menschen, mit denen er zusammengearbeitet hat, sich gerne an diese Zeit zurückerinnern.

von Till Conrad

Im Blickpunkt

Karl Schnabel, 1938 in Dortmund geboren, kam nach dem Krieg nach Marburg. Der gelernte Heizungsbauer engagierte sich für die SPD in der Kommnalpolitik. Von 1974 bis 1995 gehörte er dem Hessischen Landtag an. Schnabel bekleidete zahlreiche Ehrenämter. 2005 wurde er für sein Engagement mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

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