Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Depression wird mangelhaft behandelt

Volkskrankheit Nummer eins Depression wird mangelhaft behandelt

Depressionen sind in Deutschland eine gefährliche Volkskrankheit. Experten aus dem ganzen Land trafen sich in Marburg, um über die Fortschritte in der Therapieforschung zu diskutieren. Die OP sprach mit ihnen.

Voriger Artikel
Honorarverhandlungen gescheitert: Ärzte bleiben gelassen
Nächster Artikel
Ohnmachtsanfälle von Vorfahren vererbt

Nur etwa zehn Prozent der Depressiven werden nach dem aktuellen Forschungsstand perfekt behandelt. Über Therapieformen diskutierten in Marburg Deutschlands führende Depressionsexperten.

Quelle: Gerd Altmann (pixelio)

Marburg. Jeder fünfte Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an einer Depression. Die Krankheit ist einer der häufigsten Gründe für die Berufsunfähigkeit in Deutschland und führt jährlich zu tausenden Suiziden. Bei dem Symposium „State of the Art - Depressionsbehandlung“ trafen sich am vergangenen Wochenende die führenden Depressionsexperten aus Deutschland, um vor Marburger Therapeuten, Forschern und Pflegepersonal über die neuesten Trends in Therapie und Forschung zu informieren.

Ihr Fazit: Die Krankheit ist immer besser behandelbar, und trotzdem bekommen verhältnismäßig wenige Patienten die optimale Versorgung. Professor Ulrich Hegerl, Chefarzt der psychiatrischen Uni-Klinik Leipzig sagte im Gespräch mit der OP, dass der Eindruck - die Zahl der Depressionserkrankungen nehme zu - täusche: „Während früher Depressionen vom Hausarzt oft als chronischer Rückenschmerz oder Migräne diagnostiziert wurde, ist die Krankheit heute unter Ärzten besser bekannt und wird öfter benannt“.

Dem Vorsitzenden des deutschen Bündnisses gegen Depressionen ist die Unterscheidung wichtig zwischen zeitlich begrenzten Überforderungsängsten sowie Selbstzweifeln - als natürliche Reaktion auf schwierige Lebensumstände - auf der einen Seite und einer behandlungswürdigen Depression.

Psychiater müssen sich auf ernsthaft erkrankte konzentrieren 

„Wir als Psychiater sollten das Feld unseres Schaffens nicht auf alltägliche psychische Probleme ausweiten, denn wir haben mit der Behandlung der ernsthaft Erkrankten schon mehr als genug zu tun“. Bei belastenden Lebensumständen sei auch die Familie und der Freundeskreis in der Pflicht. Ob eine behandlungsbedürftige Depression vorliegt erkennen Ärzte nach festgelegten Diagnosekriterien.

Sie zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass negatives Empfinden immer mit großen Schuldgefühlen und Selbstzweifeln einhergehe, so Hegerl. Die Patienten neigen stark dazu, sich für viele Dinge selbst die Schuld zu geben. Dazu kommen Symptome wie das Gefühl innerlich wie abgestorben zu sein, nicht mal Trauer erleben zu können. „Depressive wirken im Gespräch oft wie versteinert, ohne Auf und Ab der Stimmung, und sind häufig nicht mehr in der Lage, Emotionen mit Lachen oder Weinen zu erleben“, sagt Hegerl.

Angesprochen auf das immer häufiger auftretende und diskutierte Phänomen des „Burn-Outs“ sprach Hegerl von einem zweischneidigen Schwert für das Image und die Behandlung der Depression. Auf der einen Seite sei der Begriff „Burn-Out“ eher gesellschaftlich akzeptiert und so würden auch Menschen darüber sprechen, die sich nie als depressiv bezeichnen würden.

Auf der anderen Seite verstärke der Modebegriff Burn-Out das Stigma und stifte Verwirrung: „Burn-Out, das hört sich relativ harmlos an nach Überarbeitung, nach Stress, nach Fehlen von Schlaf und Urlaub. Oft versteckt sich dahinter jedoch eine depressive Erkrankung, bei der viel Schlaf und Urlaub nicht helfen und sogar oft nachteilig sind. Auch ist eine tatsächliche Überforderung am Arbeitsplatz oft gar nicht die Hauptursache für eine Depression. Depressionen sind ja in beruflichen Hochleistungsbereichen auch nicht häufiger als in anderen Lebensbereichen“, so Hegerl. Viel entscheidender seien aber eine genetische oder erworbene Veranlagung. Familiär vorbelastete Menschen haben eine dreimal so hohe Gefahr an Depressionen zu erkranken und Traumata in frühen Lebensabschnitten erhöhen das Risiko, später depressiv zu erkranken.

Nur zehn Prozent werden perfekt behandelt

Laut Hegerl würden in Deutschland, trotz eines - im weltweiten Vergleich - hervorragenden Gesundheitssystems noch immer nur 10 von 100 Depressiven nach den derzeitigen Regeln der Kunst aus wissenschaftlicher Sicht behandelt. Die Problematik sei, dass viele Erkrankte keinen Arzt aufsuchen. Das Krankheitsbild mit Symptomen wie Antriebslosigkeit und Selbstzweifeln spiele hier eine Rolle. Desweiteren würden laut Hegerl Depressionen sich oft hinter körperlichen Beschwerden verstecken und oft nicht erkannt. Weitere Aufklärung, etwa durch das Bündnis gegen Depressionen sei deshalb wichtig. Selbst bei richtiger Diagnose werde dann oft nicht richtig behandelt.

Das liegt, laut seinem Kollegen Professor Mathias Berger, Chefarzt der psychiatrischen Uni-Klinik Freiburg, auch am ideologischen Streit der verschiedenen psychotherapeutischen Schulen: „Tiefenpsychologen, Verhaltenstherapeuten und Psychoanalytiker streiten sich seit Jahren, um den Anspruch auf die einzig wahre Therapieform“, so Berger. Dabei müsse sich nicht die Krankheit Depression einer Anschauung beugen, sondern die Anschauungen müssten zugunsten der Krankheit kombiniert werden. Entsprechende Verfahren seien der Trend in der Psychotherapie. Jedes Krankheitsbild bekomme nach und nach eine speziell zugeschnittene Therapie, die sich an Methoden aus allen drei Schulen bediene.

Für chronisch Depressive wird entsprechend eine Kombinationstherapie aus modernen Psychopharmaka, einer schonenden Stromtherapie, Schlafentzug und einer speziellen Psychotherapie (mit dem Namen „CBasp“) von den Krankenkassen gezahlt. In Studien ist ein sehr guter Erfolg nachgewiesen. „Unethisch“ sei dagegen die Behandlung von akuten Depressionen.

Hier erziele nach wissenschaftlichen Maßstäben schon seit den 90er Jahren die „interpersonelle Psychotherapie“ die besten Behandlungserfolge, würde aber bis heute nicht übernommen. Dagegen stehe die Lobby der in den einzelnen Schulen verankerten Psychotherapeuten, die jährlich Milliardeneinnahmen mit Verfahren verdienten, die ihren Nutzen nicht wissenschaftlich beweisen konnten.

von Tim Gabel

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr