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Der Bildungsweg einer Terroristin

Ulrike Meinhof Der Bildungsweg einer Terroristin

Neue Schlaglichter auf die Marburger Studienjahre der späteren RAF-Terroristin Ulrike Meinhof wirft jetzt das Buch "Meinhof, Mahler, Ensslin" der Studienstiftung des deutschen Volkes.

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Auf dem Fahndungsplakat aus den 70er Jahren, mit dem nach Terroristen der „Rote Armee Fraktion“ gefahndet wurde, ist linksdas Foto mit Informationen zu Ulrike Meinhof.

Quelle: dpa

Marburg. Sie gehörten zur Führungsebene der ersten Stunde der „Rote Armee Fraktion“: Ulrike Meinhof, Horst Mahler und Gudrun Ensslin hatten aber auch noch etwas gemeinsam: Sie studierten alle als Stipendiaten der Studienstiftung des deutschen Volkes an deutschen Universitäten. Was die jetzt nach dem Auslaufen der Persönlichkeits-Schutzfrist öffentlich gemachten Akten über ihren Studienalltag verraten, ist aus Marburger Sicht besonders im Fall von Ulrike Meinhof (1934 - 1976) interessant.

Denn ihre ersten vier Studiensemester verbrachte sie als Studentin an der Marburger Universität, bevor sie für ein Semester nach Wuppertal und dann an die Uni Münster wechselte. Konnte man die spätere Entwicklung der Stipendiatin hin zur politischen Radikalität bereits in diesen für die geistige Entwicklung prägenden Uni-Jahren entdecken?

Einigen Aufschluss darüber geben die in dem Buch zusammengefassten schriftlichen Unterlagen aus der „Akte Meinhof“, darunter nicht nur Meinhofs eigene Semesterberichte, sondern auch Beurteilungen von Professoren.

Besonders spannend liest sich im Nachhinein Meinhofs Beurteilung durch die Pädagogik-Professorin Elisabeth Blochmann, bei der die Studentin zwei Proseminare belegt hatte. Blochmann bescheinigt Meinhof in der schriftlichen Stellungnahme im Juli 1956 ein „genuin wissenschaftliches Denken“ und ein methodisch exaktes Denken. Die drei von ihr vorgelegten Referate seien für „ein junges Semester“ durchaus ungewöhnlich, meint die Professorin.

Jedoch falle ihr „an diesem jungen Menschen“ vor allem ihr „existentieller Ernst“ auf. Darin liege allerdings auch eine Gefahr für Meinhof. „Sie neigt dazu, Probleme theologisch zu radikalisieren, und ich habe den Eindruck, dass sie in letzter Zeit in eine gewisse geistige Krise geraten ist“, meint Blochmann. Jedoch seien solche Erfahrungen „bei ernsten Menschen unvermeidlich“ und könnten „als eine Bestätigung ihrer geistigen und menschlichen Qualität angesehen werden, schränkt die Professorin ein.

Ulrike Meinhof hatte ihr Studium der Pädagogik, Psychologie und Geschichte im Wintersemester im Sommersemester 1955 in Marburg aufgenommen. Im mit der Schreibmaschine ausgefüllten Bewerber-­Bogen gab sie als angestrebtes Berufsziel eine Lehrtätigkeit an pädagogischen Bildungsstätten an. Von der Gutachterin Mathilde Gantzenberg wurde sie in einem Empfehlungsschreiben als klug und überdurchschnittlich begabt sowie selbstständig und klar bezeichnet.

Neben Einführungs-Vorlesungen belegte Meinhof in den ersten beiden Semestern unter anderem eine Übung zum Thema „Das pädagogische Problem der Strafe“ eine Vorlesung über „Anpassung und Lernen im menschlichen Verhalten“ und eine Vorlesung zum Thema „Deutschland und der Osten im Mittelalter“. Ausführlich erläuterte sie in ihren Berichten an die Studienstiftung auch die Inhalte ihrer Hausarbeiten.

Beschäftigung mit Marx und Lenin

Ihr drittes Semester an der Uni Marburg bezeichnete sie ausdrücklich als ihr bisher schönstes Semester. Es sei das erste Semester gewesen, in dem sie nicht nur „gearbeitet“, sondern auch richtig „studiert“ habe.

Zudem habe sie sich dafür entschieden, Psychologie vom zweiten Hauptfach neben Pädagogik zum Nebenfach zurückzustufen und neben Geschichte vermehrt auch Kunstgeschichte zu studieren.

In ihrem letzten Marburger Semester, dem Wintersemester 1956/57 beschäftigte sich Meinhof bei der Aufarbeitung der sowjetrussischen Pädagogik von A.K. Makarenko verstärkt auch mit den Schriften von Karl Marx und Lenin.

Neben dem oben erwähnten Gutachten von Elisabeth Blochmann liegt noch ein weiteres Schreiben eines Marburger Dozenten über Ulrike Meinhof, das des Vertrauensdozenten und Theologie-Professors Ernst Benz. Er äußert sich ebenfalls sehr positiv über sie. So schreibt er, dass Meinhof in der Gemeinschaft der Studienstiftler durch „anregende Kameradschaftlichkeit“ sowie durch „reges und verständiges Interesse vor allem an psychologischen, geistesgeschichtlichen und künstlerischen Problemen“ aufgefallen sei.

„Im Wissen um den weiteren Gang der Geschichte mutet es paradox an, dass Meinhof, Mahler und Ensslin in diesen Zirkel der bundesdeutschen Eliteförderung gelangt sind“, merkt der Herausgeber, der Historiker Alexander Gallus, im Vorwort der Sammlung der Akten der Studienstiftung an.

Allerdings solle der Quellenband weniger zu der Frage beitragen, wie junge Menschen zu Terroristen werden, sondern vielmehr die Studienjahre dreier junger Menschen unter die Lupe nehmen, die zur bundesdeutschen Stu­dienelite zählten.

Hätte die Studienstiftung die Entwicklung von Meinhof, Mahler und Ensslin zu Terroristen verhindern können oder müssen? Dazu meint Reinhard Zimmermann, aktueller Stiftungspräsident, dass die Stiftung ihre Stipendiaten zum Einstehen für ihre Überzeugungen sowie zu Toleranz und Respekt für andere Menschen erziehe und Vertrauen in die Geförderten setze, ihre Talente zum Wohl der Allgemeinheit zu entfalten. Doch dieses Vertrauen, in das investiert worden sei, könne eben auch enttäuscht werden.

  • Alexander Gallus (Herausgeber): Meinhof, Mahler, Ensslin. Die Akten der Studienstiftung des deutschen Volkes. Verlagsgruppe Vandenhoeck & Ruprecht. 296 Seiten. 60 Euro.

von Manfred Hitzeroth

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