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Der Blista-Alltag wird begreifbar

Ausstellung mit dem Titel „blick:punkte“ Der Blista-Alltag wird begreifbar

Seit 100 Jahren besteht die Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg: Die Jubiläumsausstellung wird am Sonntag im Landgrafenschloss eröffnet.

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Einmaliger Bestand zur Foto-Geschichte

Thorsten Büchner ertastet die Lahn am Marburger Blinden-Stadtplan (großes Foto). Ulrike Adamek betrachtet eine Schautafel zur Blista-Geschichte.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Warum essen Blinde zum Frühstück am liebsten Sesambrötchen? Weil da immer so schöne Kurzgeschichten drauf stehen. Dieser Blindenwitz ist ein Bestandteil der Ausstellung zum 100-jährigen Bestehen der Marburger Blindenstudienanstalt und spielt mit der Ähnlichkeit der Sesamkörner und der Blindenschrift, die bekanntlich aus nebeneinander angeordneten Punkten besteht. Zur Verdeutlichung dieses Witzes hängt übrigens an einer Schnur neben dem auf großen Lettern ausgedruckten Witz ein Sesambrötchen.

„Wir haben viele Witze gesammelt, manche sind toll, manche sind doof“, erzählt Thorsten Büchner. Der blinde SPD-Stadtverordnete ist gleichzeitig auch Dozent an der Schule, die zur Blista gehört. Und er gehörte zum Team, das die Ausstellung vorbereitet hat.

Gründung während der Kriegswirren

„Unsere Ausgangsfrage war: Wie kriegt man 100 Jahre Geschichte der Blindenstudienanstalt in einen Raum?“, erläutert Claus Duncker, der Direktor der Blindenstudienanstalt. Und so schauten sich die Macher der Ausstellung die Gründungsgeschichte der bundesweit einzigartigen Einrichtung genau an und stießen unter anderem im Keller und auf dem Dachboden der Blista auf einige jetzt ausgestellte Fundstücke, erzählt Duncker. So kam eine Telefonanlage der Firma Siemens für Blinde aus den 40er-Jahren zutage, ebenso wie eine Blinden-Schrift-Maschine für einarmige blinde Soldaten.

100 Jahre Blindenstudienanstalt in Marburg: Darum geht es bei der Ausstellung, die am Sonntag im Landgrafenschloss eröffnet wird.

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Für Kriegsversehrte im 
Ersten Weltkrieg, die häufig bei Gasangriffen oder durch 
Granatensplitter ihr Augenlicht verloren hatten, war die Blindenstudienanstalt im Jahr 1916 noch mitten in den Kriegswirren 
gegründet worden. Federführend war neben Carl Strehl 
 auch Alfred Bielschowsky, der damalige Direktor der Universitäts-Augenklinik.

Besonders beleuchtet wird in der Ausstellung auch die 
Geschichte der speziellen Bildungseinrichtung für Blinde 
in der Zeit des Nationalsozialismus. Das einzige Objekt, das unter einer Vitrine liegt, ist ein Exemplar in Punktschrift von Adolf Hitlers „Mein Kampf“.

Ansonsten ist aber alles absichtlich anfassbar. Anschaulich wird zum Beispiel gezeigt, wie sich die Blindenhilfsmittel – vom Blindenstock bis zum Hörbuch – im Laufe der Zeit verändert haben. Mit Hilfe von schwarzen Brillen aus Stoff 
oder Pappe können sehende 
Besucher sich außerdem selber 
hineinversetzen, wie es ist, nichts mehr zu sehen. An einem Globus kann man die einzelnen Kontinente und Staaten anhand der reliefartigen Gestaltung wortwörtlich begreifen. 
Ein Mensch-Ärger-Dich-Nicht-Spiel für Blinde (rundes Foto links) oder der komplette Marburger Stadtplan in der Groß-Version bieten weitere Möglichkeiten zum interaktiven Entdecken.

Keine Kompromisse bei Barrierefreiheit

Übergreifendes Thema ist das gesellschaftliche Miteinander von Blinden und Sehbehinderten sowie von sehenden Menschen. Und auch auf diese Fragen gibt es Antworten: Wie träumen Blinde? Sehen Blinde auch fern? Wie können Blinde sich verlieben, wo sie doch den Partner gar nicht sehen? Wie sieht die Berufswelt von blinden Menschen aus?

Entstanden ist die Ausstellung im Kleinen Rittersaal des Schlosses übrigens als eine Gemeinschaftsarbeit, an der Vertreter der Blista, der Universität, bei der Stadt Marburg und der Agentur „con cultura“ mitgemacht haben. „In puncto Barrierefreiheit haben wir keine Kompromisse gemacht“, erläutert Elke Hartkopf (con cultura) das Konzept der Ausstellungsmacher. So weisen Hinweise in Blindenschrift auch Blinden und 
Sehbehinderten den Weg.

Die Informationen werden jeweils nicht nur in Schwarz-Schrift (der Schrift für Sehende), sondern auch in der Hörvariante geliefert. „Es soll für Blinde und Sehende gleich spannend sein“, erläutert Hartkopf. Entwickelt wurde übrigens speziell zur Ausstellung auch ein internetbasierter Audioguide, erläuterte der städtische Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner.

Die Ausstellung „blick:punkte“ wird als hessischer Auftakt zum Internationalen Museumstag von Kulturminister Boris Rhein am Sonntag, 22. Mai, ab 11 Uhr im Landgrafenschloss eröffnet und ist bis zum 4. Dezember geöffnet. Information und Anmeldung: Blista, Telefon 06421 / 506105 oder per Mail unter besuch@blista.de

von Manfred Hitzeroth

 
Hintergrund

Die Ausstellung „blick:punkte“ in Marburg ist am kommenden Sonntag ab 11 Uhr im Marburger Schloss zugleich die offizielle Auftakt-Veranstaltung des Internationalen Museumstages in Hessen. Koordiniert werden die Aktivitäten der hessischen Museen vom Hessischen Museumsverbands.

Dessen Vorsitzender Dr. Thomas Wurzel sagte am Dienstag in Marburg, dass der Austragungsort Marburg ein besonders positives Bild bei der Entwicklung seiner Museen biete.Mehr als 200 Museen bieten in Hessen am Sonntag ein buntes Programm.

Unterstützt wird der Museumstag auch vom Land Hessen, für das Minister Boris Rhein (CDU) zur Eröffnung kommt. Das Universitätsmuseum auf dem Marburger Schloss eigne sich besonders dafür, sagte Regine Bantzer vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Neben den zahlreichen Exponaten in den Ausstellungen sei vor allem das Schloss selber das wichtigste Schaustück, sagte Bantzer.

Die Wahl als offizieller Startort sei eine große Ehre für Marburg, betonte Kulturdezernentin Dr. Kerstin Weinbach (SPD). Darüber freute sich auch Uni-Vizepräsident Professor Joachim Schachtner. Eigens zum Museumstag gab das Kulturamt auch eine Broschüre heraus, die alle Museen auflistet.

 
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