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Den Schwiegermutter-Effekt nutzen

Klimaschutz konkret Den Schwiegermutter-Effekt nutzen

Mit sinkenden Einspeisevergütungen hat auch das Interesse an Photovoltaik-Anlagen nachgelassen. Dabei rechnet sich die Installation auf dem Hausdach weiterhin.

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Marburg. Klimaschutz fängt im Kopf an, sagt Thomas Madry vom Klimaschutz-Team des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Man müsse dazu vor allem aus der einseitigen Rolle des Konsumenten heraustreten. Ein sehr eindrückliches Beispiel dafür ist die Erzeugung des „eigenen“ Stroms. Dafür gibt es unterschiedliche Möglichkeiten - am verbreitetsten sind Photovol­taik-Anlagen auf Hausdächern.

Die erlebten in den zurückliegenden Jahren einen wahren Boom, der inzwischen aber stark nachgelassen hat. Wirklich ökonomische Gründe dafür gibt es aber eigentlich nicht, denn das nachlassende Interesse dürfte vor allem mit einer eingeschränkten Wahrnehmung der Fakten zusammenhängen. Im öffentlichen Bewusstsein sind vor allem die sinkenden Einspeisevergütungen, also der für 20 Jahre garantierte Preis, den der Hausbesitzer für den auf seinem Dach erzeugten und ins öffentliche Netz eingespeisten Strom erhält.

Sonnenstrom treibt Pumpen für die Nahwärme an

Was sehr viel weniger Menschen wissen, ist aber, dass die Anschaffungspreise für die Anlagen in der gleichen Zeit sehr viel schneller und stärker gefallen waren. Das war Walter Fürstenberg und Andreas Mainusch von der Nahwärme­genossenschaft Schönstadt bewusst, weshalb für sie klar war, wofür sie das Preisgeld, das ihr Energieprojekt gewonnen hatte, einsetzten wollten. 44100 Kilowattstunden produzierte die Anlage auf dem Scheunendach im Schönstadter Talwinkel im vergangenen Jahr. Rund 13000 Kilowattstunden nutzte die Genossenschaft selbst, um etwa die Pumpen für das Nahwärmenetz anzutreiben. Das entsprach einer Eigenbedarfsquote von 28 Prozent und einer Ersparnis von rund 2500 Euro. Zusammen mit dem Erlös aus dem Stromverkauf können die Genossen damit rechnen, inner­halb von zehn bis elf Jahren die Investitionskosten von gut 70000 Euro wieder „eingespielt“ zu haben.

Diese Kalkulation lässt sich auch auf private Photovoltaik-Anlagen übertragen. Auch hier ist der Eigenverbrauch nicht nur gesetzlich vorgegeben, sondern für den Besitzer besonders rentabel. Legt man Anschaffungspreis sowie die Kosten für Versicherung und Service einer PV-Anlage auf den in 20 Jahren produzierten Strom um, so kommt man im Schnitt auf Produktionskosten von 8 Cent je Kilowattstunde. Für den ins öffentliche Netz eingespeisten Strom liegt der Überschuss bei einer 2015 installierten Anlage also nur bei gut vier Cent. Bei einem durchschnittlichen Strompreis von 28 Cent beträgt die Ersparnis pro selbst verbrauchter „eigener“ Kilowattstunde aber rund 20 Cent.

Daher hat das Verbraucherverhalten großen Einfluss auf die Ersparnis, betont Energiecoach Erich Weber vom Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien beim Landkreis. Waschmaschine, Geschirrspüler oder Bügeleisen sollten möglichst dann in Betrieb sein, wenn die Sonne scheint, beschreibt er eine Strategie, die er selbst den „Schwiegermutter-Effekt“ nennt. Die Eigenverbrauchsquote könne so zwischen 30 und 40 Prozent betragen.

Problem: Abhängigkeit von der Sonne

Wer keine Schwieger­mutter hat, die diese „Steuerung“ übernimmt, für den gibt es inzwischen auch technische Lösungen. Mit Hilfe sogenannter „intelligenter“ Stromzähler lassen sich die Großverbraucher im Haushalt automatisch in Betrieb setzen, wenn die PV-Anlage ausreichend Strom produziert.

Ein buchstäblich natürliches Problem bleibt bei dieser Form der Stromproduktion die Abhängigkeit von der Sonne. So produzieren die Anlagen im Sommer ein Mehrfaches von dem, was im Haus verbraucht werden kann. Im Winter oder an wolkenreichen Tagen im Herbst und Frühjahr aber reicht der Strom vom Dach häufig nicht aus, um den Eigenbedarf zu decken. Und nachts stehen alle PV-Anlagen still. Große Speicherbatterien, mit denen sich der tagsüber erzeugte Strom „sammeln“ und nach Sonnenuntergang nutzen lässt, sind derzeit noch recht teuer, sie amortisieren sich deshalb erst nach sehr vielen Jahren oder auch gar nicht. Aber auch die Preise für diese „Hausbatterien“ sinken kontinuierlich, Erich Weber rechnet damit, dass die Speicher des amerikanischen Elektro-Auto-Herstellers Tesla die Preise noch einmal drücken werden.

Weber hat auch noch einen anderen Tipp parat. Wenn eine Erneuerung des Dachs ansteht, lassen sich die Investitionskosten für die PV-Anlage senken, wenn beide Projekte zusammen angegangen werden.

Im Übrigen stelle der Einbau einer PV-Anlage immer auch eine Wertsteigerung des Gebäudes dar. In Verbindung mit einem E-Bike oder einem Elektro­auto rechne sich eine solche Anlage noch mehr, rät Weber.

von Frank Rademacher

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