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Demonstranten pfeifen auf Volksfest

Marktfrühschoppen Demonstranten pfeifen auf Volksfest

Burschen, Bier und Blasmusik: Rund 400 Gäste haben am Sonntag beim Marktfrühschoppen gefeiert. Das Volksfest wurde von Protesten überschattet, die aber weitgehend friedlich blieben.

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Hoch die Mützen, hoch die Tassen: Den Marktfrühschoppen haben gestern rund 400 Teilnehmer besucht. Gegen-Demonstranten störten das Fest, auf dem Blasmusik gespielt worden ist, mit Trillerpfeifen und Zwischenrufen. Der Protest richtet sich gegen Rechtsextreme, die auf dem Fest zu Gast sind. Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. "Der Marktfrühschoppen ist vor allem Stress, Spaß macht das kaum. Viele Korporierte kommen doch nur noch aus Trotz hierher, eben weil so viel Wirbel um das Fest gemacht wird“, sagt John Klein, Jurastudent und Mitglied der TV Marcomannia Frankfurt. Er teile den Protest gegen Rechtsextreme - „die fliegen bei uns auch raus“ - fühle sich aber „als Liberaler ungerecht behandelt“.

Marktfrühschoppen. Foto: Thorsten Richter (thr)

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Das sieht Eric Velden vom Verein Deutscher Studenten (VDSt) in der Lutherstraße ähnlich. Der Jurastudent trägt während des Volksfests einen Pro-Toleranz-Aufnäher sowie ein durchgestrichenes Hakenkreuz auf dem Anzug, geht auf Demonstranten zu, erklärt ihnen seine Sicht der Dinge. „In Marburg ist vieles festgefahren, es herrscht ein polarisierter Frontenkrieg.“ Es gebe zwar „gruselige Weltbilder in der Coleur-szene“, jedoch dürften Gegner des Fests „nicht alle Verbindungen, nicht alle Leute über einen Kamm scheren.“ So gebe es etwa neben dem VDSt - der sich auch Frauen gegenüber offen zeige - mit der Akademischen Turnverbindung (ATV) noch weitere, die mit Nationalisten nichts zutun haben wollen. „Wir verstehen uns als offen, tolerant, liberal und klar anti-rechts“, sagt Velden. Dass die Verbindungsszene nach wie vor urkonservative Strömungen habe, hänge auch mit finanzkräftigen Alten Herren, die ihre jeweilige Verbindung stützen, zusammen. „Niemand beißt in die Hand, die ihn füttert“, sagt Velden.

„Der Marktfrühschoppen gehört zu Marburg. Das Fest war schon hier, war schon beliebt, bevor die ganzen Nörgler kamen. Von den paar Zugereisten lasse ich mit den Spaß daran nicht nehmen“, sagt Festgast Karl-Heinz Becker (66).

Zwischen 6 und 10.30 Uhr morgens haben rund 100 Gegner des Volksfests den Marktplatz blockiert. Sie stellten Zelte auf, ketteten Fahrräder aneinander, streckten Schilder in die Luft mit Slogans wie „Rechten Traditionen den Raum nehmen“. „Unser Ziel ist es, den Schulterschluss zwischen offen Rechtsextremen und Gemäßigten sowie Normalbürgern zu verhindern“, sagt Timo Schneider, einer der Demonstranten. Das Volksfest gaukele Normalität vor, sei aber entgegen den Aussagen der Organisatoren „eine zutiefst politische Veranstaltung, Plattform für menschenverachtende Gesinnungen.“

Pfeiffer:„Müssen rechte Einzelpersonen aushalten.“

Die als rechtsextrem geltenden Marburger Verbindungen Rheinfranken, Normannia Leipzig und Germania seien „die besonders bösen Buben“, welche Marburger Bewohner nicht tolerieren dürften, wie Sören Frau ergänzt. „Wir setzen den Beschluss zum Verbot des Marktfrühschoppens um“, schrieben die Aktivisten per SMS im Vorfeld an viele Stadtverordnete.

Tilman Pfeiffer vom Marktfrühschoppenverein, Veranstalter des Volksfests, sagt: „Wir können nicht die einladen, die wir wollen und andere aussperren.“ Ohnehin habe er als Organisator kein Hausrecht bei dem öffentlichen Fest, könne nicht für Einlass oder Ausschluss von Rechtsextremen sorgen. Polizei und Behörden widersprechen: Für die Dauer des Fests liege das Hausrecht beim Veranstalter, er könne durchaus steuern, wer Zutritt zum Festgelände bekomme. Pfeiffer entgegnet: „Gute Demokraten müssen es aushalten, dass unter ihnen auch rechtsextreme Einzelpersonen feiern.“ Aber ist der Marktfrühschoppen angesichts der geringen Zahl von Nicht-Verbindungs-Gästen tatsächlich noch das Fest der Marburger? „Wenn außer Korporierten kein anderer kommt, können wir nichts dafür“, sagt er.

„Scheiß Faschisten“, „Haut ab, ihr Burschen“, „Nationalismus raus aus den Köpfen“, riefen die Aktivisten. Ihr Protest verlief friedlich, lediglich kurz vor der Marktplatz-Räumung durch die Polizei warfen einige Demonstranten Stinkbomben mit Buttersäure, sodass sich ein beißender Geruch über den Marktplatz legte. Die Polizei nahm drei Verdächtige fest.

von Björn Wisker

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