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Der 11. September bleibt unvergessen

15 Jahre danach Der 11. September bleibt unvergessen

An diesem Sonntag jähren sich die Anschläge vom 11. September zum fünfzehnten Mal. Damals krachten in den USA zwei Flugzeuge in das World Trade Center. Ein weiteres Flugzeug traf das Pentagon – ein viertes entführtes Flugzeug stürzte ab. Viele Menschen kamen ums Leben, die Bilder gingen um die Welt. Die Ereignisse von damals sind prägend.

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Zwei in Flammen stehende Hochhäuser, die in Qualm gehüllte Innenstadt von New York und Tausende tote Menschen. Daran denken viele, wenn sie das Datum 11. September 2001 hören.

Quelle: Archiv

Marburg. Viele Menschen wissen auch heute noch ganz genau, was sie an diesem Tag vor fünfzehn Jahren gemacht haben.

Gabriele Nierichlo (59) etwa reagierte zunächst besonnen. Sie fuhr sogar, wie gewohnt, zum Klarinettenunterricht. „Ich wollte erst mal abwarten, bis sich die ganze Situation etwas geklärt hat“ sagte sie. „Für die USA war es damals ein Drama“. Es sei schlimm, dass man die Anschläge nicht habe verhindern können und die Nachwirkungen seien jetzt auch in Europa bemerkbar, erzählt sie.

„Terror, die USA und das World Trade Center“, verbindet  Ann-Kathrin Nagel (25) mit dem Datum 11. September. In ihrem jungen Alter habe sie erst in der Folge begriffen, dass im Fernseher kein Film, sondern reale Bilder liefen.

Eine andere Assoziation kommt Thomas Deppe (30) in den Kopf: „Spontan verbinde ich mit den Anschlägen vom 11. September Verschwörungstheorien und Krieg gegen den Terror.“ Die Terror-Nachricht erreichte
ihn als er bei Freunden war. Dass sich immer noch einige an die Anschläge erinnern, liege wohl auch daran, dass man der Weltöffentlichkeit nur ein Teil der Wahrheit gesagt habe.   

Eine andere Meinung hat Eduard S. (28). Er vermutet, dass hinter den Anschlägen ein „politisches Machtspiel“ stand, um mehr Kontrolle und Beobachtung zu ermöglichen. In der Schule habe es damals eine Gedenkminute gegeben erinnert er sich.

11. September veränderte die Gesellschaft

Der 11. September hat vieles verändert. So hat sich gerade in den USA neben der Gesellschafts- auch die Sicherheitspolitik gewandelt, sagt Politikwissenschaftler Hubert Zimmermann. Laut dem Marburger Wissenschaftler „ist auf breiter Linie das Sicherheitsgefühl verloren gegangen“. Die aktuelle politische Situation in den USA und auch das „Trump-Phänomen“ führt Professor Zimmermann auf das verloren gegangene Vertrauen der Bevölkerung in das Sicherheitssystem zurück. „Die Anschläge haben auch das Vertrauen in die eigene Demokratie und die eigene politische Klasse tief erschüttert.“

Die Anschläge der jüngsten Vergangenheit aus San Bernardino und Miami zeigten, dass die USA auch heute noch nicht vor Terroranschlägen sicher sind. Deshalb sei das Misstrauen in die staatlichen Institutionen recht groß, ist sich Zimmermann sicher.

Auch in Deutschland hat sich seit dem 11. September 2001 vieles verändert. „Zunächst einmal hat es eine schrittweise Ausdehnung der Aktivitäten der deutschen Sicherheitspolitik mit sich gebracht, insbesondere was Auslandseinsätze betrifft“, sagt Zimmermann. Aus Angst vor Anschlägen würden die Bürger sogar Einschränkungen bezüglich ihrer Freiheit akzeptieren. Er ist der Meinung, dass das Bedrohungsgefühl durch die Bilder von Anschlägen erheblich gesteigert werde. „Die Bilder vom 11. September können in ihrer Symbolkraft kaum mehr überboten werden.“

Der Psychologe Georg Pieper hat bei seinen Vorträgen ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass die Eindrücke vom 11. September bei vielen noch präsent sind: „Wenn ich in die Runde gefragt habe, konnte fast jeder die Bilder sofort abrufen“ sagte er. „Die Bilder waren extrem verstörend. Sie haben sich in das Gedächtnis der Menschen eingebrannt. Es ist etwas passiert, was man sich nicht hat vorstellen können.“

Traumatische Situationen können laut der Marburger Psychologin Andrea Frei unter anderem zu Angstzuständen führen. Betroffene Personen würden sich häufig zurückziehen und sich auch in ihrer gewohnten Umgebung nicht mehr sicher fühlen. „Wenn ein Trauma geschieht, ist das Gehirn oft nicht in der Lage, die ankommenden Informationen zu verarbeiten und richtig zu speichern.“ Dies könne dazu führen, dass man die Bilder immer und immer wieder vor Augen hat, erklärte Frei.

Sicherheitsgefühl wurde erschüttert

Man könne aber nicht davon ausgehen, dass alle Menschen, die diese Bilder gesehen haben, automatisch traumatisiert seien, erklärte Pieper. Allerdings sei bei vielen Menschen das Sicherheitsgefühl erschüttert worden. Beispielsweise habe in den USA die Angst vor dem Fliegen zugenommen. Dies führte laut Pieper zu einer Zunahme von „Vermeidungstendezen“. Zum Beispiel seien die Menschen vermehrt vom Fliegen auf das Autofahren umgestiegen und dadurch sei die Anzahl von tödlichen Autounfällen gestiegen.

Eine weitere Folge solcher Ereignisse könne sein, dass bei manchen Menschen die Erinnerung an bereits vergangene, traumatische Erlebnisse wieder aufkommt. Auch nach den Anschlägen in Deutschland und Europa könne man erkennen, dass sie bei den Menschen eine große Rolle spielen, sagte Pieper. Einige würden überlegen, wie sie die potenziellen Gefahrensituationen umgehen können. Diejenigen, die nicht so gut mit  solchen traumatischen Situationen umgehen können, sollten sich laut Pieper zunächst einmal ihre Angst eingestehen. Das sei nicht schlimm.

Des Weiteren sollte man sich Gesprächspartner suchen, um über das Erlebte zu sprechen. Der Psychologe rät, dass man seinen Lebensstil deswegen nicht komplett verändert. Man sollte seine Angst überwinden und weiterhin etwa zu Festivals und Fußballspielen gehen. „Ein Vermeidungsverhalten führt nur zu einer Verstärkung der Angst“, erklärte Pieper. Psychologin Frei rät: „Menschen, die von einem solchen Ereignis betroffen sind, sollten Ruhe bewahren, den Anweisungen der professionellen Helfer folgen und sich in Sicherheit bringen. Anschließende Gespräche über das Erlebte mit Familienangehörigen und Freunden können helfen, das Trauma zu verarbeiten.“

von Laura Wege und Nigar Ghassimi

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