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"Den Schmerz ertragen wir gemeinsam"

Totensonntag "Den Schmerz ertragen wir gemeinsam"

Morgen ist Totensonntag: ein Tag, an dem viele Menschen ihrer Lieben gedenken. In einer Zeit, in der die Katastrophe von Paris überall präsent ist, scheint die Trauerarbeit wichtiger denn je.

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Eine betende Frau sitzt vor dem Bataclan Theater in Paris. Bei einer Serie von Terroranschlägen in Paris in der Nacht zum 14. November wurden viele Menschen getötet.

Quelle: Malte Christians/dpa

Marburg. Er werde in seiner Predigt auf die schlimmen Ereignisse der vergangenen Tage eingehen und Mut machen - auch im Blick auf Paris -, Wut und Zorn zuzulassen, aber dann die Lösung nicht in der Rache zu suchen, sondern sich darauf einzulassen, bei Gott zur Ruhe zu kommen, sagt Pfarrer Stefan Piechottka über den Gottesdienst, der am Sonntag ab 10 Uhr im Tabor-Gemeinde­zentrum stattfindet.

Stefan Piechottka

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„Es geht uns nicht um einen Totensonntag, sondern um einen Ewigkeitssonntag“, betont er. Der Begriff Totensonntag sei für ihn so endlich und abgeschlossen.

Allerdings empfindet er das Datum auch als einen guten Anhaltspunkt. „Ich glaube, es ist auch so wichtig für uns Menschen, dass wir so einen Lebenszyklus mal hinkriegen - egal wie kirchlich man jetzt ist“, sagt der Gemeindepastor der evangelischen Gemeinde Ortenberg. Der Ewigkeitssonntag biete eine Gelegenheit, auch mitten im Leben mal über das Sterben nachzudenken.

Auch die Anschläge in Paris und die Angst vor Terror werden also ein Thema sein. So werden der Opfer in Paris und der Terrorgewalt weltweit jeweils symbolisch mit einer großen Kerze gedacht. Es sei ihm aufgefallen, dass bei Facebook viele ihr Profilbild in den Farben der französischen Flagge eingefärbt hätten, aber nicht etwa mit denen der libanesischen.

Trauern um die namenlosen Menschen weltweit

„Uns ist es wichtig, dass wir den Fokus nicht nur auf Paris legen, sondern auch mal sagen: ‚Ganz bewusst trauern wir jetzt für diese vielen tausend namenlosen Menschen weltweit. Den Schmerz ertragen wir jetzt mal gemeinsam“, erklärt der Gemeindepastor.

Ein wichtiger Bestandteil der Gottesdienste ist der aktive Teil, bei dem die Teilnehmer sich beteiligen können, wenn sie das möchten. So kann jeder für seinen Trauergrund eine Kerze anzünden, „ohne sagen zu müssen, wofür oder um wen er trauert“, betont er. Beim Trauer­gottesdienst wird es etwa auch einen Nebenraum als Rückzugsort geben, der jederzeit aufgesucht werden kann. „Was wir uns wünschen, sind keine Gottesdienstbesucher, sondern Gottesdienstteilnehmer“, so Piechottka.

Gottesdienst ist Teil einer neuen Reihe

So wird ein 80-jähriges Gemeindemitglied erzählen, wie er den Tod um ihn herum empfindet und wie er über seine eigene Endlichkeit denkt. Dieser Bericht aus einer anderen Perspektive könne sehr mutmachend sein.

Das Beratungsteam der Lebensgemeinschaft Tabor steht, ebenso wie die vielen Seelsorger, für Fragen und Hilfe bereit, die auch außerhalb des Gottesdiensts zur Verfügung steht.

Der Gottesdienst ist Teil der neuen Reihe der Tabor-Gemeinschaft, mit der sie sich für Menschen öffnen will, die sonst keinen Gottesdienst besuchen. Es sollen Themen aus dem Leben sein, betont Piechottka. Über Facebook hat der Gemeinschaftspastor nach Themen gefragt, die beim „Vierten Sonntag“ behandelt werden. Dabei ging es bisher etwa um den Sinn des Lebens oder wie mit dem Leid auf der Welt umgegangen werden soll.

Graben zwischen Kirche und dem Leben?

Seit Jahren beschäftige er sich mit der Frage, warum ein Graben zwischen der Kirche und dem Leben weltweit bestehe. „Ich glaube, dass wir es geschafft haben, eine Art Klostermauern um unsere Kirche aufzubauen, die teilweise aus einer nicht verstehbaren Liturgie bestehen, teilweise aus Themen, wo Leute sagen, das hat nichts mit ihrem Leben zu tun“, sieht er selbstkritisch die Lage der Kirchen, mit der er sich nicht abfinden will. „Ich will andere Menschen nicht ändern, ich will mich fragen, was können wir anders machen.“

Er könne sehr gut diejenigen verstehen, die aus Trauer oder Unverständnis von Ungerechtigkeiten mit Wut auf den Glauben reagieren. Selbst in der Bibel gehe es in den Psalmen in die Richtung, dass Menschen ihre ganze Wut Gott entgegen werfen und seine Existenz in Frage stellen, so der Gemeinschaftspastor. „‚Da ist ein Gottloser, dem geht es blendend, und ich versuch mein Leben fromm hinzukriegen, und mir geht es dreckig - kannst du mir das bitte erklären?‘

Über Verhältnis zwischen Kirche und Menschen nachdenken

Das sind so Sachen, die in der Bibel stehen“, so der Gemeindepastor. Oft werde allerdings nur versucht, Gott zu verteidigen, statt sich diesen Fragen zu stellen. Sich mit der Frage um die Existenz Gottes zu beschäftigen, ist für ihn sehr wichtig. Auch wenn Zweifel bestünden, denn es gebe keine realen Beweise, solle man sich mit den Fragen auseinandersetzen und sich darauf einlassen.

Für ihn sei der Glaube, wie er in der Bibel beschrieben werde, viel ehrlicher als der, der heute ausgelebt werde: „Da machen wir etwas falsch“. Das Reformationsjahr zum Jubiläum zu Luthers Thesen biete Gelegenheit, über das aktuelle Verhältnis von Menschen und Kirche nachzudenken. „Vielleicht ist das echt ein Punkt, wo wir sagen: ‚Es ist Zeit für eine neue Reformation‘“, sagt Piechottka.

von Mareike Bader

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