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Den Schmerzen auf der Spur

Somatoforme Beschwerden Den Schmerzen auf der Spur

Ihr ganzer Körper schmerzt – ein organisches Leiden ist aber nicht auszumachen. Die 51-Jährige Hinterländerin hat den Gedanken an eine Besserung schon fast aufgegeben, als Sie doch noch Hilfe erfährt.

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Schmerzen im Körper lähmen den Geist. Oder ist es der Geist, der den Körper lähmt? Die Suche nach der Ursache für „somatoforme Beschwerden“ beschäftigt auch Marburger Experten der Philipps-Universität.

Quelle: Katharina Bregulla / pixelio.de, Montage: Nikola Ohlen

Es ist unerträglich: dieses hämmern im Kopf, das Ziehen im Bauch. Sie spürt die stechenden Schmerzen und ist einfach nur noch müde. Müde davon, dass die Ärzte nichts feststellen können. Müde von dem Gedanken, dass sie sich doch sicher ist, dass etwas mit ihrem Körper nicht stimmt, aber niemand helfen kann. Sie erinnert sich an bessere Tage: Früher, noch vor ein paar Jahren, war die 51-Jährige ein geselliger Mensch. Sie mochte die ausgelassenen Kegelabende – die Zeit mit ihren Freunden. Nun wird ihr regelmäßig schlecht, wenn Sie daran denkt, das Haus zu verlassen.

50 Fälle somatoforme Beschwerden

Die Hinterländerin, die ihre Geschichte erzählen will, ihren Namen aber lieber nicht nennen mag, ist verzweifelt. Ihre Biographie steht exemplarisch für das Leiden vieler Deutscher. Dabei geht es um körperliche Symptome, für die trotz sorgfältiger ärztlicher Diagnostik keine eindeutige organische Ursache gefunden werden kann. Fachleute sprechen von sogenannten „somatoformen  Beschwerden“. Genaue Angaben zur Zahl der Betroffenen gibt es jedoch nicht, sagt Professor Dr. Winfried Rief, Leiter der Psychotherapie-Ambulanz in Marburg (PAM).
Die Menschen, die oft nach mehreren Zwischenstationen den Weg zu Rief finden, bilden sich ihre Leiden also ein? „Oh nein“, widerspricht der Psychologe, „für den Patienten sind die Schmerzen real vorhanden. Wir vermeiden deshalb zu sagen, die Betroffenen würden sich das nur einbilden.“ Doch woher kommen diese Schmerzen, wenn sie keine medizinisch erklärbare Ursache haben?
Eine schwierige Frage, auf die es keine einheitliche Antwort gibt, sagt Rief. Jeder Fall müsse einzeln betrachtet werden. Und genauso geschieht es dann auch bei der individuellen Betreuung in der verhaltenstherapeutische Ambulanz in Marburg. Dort beschäftigen sich Fachkräfte derzeit mit etwa 40 bis 50 Fällen von somatoformen Beschwerden. 
„Ich war ängstlich, einfach nicht mehr belastbar, dann habe ich irgendwann auch nicht mehr schlafen können. Nachts bin ich nur noch herumgegeistert“, sagt die 51-Jährige. Die Hinterländerin geht wieder und wieder zu ihrem Hausarzt, der sie an verschiedene Fachärzte verweist.

Chronische Schmerzen als eigenständige Krankheit

Eine Magenspiegelung beim Internisten bringt keine Ergebnis, ebenso wie die Computertomographie (CT) ihres Kopfes keine Auffälligkeiten anzeigt. Die Bauch- und Migräneschmerzen also doch nur eine Einbildung?
Ein weiterer Facharzt verschreibt der 51-Jährigen schließlich Antidepressiva. Gegen die Schlafstörung bekommt Sie Tropfen. Die Medikamente zeigen nach kurzer Zeit auch ihre Nebenwirkungen. „Es war so, als würde ich permanent neben mir stehen. Die Tabletten haben einfach alles andere übertüncht“, sagt sie.
Die Schulmedizin sei hervorragend darauf ausgerichtet, ambulante Leiden zu bekämpfen, tue sich aber oft schwer mit chronischen Schmerzsyndromen, erklärt Professor Rief. Daher komme es eben häufig zu „Bagatelldiagnosen“, nach denen zunächst einmal Beruhigungs- und Schmerzmittel verschrieben würden. Auf der anderen Seite führt ein dauerndes Schmerzempfinden bei den Patienten dazu, dass sich auch das Gehirn umbaut, erklärt Rief. Dabei handelt es sich um neurochemische Veränderungen im Gehirn und Rückenmark, die dazu führen, dass sich ein  „Schmerzgedächtnis“ ausbildet. So können sich chronische Schmerzen zu einer eigenständigen Krankheit entwickeln.

Ohne Medikamente in ein neues Leben

Im Falle der Hinterländerin führte das dauernde Schmerzempfinden zu einem Zustand, aus dem sie sich kaum noch zu befreien glaubte. „Man kann schon sagen, dass ich in dieser Zeit eine gewisse Todessehnsucht empfunden habe“, sagt sie. Hilfe bekam die Hinterländerin in der Marburger Gutenbergstraße. Zu dieser Zeit bemühte sich das Psychologen-Team um Winfried Rief um eine Studie zum Thema „Somatoforme Beschwerden“. Die Hinterländerin füllte Fragebögen aus, traf sich zu einem Aufnahmegespräch. Die Zusage für eine Therapie erfolgte. Für die 51-Jährige markierte diese Entscheidung den Beginn einer Reise zu sich selbst. Nun ging es nicht mehr um das Bekämpfen der Schmerzen, sondern um das Heilen ihrer seelischen Wunden. „Zusammen mit meiner Therapeutin habe ich alles aufarbeiten können, was mich über die Jahre so unterbewusst belastet hat“, sagt sie.
Nach ihren wöchentlichen Terminen bekam sie Hausaufgaben. Zunächst musste die Hinterländerin ihre Armbanduhr ablegen. „Ich sollte mir Zeit für mich nehmen, was ich zu Beginn gar nicht konnte.“ Die 51-Jährige kämpfte mit sich und mit den Aufgaben, die sie von ihrer Therapeutin bekam. Jeder kleine Erfolg markierte dabei einen Wegpunkt, bis zu dem Moment, an dem die Hinterländerin die Antidepressiva absetzen konnte. Mit dem neuen Lebensmut verblasste dann auch der Schmerz.

von Dennis Siepmann

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