Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
Den Schmerz einfach wegdenken

Biofeedback Den Schmerz einfach wegdenken

Beim Biofeedback trainieren Patienten, Körperfunktionen zu beeinflussen, die normalerweise unbewusst ablaufen. Erfolgreich eingesetzt wird Biofeedback beispielsweise bei der Behandlung von Schmerzen.

Voriger Artikel
Verwirrende Aussagen 
um benebelnde Stoffe
Nächster Artikel
100-Jähriger will „den Saal rocken“

Auf dem Bildschirm wird sichtbar, was die Elektroden messen: Diese Probandin trägt während eines Vasokonstriktions-Trainings zur Behandlung von Migräne einige Sensoren an Wange und Schläfe. Auf dem Bildschirm im Hintergrund ist die visuelle Darstellung der Verengung der Arterie zu sehen.

Quelle: Andreas Gebert

Marburg. Es muss gar nicht das Bad im kalten See sein – schon der Gedanke an das Gefühl von eisigem Wasser auf der Haut verändert etwas im Körper: Die Blutgefäße ziehen sich zusammen, ganz so, als wenn man gerade tatsächlich mit kaltem Wasser in Kontakt gekommen wäre.

Diesen Effekt macht sich das Biofeedback zunutze: „Beim Biofeedback geht es darum, unwillkürliche Funktionen wie Herzschlag, Hauttemperatur, Schweißbildung, Atmung oder Muskelaktivität willentlich zu beeinflussen“, sagt Lothar Niepoth, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback (DGBfb).

Einsatz bei Migräne 
und Rückenschmerzen

Eingesetzt wird die Methode etwa bei Spannungskopfschmerzen und Migräne, Rückenschmerzen oder chronischen Muskelverspannungen. Sie wird vor allem im Rahmen von Verhaltenstherapien angewendet.

Julia Graef ist Diplom-Psychologin an der Uni Marburg und arbeitet mit der Biofeedback-Methode. Archivfoto

Quelle:

„Es handelt sich um ein objektives Verfahren zur Messung, Verstärkung und Rückmeldung körperlicher Signale“, sagt Professor Peter Kropp, Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft und Direktor des Instituts für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie an der Universität Rostock.

Bei der Vorbeugung von Migräneattacken beispielsweise sei eine Therapie, die mit Biofeedback arbeitet, genauso effektiv wie Medikamente. Das Verfahren ist deshalb als Behandlungsoption in die Leitlinien aufgenommen worden.

Die Ursachen der Kopfschmerz-Anfälle sind zwar noch nicht vollständig geklärt. Ein bekannter Faktor ist aber, dass sich bei vielen Betroffenen die Arterie an der Schläfe kurz vor der Migräne-Attacke zunächst verengt und dann schlagartig wieder weitet. Bei der Biofeedback-Behandlung misst ein Sensor dort den Blutfluss.

Der Computer stellt das Ergebnis in einer Grafik dar. Zu sehen, was sich im Körper abspielt, ist der erste Schritt der Therapie. Dahinter steht die Idee: Was wahrnehmbar ist, lässt sich auch verändern. Und dies einzuüben, ist der zweite Schritt.

Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht

Der Patient versucht, die Gefäßweite per Vorstellungskraft zu beeinflussen. Das Bild auf dem Monitor gibt Rückmeldung, ob das gelingt. „Es gibt keine Strategie, die für alle Patienten passt. Da muss man einfach ausprobieren, was funktioniert“, sagt Kropp. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

Motivation ist wichtig für den Erfolg: „Beim Biofeedback muss der Patient mitarbeiten“, sagt Julia Graef, Diplom-Psychologin an der Universität Marburg. Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Fachbereichs für Klinische Psychologie wurden mehr als 50 Studien zur Wirksamkeit von Biofeedback bei Migräne ausgewertet.

Das Ergebnis: Die Methode reduzierte Dauer und Häufigkeit der Anfälle. Die Psychologin behandelt auch selbst Schmerzpatienten mit Biofeedback. „Im Schnitt sind acht bis elf Sitzungen notwendig, um die Strategien gegen den Schmerz zu erlernen“, berichtet sie, „aber die Bereitschaft, auch zu Hause zu üben, ist sehr wichtig.“ Denn dauerhaft wirksam ist die Therapie nur, wenn der Patient seine Anti-Schmerz-Strategien auch ohne Computer-Rückmeldung anwenden kann.

Methode eigente sich nicht für jeden

„Biofeedback kann bei den verschiedensten Störungen angewendet werden, als therapeutische Anwendung beispielsweise bei Kopf- und Rückenschmerzen. Genauso funktioniert es aber auch als psychoedukative Methode bei Angststörungen und Stresssymptomen“, erklärt Graef.

Ob sich eine Behandlung mit Biofeedback anbiete, so erläutert die Psychologin weiter, entscheide der behandelnde Therapeut gemeinsam mit dem Betroffenen. „Denn nicht für jeden eignet sich die Methode.“ In der Psychotherapie-Ambulanz der Philipps-Universität in Marburg behandelt Graef mit ihren Kollegen Menschen mit verschiedenen psychischen Störungen.

Therapeut sollte keine Heilsversprechen geben

Bei dem Wunsch nach einer Biofeedback-Behandlung muss die passende Indikation geprüft werden. „Wir behandeln in erster Linie Menschen mit psychischen Störungen, aber auch Menschen mit Beeinträchtigung durch Schmerzen und durch chronische körperliche Erkrankungen“, betont Graef.

Vor einer Behandlung sollte etwa ein Neurologe ausschließen, dass die Schmerzen eine andere Ursache haben, sagt Niepoth von der DGBfb. Es gebe auch unseriöse Anbieter, die mit dem Etikett „Biofeedback“ werben. „Skeptisch sollte man immer sein, wenn ein Therapeut Heilsversprechen gibt“, sagt Niepoth.

Bei der Suche nach einem Therapeuten helfen neben der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback auch die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. Die Kosten werden von den Krankenkassen nur manchmal etwa im Rahmen einer Verhaltenstherapie übernommen. Eine einstündige Sitzung bei einem gut ausgebildeten Therapeuten kostet, so Niepoth, gut 80 Euro.

von Eva Dignös und 
Katharina Kaufmann-Hirsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr