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Der Garten als Generationen-Treffpunkt

Saisongarten Der Garten als Generationen-Treffpunkt

Gummistiefel an, Gartenhandschuhe gekauft und ab ins Beet. Neun Garten-Parzellen hat die Oberhessische Presse unter Lesern verlost. Die Gewinner erzählen von Gemüse-Graus und einem Mehr-Generationen-Projekt.

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Die OP-Gewinner freuen sich auf die Gartensaison. Die Beweggründe zur Bewerbung könnten unterschiedlicher kaum sein.

Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Carina Leinweber hat zarte Hände und mag kein Gemüse. Niemals. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen, um eine Saison lang ein Stück Land zu bewirtschaften. Und doch ruht alle Hoffnung auf der 22-Jährigen. Schließlich kommt sie vom Bauernhof. Selbst wenn sie keine Möhrchen isst, wird sie wohl einen Setzling von Unkraut unterscheiden können. Das zumindest hoffen ihre sieben Garten-Mitstreiter. Bei dem Gewinnspiel der Oberhessischen Presse hat sich der Freundeskreis um eine 30-Quadratmeter-Parzelle auf dem Biohof Böhm in Bauerbach beworben. Unter den zahlreichen Einsendungen wurden neun Gewinner ermittelt. Bei der ersten Infoveranstaltung wurde den künftigen Gemüseanbauern schnell eines klar: Das wird ein Buddelabenteuer. Eines, das die Neu-Marburger nur noch enger zusammenschweißen kann. Eines, auf das sich Neu-Gärtner und Koch Sebastian Klostermann besonders freut. Frische Produkte schätzt er. Feldfrische Ernte ist jedoch auch für ihn die Ausnahme.

Auch Hanne Rinke zählt zu den Gewinnerinnen. Die Marburgerin ist vor einiger Zeit von einem Haus in eine kleinere Wohnung gezogen. Ein paar Blümchen hat sie in einem kleinen Beet angepflanzt. Einen Nutzgarten bewirtschaftet sie schon lange nicht mehr. In diesem Sommer will sie das ändern. Gemeinsam mit ihrer vierjährigen Enkelin hat sie sich vorgenommen, die 30-Quadratmeter-Parzelle zu bewirtschaften. „Ich möchte meiner Enkelin die Begeisterung für diese Arbeit so nahe bringen, wie das meine Oma einst bei mir gemacht hat. Vielleicht hat sie ja ein grünes Händchen.“ Gemeinsam mit ihrer Enkelin hat sie schon erste Vorbereitungen für die Gartensaison getroffen. „Wir haben ein paar Gartengeräte gekauft“, erzählt Hanne Rinke voller Vorfreude.

Gemeinsam mit seinen Enkeltöchtern aufs Feld - das will auch Waldemar Heeb. Der 83-Jährige kann die Aufregung um so ein bisschen Land nicht nachvollziehen. Früher, da sei das doch ganz normal gewesen, eigenes Gemüse und Obst anzubauen. Eine Notwendigkeit. „Es gab keinen Supermarkt“, erinnert er sich schmunzelnd. Statt mittags vor der Playstation zu sitzen, musste Waldemar Heeb als Kind Kartoffelkäfer von den Pflanzen pflücken. Eine mühsame, manchmal unbeliebte Arbeit. Aber diesen Teil, da gibt sich Heeb zuversichtlich, können ja jetzt seine beiden Enkeltöchter übernehmen. „Die können noch nicht so viel im Garten. Außer auf der Wiese liegen“, scherzt er. „Ich werde einfach die Anweisungen geben.“ Wenn er da mal nicht die Rechnung ohne seine Tochter und seine Enkelinnen Anna Wittich (27) und Carolin Wittich (22) gemacht hat. Anna Wittich war es, die die Bewerbung für einen „Drei-Generationen-Garten“ abschickte. Ein Familienprojekt, wie sie betont. Eines, bei dem Opa Waldemar den Ton angeben darf. Sie selbst hat noch keine Gartenerfahrung.

„Wird schon“, beruhigt Arnold Nau-Böhm. Gemeinsam mit seiner Frau Bettina Böhm betreut er die Saisongärten. Er hat schon viele Hobbygärtner kommen und gehen sehen. Solche, die jeden Tag mit der Gießkanne anrücken und solche, deren Parzelle schon nach wenigen Wochen aussieht wie „Kraut und Rüben“. Für beide hat er ein mildes Lächeln, nicht immer aber Verständnis übrig. „Mit dem Gießen meinen es alle immer zu gut. Unser Acker liegt in der Aue, da ist richtig gute Erde. Da wird jedes Jahr etwas wachsen. Die Pflanzen suchen sich das Wasser schon von allein“, erklärt er den knapp 30 Zuhörern. Erstaunte Gesichter. Hier und da ein fast trotziges Kopfschütteln. „So ein Boden hat Reserven. Da ist nutzbares Wasser drin“, versucht es Böhm erneut. Wieder Kopfschütteln seitens der Zuhörer. Irgendwie wollen sie nicht so recht glauben, dass es so einfach sein kann.

Gewinnerin Solvey Demant ist die einzige im Raum, die sich ein zustimmendes Nicken nicht verkneifen kann. Sie hat in der vergangenen Saison schon einmal mit Freunden eine Parzelle bewirtschaftet. In diesem Jahr will sie sich mit ihren Eltern die Arbeit teilen. „Es ist ein ganz anderes Gefühl. Es schmeckt doch ganz anders, wenn man so ein Möhrchen gerade aus der Erde gezogen hat, schnell abwäscht und sofort isst“, erzählt Solvey Demant, Mutter eines zweijährigen Sohnes.

„Wenn man berufstätig ist, dann muss man lange nach Sachen suchen, die man als Familie gemeinsam tun kann“, erklärt auch Deanny Beyer. Die wenige gemeinsame Zeit sinnvoll nutzen - dieser Gedanke war es, der ihr den Anstoß zur Bewerbung um den Saisongarten gab. Ihre beiden Kinder - die müssen mit aufs Feld. Ob sie wollen oder nicht. Schließlich ist sich Mutter Deanny sicher: „Wenn man für sein Essen arbeiten muss, ist der Geschmack ganz anders.“

Und wer weiß, vielleicht wird auch Carina Leinweber, die junge Gärtnerin, die kein Gemüse mag, ihre Meinung ändern. Spätestens dann, wenn sie den Lohn ihrer Mühe ernten kann.

  • Tipps für den Garten und Geschichten aus dem Garten lesen Sie ab sofort jeden Samstag an dieser Stelle.

von Marie Lisa Schulz

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