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Dem Stromverbrauch auf der Spur

Tipps zum Energiesparen Dem Stromverbrauch auf der Spur

Was läuft falsch in der Wohnung der Potthoffs? Mit dem Energieberater im 1970er-Plattenbau an der Gisselberger Straße.

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Energieberater Christoph Jacobi misst mit Heinrich Potthoff, wie viel Leistung die Infrarot-Heizung im Wohnzimmer des Rentners hat.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Marburg. Heinrich Potthoff ist ein sparsamer Mensch. Ob beim Kartoffeln kochen, oder beim Heizen: Der 80-Jährige wählt den Weg des geringsten Verbrauchs. Im vergangenen Jahr hatte er weniger Strom verbraucht als im Jahr davor und eine Rückzahlung von 71 Euro erhalten. Seine monatliche Abschlagszahlung für 2013 wurde dann aber nicht nach unten angepasst, sondern erhöht. „Das hat mich irritiert“, erzählt der Rentner. Als er in der OP las, dass die Strompreiserhöhungen zum Jahresbeginn bei anderen Haushalten deutlich geringere Mehrkosten zur Folge hatten, meldete er sich in der Redaktion. Wir trugen seinen Fall Christoph Jacobi vor. Im Auftrag der Stadtwerke berät der 47-Jährige Stromkunden in Energiefragen.

Die Nachbarn heizen kaum

Potthoffs wohnen in einer Sandwich-Wohnung. Das war Heinrich Potthoff wichtig, als er sich vor 23 Jahren für die Immobilie entschied. „Unten war ein Büro der Gewerkschaft. Ich dachte, die heizen wie die Weltmeister!“ Doch heute ist alles ein bisschen anders. Unter den Potthoffs wohnt jetzt ein Junggeselle, der kaum heizt und die Wohnungen über ihnen im dritten Stockwerk stehen leer. Von oben, von unten und von zwei Seiten sind die Potthoffs im Winter von der Kälte umzingelt. Zur Wehr setzen sie sich mit einer Elektroheizung.

Hier könnte die Suche nach dem Grund für die hohe Stromrechnung schon enden. Stromheizungen sind in Zeiten von Windkraftanlagen und Solar-Äckern zur Kostenfalle geworden. Wegen der seit dem Jahr 2000 ständig steigenden Stromkosten, werden Nachtspeicheröfen heute nicht mehr verbaut. Ab 2020 sollen sie sogar gesetzlich verboten sein. Doch große Energieversorger wie RWE bringen sich schon in Stellung, das Verbot zu kippen. Nicht nur, weil sie Strom verkaufen, sondern auch weil sie erkannt haben, dass die Nachtspeicheröfen aus den 70er Jahren ein neues Problem lösen könnten: Solarplatten produzieren nur bei Sonnenschein Strom und Windräder nur, wenn es weht. In Zukunft könnten die Öfen helfen, diese Schwankungen auszugleichen.

Infrarot-Heizung war eine Fehlinvestition

Zurück zur Heizung der Potthoffs: Vor drei Jahren gab ein lokaler Händler Vorträge im Wohnhaus an der Gisselberger Straße. Er pries ein Heizsystem an, das, wie Jacobi sagt, auch in russischen U-Booten zum Einsatz kommen soll. Die sogenannten Infrarotplatten lassen sich platzsparend an die Wand schrauben und über einen einfachen Stecker mit Strom versorgen. In der Hoffnung Strom zu sparen, stattete Heinrich Potthoff seine Wohnung mit der Infrarotheizung aus.

Auf der Rechnung machte sich die Investition tatsächlich bemerkbar - aber leider nicht positiv. Jacobi erklärt den Anstieg der Stromrechnung nach der Umstellung auf die Infrarotplatten: Die Platten haben eine Leistung von rund 500 Watt. Wenn man eine Infrarotplatte genauso lange laufen lässt, wie einen Nachtspeicherofen (5kW), dann verbraucht die Platte nur zehn Prozent von dem was der Nachtspeicherofen verbraucht hätte.

Das Problem ist, dass eine einzelne Infrarotplatte nur kleine Räume wie Küche und Bad aufheizen kann. In großen Zimmern müssten oft zwei bis drei davon installiert werden. Darüberhinaus komme es bei den Platten sehr auf die Regelungstechnik an. Bei Potthoffs wurden zwar Thermostate installiert, aber keine Zeitsteuerung. Die Infrarotplatten heizen also Tag und Nacht, um die Wohnung auf die eingestellte Temperatur zu bringen, während ein Ofen in wenigen Stunden aufgeheizt werden kann. Unter dem Strich verbrauchten die Potthoffs nach der Umrüstung mehr, als vorher und die Infrarotheizung schaffte es trotzdem nicht, den gewohnten Komfort herzustellen.

Das Sparpotenzial ist abhängig vom Gebäude. Wenn man im Plattenbau an der Gisselberger Straße ein effizientes Blockheizkraftwerk installieren wolle, sagt Jacobi, müssten alle Bewohner das Haus verlassen. Wenn die Betonplatten für die neuen Rohre durchgeschnitten werden, seien Lärm und Staub im Haus unerträglich.

Die Isolierung verbessern

Das Rätsel um die hohe Stromrechnung der sparsamen Potthoffs hat der Energieberater gelöst, viel ändern lässt sich daran aber leider nicht. Seine Empfehlung: Eine Zeitschaltuhr vor die Infrarotplatten schalten und ausprobieren, ob der Verbrauch sinkt, wenn die Potthoffs die Platten nachts abschalten. Außerdem könnte Herr Potthoff die Isolierung seiner Wohnung verbessern. Die Fenster sind zwar dreifachverglast („Das sind schon unsere dritten Fenster“), aber die Nischen, in denen die nicht mehr verwendeten Nachtspeicheröfen stehen, haben nur eine dünne Außenwand. Die könnte man mit Styropor auskleiden.

Die Energieberatung der Stadtwerke ist für Kunden kostenlos. Auch die Verbraucherzentrale bietet günstige Beratung an: www.verbraucherzentrale-energieberatung.de

von Thomas Strothjohann

Energie-Spartipps

  • Ein leerer Kühlschrank verbraucht mehr Strom, als ein voller. Vorräte vor allem Glasflaschen speichern die Kälte und halten sie auch bei geöffneter Kühlschranktür. Wenn der Kühlschrank größer ist, als nötig, können Sie ein Fach mit Styropor ausfüllen. Dieser Raum muss dann nicht gekühlt werden.
  • Die Stadtwerke beteiligen sich an Sanierungskosten ihrer Stromkunden. Kühl- und Tiefkühlschränke der Effizienzklassen A+/++ werden mit je 50 Euro bezuschusst; stromsparende Leuchtmittel wie LED mit fünf Euro. Zum gesamten Förderungsprogramm.

Im Blickpunkt

Luise (78) und Heinrich (80) Potthoff leben seit 1989 in ihrer Wohnung in der Gisselberger Straße. Sie schätzen die zentrale Lage und gute Busanbindung. Der Ausblick auf die Lahn gefällt ihnen und der Zuschnitt der Wohnung. „Viele verdammen dieses Haus, ohne zu wissen, was hier los ist“, wundert sich Heinrich Potthoff. Er versteht etwas von Wohnungen. Er hat vor seiner Pensionierung beim Wohnungsamt in Münster a. R. gearbeitet.

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