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Depression entsteht auch ohne Stress

Bürgervorlesung zum Thema „Burnout“ Depression entsteht auch ohne Stress

Es ist eine erschreckende Zahl, über die sich die Gesellschaft im Zusammenhang mit Depressionen klar werden muss: Etwas mehr als vier Millionen Menschen in Deutschland leiden derzeit daran – Tendenz stark steigend.

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Häufig wird in den Medien vor allem der immer stressigere Lebenswandel als Hauptursache für den Anstieg an Burnout-Betroffenen genannt, nach Ansicht von Professor Tilo Kircher ist das aber nur die halbe Wahrheit.

Quelle: Marcus Hergenhan

Marburg. Seit 2010 verdreifachte sich die Zahl der diagnostizierten Fälle. Kein Wunder also, dass am Mittwochabend der Vorlesungssaal beim Vortrag von Psychiater Professor Tilo Kircher über Burnout und Depressionen mit annähernd 300 Zuhörern komplett gefüllt war.

Dabei stellte Kircher frühzeitig klar: „Burnout und Depressionen sind zunächst zwei klar zu trennende Probleme. Viele Menschen können durch permanenten Stress einen Burnout erleben und viele von diesen haben von Grund auf die Veranlagung zur Depression, aber nur diese ist tatsächlich als ­diagnostizierbare Krankheit zu sehen, die aber durch den Burn­out ausgelöst werden kann.“

Häufigste nicht natürliche Todesursache in Deutschland

Tatsächlich scheint nach derzeitigem Kenntnisstand die Genetik besonders entscheidend zu sein bei der Frage, ob eine Person in ihrem Leben eine oder mehrere depressive Phasen erleben wird. „Eine Depression kann auch völlig ohne Stress oder negative Erfahrungen auftreten, aber natürlich wird ein Ausbruch wahrscheinlicher, wenn durch jahrelange Überlastung ohnehin ein Burn­out auftritt. Auch Schwangerschaften sind durch die starke hormonelle Umstellung ein großer Faktor. Wichtig ist an diesem Punkt aber die Unterscheidung, denn ein klassischer Burnout lässt sich durch Stressabbau, eine andere Lebensführung und eventuell eine Gesprächstherapie deutlich leichter überwinden, eine schwere Depression sollte hingegen mit Psychopharmaka behandelt werden“, erklärte der Psychiater.

Wie gravierend die Auswirkungen einer Depression sein können zeigt die Tatsache, dass die Selbsttötung mittlerweile mit knapp 10.000 Fällen jährlich die häufigste nicht natürliche Todesursache in Deutschland ist und dabei in 90 Prozent der Fälle eine Depression vorlag.

Vor allem alleinstehende Männer, die nach dem Renteneintritt isoliert leben, haben ein hohes Risiko, sich in einer depressiven Phase, oft ausgelöst durch die Untätigkeit, das Leben zu nehmen. „Wir sehen hier sehr klar, dass diese Männer viel häufiger als Frauen zu harten Methoden wie Strick oder Pistole greifen, die dann eben auch häufig beim ersten Versuch zum Tod führen“, erläuterte Kircher (Foto: Thorsten Richter).

Insgesamt wird allerdings bei Frauen etwa doppelt so häufig eine Depression diagnostiziert – vor allem, weil sie sich eher mitteilen, das Problem also eher auch als solches erkannt wird. Eben an dieser Stelle sieht Kircher auch die Ursache für den massiven Anstieg an Fällen in den vergangenen Jahren. „Früher wurde das eben als Trägheit oder allgemeines Unwohlsein abgetan, auch klare Signale wie undefinierbare Schmerzen wurden dann eher anders beziehungsweise falsch behandelt.

Mix aus Psychotherapie
 und Psychopharmaka

Erst in den vergangenen Jahren ist diese Krankheit mit ihren konkreten Eigenheiten, also dem Ungleichgewicht der Botenstoffe und den erkennbaren Veränderungen in der Hirnanomalie, wirklich in das Bewusstsein gerückt. Deswegen werden Depressionen jetzt viel häufiger erkannt und behandelt – mit Erfolg“, berichtete der Experte.

Der Mix aus Psychotherapie und Psychopharmaka habe sich mittlerweile bewährt, zwar griffen die Medikamente oft erst nach einigen Wochen und seien nicht immer frei von Nebenwirkungen, ihre stabilisierende Wirkung sei aber eindeutig nachweisbar. Im Gegensatz zu Beruhigungsmitteln machen diese Präparate dabei laut Kircher auch nicht abhängig.

Leider könne es trotz medikamentöser Unterstützung passieren, dass manche Menschen mehrfach an depressiven Phasen leiden, häufig zum ersten Mal zwischen dem 20. und 30. und dann wieder ab dem 60. Lebensjahr.

Die Familie ist entscheidend

In der anschließenden Diskussionszeit, die von den zahlreichen Zuhörern mit großem Elan in Anspruch genommen wurde, trat zunächst die Frage nach dem Einfluss von Infektionskrankheiten auf. „In der Tat ist es so, dass bei einem gewissen Anteil der Erkrankten eine Infektion vorliegt, die hier in Zusammenhang stehen kann, vor allem natürlich Infektionen im Gehirn“, antwortete Professor Kircher.

Auf Rückfragen in Bezug auf die genetische Komponente nannte der Direktor der Marburger Uni-Psychiatrie klare Zahlen. „Wenn zum Beispiel beide Elternteile bereits depressive Phasen hatten, dann steigt das Risiko um etwa 50 Prozent, die Familie ist also schon entscheidend. Trotzdem ist der einzelne Verlauf sehr individuell, so sind etwa nicht immer die Botenstoffe messbar betroffen. Deswegen braucht es auch seine Zeit, bis die Psychopharmaka auf den jeweiligen Patienten eingestellt sind.“

In diesem Sinne passte auch die letzte Folie zum Vortrag, auf der ein Ratschlag von Mark Twain zu lesen war: „Choose your parents wisely!“

von Marcus Hergenhan

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