Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Regenschauer

Navigation:
Der Arbeitermord von Mechterstädt

Geschichte Der Arbeitermord von Mechterstädt

Am 25. März 1920 erschossen Mitglieder des „Studentenkorps Marburg“ 15 Arbeiter auf einer Landstraße nach Gotha – die Tat beschäftigte damals sogar den Reichstag. Ein Rückblick.

Voriger Artikel
Waschmaschine mit Abschiedsbrief
Nächster Artikel
„V-Leute-System infrage stellen“

Der Gedenkstein bei Mechterstädt in Thüringen erinnert an die Bluttat.

Quelle: privat / CTHOE via Wikimedia Commons

Marburg. Auf einen Gefangenentransport bei Mechterstädt (Thüringen) wurde die Tat auf die Männer verübt. Offiziell hieß es „auf der Flucht  erschossen“. Aber da dichter Nebel herrschte, die Häftlinge Schussverletzungen von vorne aufwiesen und zertrümmerte Schädel hatten, sprach vieles gegen eine Flucht, dafür umso mehr für kalkulierten Mord.

Doch die Bluttat blieb ungesühnt – was unter Historikern und Rechtsexperten als einer der größten Justizskandale der Weimarer Republik gilt.

Das war passiert: Nach dem Scheitern des sogenannten Kapp-Putschs wurden 15 von 40 Verdächtigen am 25. März 1920 durch das Marburger Studentenkorps separiert. Diese sollten zum Verhör nach Gotha gebracht werden, für den Fall eines Fluchtversuchs wurde ihnen von der Wachmannschaft (neun Corpsstudenten und fünf Burschenschafter) die sofortige Erschießung angedroht.   Am Morgen fielen die tödlichen Schüsse, quer durch den Ort.

Damaliger Reichsminister: „feige Marburger Buben“

Die Studenten sprachen von Fluchtversuchen, Rechtsmediziner stellten hingegen Kopfschüsse aus nächster Nähe fest.  Ein Monat nach den Vorfällen wurden die Marburger von einem Kriegsgericht freigesprochen. Das Urteil sorgte für Aufregung, der Reichstag in Berlin befasste sich mit den Vorfällen.

Der damalige Kultusminister Konrad Haenisch sprach vom „feigen Meuchelmord der Marburger Buben“ . Dadurch brachte er neben Marburgs Korporationen weite Teile der deutschen Studenten gegen sich auf. Der Allgemeine Studentenausschuss von Marburg (Asta) verurteilte Haenischs Äußerungen. Jedoch: Auch die Berufung gegen die kriegsgerichtliche Entscheidung vor dem Kasseler Schwurgericht endete in Freisprüchen, woraufhin Haenisch  in einem Brief an die Vorsitzenden der Deutschen Studentenschaft seine Aussagen zurücknahm.

Die Marburger Studentenszene war damals geprägt durch einen hohen Anteil von Korporierten. Im Herbst 1919 bildete sich auf Betreiben der Kasseler Reichswehrleitung das Studentenkorps Marburg (StuKoMa). Da ein Angriff der Kommunisten auf Marburg befüchtet wurde, wurden Verbindungsstudenten bereits zuvor von der örtlichen Reichswehreinheit mit Waffen ausgestattet.

Mitte März 1920 folgte das StuKoMa einem Kampf-Aufruf, wonach „bewaffnete Banden raubend und plündernd“ durch das Nachbarbundesland Thüringen zögen. Im Zuge dessen kam es zu den Vorfällen in Mechterstädt. Einige verbliebene republiktreue Studenten, die die sogenannte Volkskompanie gründeten (etwa Wilhelm Röpke, Ernst Lemmer und Gustav Heinemann), machten die Erschießungen später publik.

Eine Gedenktafel, welche die Taten der „Marburger Studenten“ offen anprangerte, wurde in der NS-Zeit abgeändert, so dass die Opfer „in den blutigen Wirren der Nachkriegszeit“ starben.

Zur Erinnerung an das Ereignis wurden in Thüringen Gedenksteine errichtet. Am 25. März 2010 fand auf  dem Thaler Friedhof eine Gedenkveranstaltung statt – mit einer Delegation des Marburger Magistrats.

Einer der Getöteten war Karl Füldner. Sein Sohn Alfred Füldner kann sich an alle 15 Ermordeten noch genau erinnern. Sein Vater war, wie die Brüder, Mitglied der USPD. Einige waren Mitglieder des Arbeiterrates.

Er beschreibt sie in einem Gespräch 1993, wie die anderen, als politische Arbeiter, die in der Tradition der Arbeiterbewegung standen. Sie hatten nach dem Kapp-Putsch auch in Gotha die Räterepublik ausgerufen, organisierten sich paramilitärisch und versteckten Waffen bei den Bauern. Die Arbeiter wurden von Bürgern in Thal, vermutlich vom Bürgermeister Schein, bei den studentischen Zeitfreiwilligen denunziert.

Zeitzeugen vermuten gezielte Tatvorbereitung

Vom Bürgermeister sind die Mitglieder des StuKoMa auch im Rathaus empfangen worden.

Alfred Füldner meinte, „die Sache ist ganz genau vorbereitet gewesen“. Über das Auftreten der Studenten sagte er: „Zwei Lkw fuhren vorbei und mein Vater sagte, was wollen die denn, wo wollen die hin, mit dem Flugabwehrgeschütz, und betrunken waren sie und haben sich totgesoffen.“

Nachdem die Arbeiter gefangen genommen worden waren, wurden sie ins Spritzenhaus nach Sättelstedt gebracht, „da müssen sie schon schwer zugerichtet und geschlagen worden sein“.

Nach dem Mord, der sich wie ein Lauffeuer verbreitete, habe sich „keiner von der ,Bürgergesellschaft‘ in Thal sehen lassen“. Alfred Füldner hat die Toten in der Leichenhalle gesehen: „Es waren Tote dabei, da haben se in den Mund reingeschaut, da haben se das blaue sehen können, hier in der Leichenhallendecke.“

Nach dem Mord war „die Stimmung schlecht“

Füldner bezieht sich auf den Fakt, dass einige der Erschossenen zertrümmerte Schädel hatten. Er habe „einige Nächte fantasiert über das, was man da gesehen hat“. Ein Fotograf von Ruhla habe die Leichen fotografiert, „bei dem haben se alles rausgeholt, die Filme und Platten, da ist gar nichts übrig geblieben von den Dokumenten“.

Nach dem Mord war „die Stimmung schlecht, die Arbeiterbewegung war niedergeschlagen. Wer noch da war, der hat ja nun Angst gehabt, die kommen wieder.“ Es gab viel Wut, auch bei Alfred Füldner. Jahre später, im Alter von 17 Jahren, habe er mit einem Freund zusammen einen der Hauptakteure, den Juristen Heinrich Göbel, „umlegen wollen“.

Bis zu seinem Tod vor einigen Jahren war der Sohn des getöteten Karl Füldner enttäuscht, dass „in den vielen Jahren nie einmal jemand von der Universität Marburg vorbeigekommen“ wäre. Stattdessen habe die Uni 1920 „ihre Helden frenetisch gefeiert“. Im März 2012 besuchten drei damalige Mitglieder des Marburger Asta  den Gedenkstein. Es gelte der „historischen Verantwortung der Marburger Studierenden gerecht zu werden“, sagte damals Björn Bünger, Geschichtsstudent.

von Bruno W. Reimann und Björn Wisker

  • Die Hochschulgruppe SEM (Sozialistische Einheitsparty Marburg) lädt am Mittwoch ab 15 Uhr am Marktplatz zu einer Gedenkveranstaltung zum Massaker von Mechterstädt ein. Zu Beginn wird es einen kurzen Redebeitrag von Marius Beckmann, Parlamentarier im Studierendenparlament für die SEM, geben. Danach sollen einige stille Minuten des Gedenkens folgen, teilen die Veranstalter mit.
Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr