Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Der 400 Kilo schwere Seelentröster

Heilpädagogisches Reiten Der 400 Kilo schwere Seelentröster

Tierische Helfer, die keine Fragen stellen, aber unmittelbar Rückmeldung geben: In Hermershausen ergänzen Pferde die Arbeit von Lehrern, Therapeuten und Ärzten, um kleinen Patienten wieder Mut zu machen.

Voriger Artikel
Erste Auswirkungen des Lokführer-Streiks in Marburg und Umgebung spürbar
Nächster Artikel
Brutaler Raub auf dem Hinterhof eines Bordells

Die pädagogisch ausgebildeten Reitlehrerinnen Gisela Schmitz (links) und Alexandra Becker mit ihrer Tochter Anna auf Pferd Mitch.Foto: Dennis Siepmann

Hermershausen. Der Unterschied könnte kaum größer sein. Auf der einen Seite steht dieser Koloss. 400 Kilo Muskeln, Sehnen und geballte Kraft. Daneben tasten kleine Finger vorsichtig nach dem riesigen Tier. Es sind die Hände von Kindern und Jugendlichen, die an der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie derzeit stationär behandelt werden. Manche von ihnen haben noch nie zuvor ein Pferd gestreichelt. Diese Kinder haben in ihrem jungen Leben schon viel erlebt.

Jedes hat dabei seine ganz eigene - oft traurige Geschichte. Einige kämpfen mit psychischen Störungen, andere leiden an traumatischen Erfahrungen. In der Marburger Klinik kümmern sich Ärzte und Therapeuten darum, diesen verwundeten Seelen klare Strukturen zu vermitteln und ihnen eine Perspektive zu bieten.

Medium Pferd stellt den Kontakt her

Seit Juli bietet sich nun einmal in der Woche die Möglichkeit, den Klinikalltag hinter sich zu lassen - wenigstens für ein paar Stunden. Dann geht es mit Bus in Begleitung von zwei Mitarbeitern des Pflege- und Erziehungsdienstes zum Reitsporthof nach Hermershausen. Denn dort gibt es das Kooperationsprojekt „Heilpädagogisches Reiten“, eine Zusammenarbeit zwischen dem Marburger St. Elisabeth-Verein und der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM).

In Hermershausen angekommen wartet auf die Kinder und Jugendlichen eine Bilderbuch-Bauernhof-Welt: Misthaufen, Ställe, landwirtschaftliches Gerät und Mitch. Mitch ist eines von 15 Pferden auf dem Hof, das beim „Heilpädagogischen Reiten“ eingesetzt wird. Erfahrene Reitlehrerinnen wie Alexandra Becker und Gisela Schmitz zeigen den Schülern den Umgang mit den Tieren.

Los geht es mit Aufwärmspielchen. Die Kinder lernen die drei Gangarten der Pferde und tauchen ein in eine neue Welt. Eine Welt in der es zunächst darum geht, das fremde Wesen kennenzulernen. Etwas Erstaunliches passiert aber häufig schon bei der ersten Begegnung zwischen Mensch und Tier. Genau dann, wenn die vorsichtige Hand das warme Fell berührt, weiß Margret von Pritzelwitz, Geschäftsbereichsleiterin des Mädchenwohngruppenverbundes beim St. Elisabeth-Verein, zu berichten. Geschultes Personal würde von einer „Kontaktaufnahme“ sprechen. Für die Kinder ist es jedoch oft weit mehr. Wofür Therapeuten und Lehrer mitunter Wochen brauchen, gelingt mit Hilfe der Pferde manchmal schon nach wenigen Minuten. Die Kinder öffnen sich.

Vertrauen finden in die eigenen Fähigkeiten

„Das Medium Pferd stellt den Zugang her. Es schmeichelt nicht. Es gibt unmittelbar Rückmeldung darauf, wie man sich ihm gegenüber verhält“, erklärt von Pritzelwitz. Manche Schüler seien beim ersten Kontakt forscher als andere. Für die Schüchternen und Zurückhaltenden sei es oft in Ordnung, zunächst einmal die Ställe zu säubern und die Pferde zu bürsten. Das langsame Herantasten sei aber spätestens dann eine spannende Erfahrung, wenn das mächtige Tier das erste Mal auf ein Kommando reagiert. „Dann ist es schon etwas ganz Besonderes für die Kinder, wenn das Pferd ein Bein hebt und sich die Hufe auskratzen lässt“, sagt von Pritzelwitz.

So gewinnen die Kinder an Selbstvertrauen und „lernen auch etwas über den Umgang mit den Menschen in ihrem Umfeld“, sagt Alexandra Böth, Bereichsleiterin beim St. Elisabeth-Verein. Wer dem Pferd beispielsweise aggressiv gegenübertrete, werde auch die entsprechende und abweisende Reaktion des Tieres erhalten. Wer hingegen Vertrauen gebe, bekomme auch Vertrauen zurück. „Ich kann mich ablenken und es baut schon Mut auf, wenn ich mal Angst habe“, sagt eines der Kinder.

Bisher können lediglich vier Kinder gleichzeitig am Angebot des Heilpädagogischen Reitens teilnehmen.Die Plätze sind dementsprechend heiß begehrt, sagt Lisa Schmitt, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin am UKGM. Die Gruppengröße ist reglementiert, damit genügend Zeit bleibt, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder einzugehen, erklärt Schmitt.

Professor Dr. Katja Becker, Direktorin der Marburger Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, unterstützt das Reitprojekt als zusätzliches Angebot und freut sich, wie gut es bei den Kindern und Jugendlichen ankommt. Schwierig sei die langfristige Finanzierung des Projekts, das nicht von den Krankenkassen finanziert werde. Geldmittel stellt derzeit der Förderverein „Menschenskinder Marburg“ bereit.

Den vierbeinigen Therapeuten gelingt es sogar Kontrahenten zusammenzuführen. Des Öfteren hat von Pritzelwitz beobachtet, wie zwei Kinder, die sich gerade noch „spinnefeind“ waren, beim gemeinsamen Reiten auf einem Pferd ihre Feindschaft beilegen, sobald sich das Tier in Bewegung setzt. Denn wer jetzt nicht herunterfallen möchte, sollte keine Rücksicht auf bestehende Antipathien nehmen - man muss sich ja schließlich irgendwo festhalten …

von Dennis Siepmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr