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„Der Finger muss auf die Täter zeigen“

Frauenrechtlerin Dr. Monika Hauser „Der Finger muss auf die Täter zeigen“

Die mehrfach prämierte Frauenrechtlerin sprach auf Einladung des Ärztinnenbundes vor 100 Zuhörern im Historischen Rathaussaal.

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Die Frauenrechtlerin Dr. Monika Hauser.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Die Gynäkologin aus Südtirol und Gründerin der Frauenrechts- und Hilfsorganisation „medica mondiale“ berichtete über traumatische Folgen von Krieg und Konflikten für Frauen und Mädchen in den Krisenregionen dieser Welt.

Zu der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung eingeladen hatte die Regionalgruppe Marburg des Deutschen Ärztinnenbundes. Sexualisierte Kriegsgewalt ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte, wird nach wie vor als systematisches Mittel der Kriegsführung eingesetzt, machte Hauser deutlich.

Engagement seit dem Bosnienkrieg

Seit Jahrzehnten setzt sich die Referentin daher mit zahlreichen Aktiven des Vereins für betroffene Frauen ein, hilft den Opfern vor Ort „weiter zu leben, nicht nur zu überleben“. Ihr geht es „um Gerechtigkeit und Würde, wir wollen, dass sich nachhaltig etwas verändert“, betont die Medizinerin.

Sie begann ihre Initiative Anfang der 1990er Jahre, zur Zeit des Bosnienkrieges, der kriegerischen, von ethnischen Säuberungen und gezielten Massenvergewaltigungen begleiteten Auseinandersetzung verschiedener Volksgruppen. „Ende 1992 war ich sehr wütend, diese Wut hält bis heute an“, betonte die Ärztin.

Sie begann vor Ort Anlauf- und Beratungsstellen, medizinische und psychologische Hilfe für Frauen und Mädchen zu organisieren. Später weitete „medica mondiale“ seinen Einsatzbereich unter anderem auf Kriegs- und Krisenregionen in Albanien, Kosovo, Liberia oder Afghanistan aus.

Seit mehr als 20 Jahren setzt sich die Organisation für die Rechte von Frauen und Mädchen ein, baut eigenständige Therapiezentren und Zufluchtsorte für die Opfer auf. Hürden gibt es dabei viele – neben den teils katastrophalen Zuständen vor Ort stehen den internationalen Projekten häufig Korruption, Bestechung, patriarchalische Strukturen sowie fehlende Frauenrechte entgegen – ebenso wie verbreitete häusliche und sexuelle Gewalt und kulturell stark verankerte Frauenbilder. Denn auch wenn die betroffenen Frauen Gewalt und Misshandlungen überleben, die Opfer werden danach häufig aus der Gesellschaft ausgeschlossen, gelten „als Ausgegrenzte, als dreckige Frauen“.

UN-Soldaten besuchen Zwangsbordelle in Liberia

„Der Finger muss auf die Täter zeigen, nicht auf die Opfer“, erklärt Hauser. Auch die Beratung der Familien steht im Fokus der Organisation. So klären die Helfer etwa die Eltern auf, dass sie sich strafbar machen, wenn sie ihre zehnjährige Tochter an einen Mann zwangsverheiraten. Ein Wandel müsse ebenfalls die weit verbreitete Praxis der Zwangs- wie Überlebensprostitution erfahren.

Die Ausnutzung von Frauen in Zwangsbordellen gehört nach Hausers Erfahrung unter anderem in Liberia zum Alltag der verarmten Bevölkerung, wird aber auch von Hilfsorganisations-Mitgliedern praktiziert. So habe sie regelmäßig etwa Soldaten der UN beim Besuch der Bordelle erlebt.

In früheren wie in heutigen Kriegen und Konflikten mangele es generell an wirkungsvollen Hilfsmaßnahmen für die Opfer sexualisierter Gewalt. „dabei kann man traumatisierten Frauen sehr wohl helfen“. Auch vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise sind ein umfassendes Wissen im Umgang mit den Opfern oder adäquate Fortbildungsmaßnahmen für Helfer bis heute Mangelware, kritisiert Hauser. Aus diesem Grund hat die Organisation Deutschland „zu einem Projektland erklärt“.

In vorerst kleinem Stil bildet der Verein Flüchtlingshelfer in psychosozialer Begleitung aus, gibt Tipps im Umgang mit traumatisierten Frauen. Unter anderem gelte es, diesen ohne Angst zu begegnen, auf ihre Stärke zu vertrauen, sie dabei zu unterstützen, diese auch wahrzunehmen, um das Erlebte aus eigener Kraft überwinden zu können. Bei persönlichen Fragen nach traumatischen Erlebnissen oder bei Körperkontakt sei wiederum Zurückhaltung und gleichfalls eine spürbare Empathie angebracht.

von Ina Tannert

 
Zur Person
Für ihren „weltweiten Einsatz für Opfer sexueller Gewalt in Kriegsgebieten und humanitären Einsatz“ erhielt Dr. Monika Hauser 2008 den „Right Livelihood Award“, bekannt als „Alternativer Nobelpreis“.
 
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