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Dem Hass auf der Spur

Hetze im Netz Dem Hass auf der Spur

Kein Bericht über Flüchtlinge bleibt in sozialen Netzwerken unkommentiert. Es gibt viele mitfühlende Worte. Zunehmend werden aber auch menschenverachtende Haltungen öffentlich – keineswegs nur anonym.

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Quelle: Illustration: Sven Geske

Marburg. Deutschland steht angesichts der rechtsterroristischen Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsunterkünfte und Aufmärschen vor bestehenden Einrichtungen vor der größten gesellschaftlichen Herausforderung der Nachkriegszeit, sagt der Marburger Erziehungswissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte

Professor Benno Hafeneger. „So eine breite öffentliche Stimmung von rechts hatten wir seitdem noch nie.“
Die öffentliche Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen wird auch über soziale Netzwerke wie Facebook geführt. Neben Solidarität und Anteilnahme am Schicksal der Flüchtlinge äußern manche Nutzer in den Kommentaren Sorgen und Ängste. Auch Fremdenhass und Gewaltaufrufe gegen Flüchtlinge gehören zum Alltag. Die Bandbreite reicht dabei von ganz offenen, direkten Äußerungen bis zu vermeintlich sachlich anmutenden Kommentaren, die Menschen subtil gegen andere aufhetzen.

Auch Stefan Glaser (kleines Foto: Bartsch), der stellvertretende Leiter des Mainzer Kompetenzzentrums jugendschutz.net beobachtet immer häufiger hasserfüllte Äußerungen: „Hetze gegen Flüchtlinge scheint in einigen Zirkeln inzwischen salonfähig zu sein, das heißt die Akteure befürchten weder rechtliche Sanktionen noch soziale Ächtung, wenn sie Menschengruppen herabwürdigen.“

Rechtes Potenzial ist schon seit Jahren bekannt

Fremdenfeindliche Einstellungen innerhalb der Bevölkerung überraschen Extremismusforscher Hafeneger und den Erziehungswissenschaftler und Leiter des Beratungsnetzwerks Hessen, Dr. Reiner Becker, nicht. „Das ist kein neues Phänomen, aber das Ausmaß der öffentlich werdenden Hassmentalität ist neu“, sagt Hafeneger. „Der Hass war schon immer da, jetzt findet er einen Weg. Die geäußerten Einstellungen sind nicht immer im engeren Sinne rechtsextrem, aber die vorhandenen Potenziale machen sich die Extremen zunutze“, erklärt Becker. Dazu instrumentalisieren sie eventuelle Sorgen der Bevölkerung. „Wohlstand wirkt wie eine Plombe beim Zahnarzt, die verhindert, dass sich Vorurteile Bahn brechen“, vergleicht Becker. Die Angst vor sozialem Abstieg oder der tatsächliche Abstieg mache aggressiv gegenüber Gruppen, die diesen vermeintlich befördern könnten. Außerdem haben Menschen mit einer rechten Einstellung häufig eine ablehnende Haltung gegenüber der Demokratie und sind unzufrieden mit dem System.

Die sozialen Netzwerke bieten neben der Meinungsmache die Möglichkeit, Menschen zu mobilisieren. „Diese Erfahrung haben wir zuletzt mit der Pegida-Bewegung gemacht, die von Facebook den Weg auf die Straße gefunden hat“, erklärt Becker (kleines Foto: Lauer).

Beinahe überall, wo eine Unterkunft für Flüchtlinge geplant wird, formiert sich im Internet Widerstand. Rechte Organisationen bieten Anleitungen und Infrastruktur, um Menschen aufzuhetzen, berichtet Becker. Auch in der Region formierten sich rechte Facebook-Seiten, eine macht zum Beispiel Stimmung gegen die Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt. Ein vergleichbares Profil beobachtet jugendschutz.net in Dillenburg. „Dort wird unter dem Deckmantel des legitimen, bürgerlichen Protests völlig einseitige Propaganda gegen Asylbewerber betrieben, teilweise auch gegen Menschen aus bestimmten Ländern. Genutzt werden Zeitungsmeldungen, um Ängste zu schüren und zu behaupten, wie schlimm das behauptete Problem sei“, berichtet Glaser.

„Früher waren die Rechten ein isolierter Haufen, und schlummernde Einstellungen blieben verborgen. Jetzt trauen sich immer mehr Menschen mitzuschwimmen, man fühlt sich nicht mehr alleine. Derzeit ist ein Umkippen von Einstellungen, Mentalitäten und Stimmungen im Netz zu erkennen, das sich auch in Demos und Aufmärschen mobilisiert“, erklärt Hafeneger.

Es geht um die Menschen, die auf der Kippe stehen

Die bereits radikalisierten Rechten sind nur schwer zu erreichen oder gar zu einem Umdenken zu bewegen, sagt Hafeneger. „Facebook eignet sich gut als Resonanzboden und Beschleunigungsinstrument, um zu radikalisieren. Für Debatten, um radikalisierte Menschen zum Umdenken zu bewegen, ist es nicht der richtige Raum“, erklärt Becker. Es ginge vielmehr um diejenigen, „die auf der Kippe stehen. Diese müssen wir erreichen und immer wieder gewinnen. Das kann nur durch beständige Kommunikation funktionieren.“

Dem pflichtet auch Stefan Glaser bei: „Grundsätzlich ist wichtig, Hasskommentare nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Jeder User kann rassistische und menschenfeindliche Postings umgehend dem jeweiligen Plattformbetreiber melden.“ Ganze Seiten zu melden führt in den seltensten Fällen zu deren Sperrung. Vielversprechender ist das Melden einzelner Kommentare. „Auch wenn das Sisyphusarbeit ist, sollte man da beharrlich sein“, findet Becker.
Bei der Reaktion auf zweifelhafte Posts sollte man sich genau überlegen, wie man auf was reagiert. Auch wenn es schwer ist, gilt es nicht dem ersten Impuls zu unterliegen und affektgesteuert zu antworten. „Da kommt es sehr auf den Ton und die Art der Ansprache an.

Man kann sich an den Normen eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht orientieren. Wichtig ist, ganz klare Position zu beziehen und Grenzen aufzuzeigen, ohne sich selbst angreifbar zu machen“, rät Becker. Stammt der betreffende Kommentar von einer Person aus dem Bekannten-, Kollegen- oder Familienkreis, hält Becker das persönliche Gespräch für den geeigneten Rahmen. Stefan Glaser verweist für solche Fälle auf die Online-Beratung gegen Rechtsextremismus (siehe Hintergrund-Kasten): „Die Kollegen dort bieten allen Hilfestellung, die in ihrem Umfeld mit Rechtsextremismus konfrontiert sind – anonym und individuell.“

Um die Menschen auf der Kippe zu erreichen, muss man sie außerdem sehr differenziert angehen, sagt Hafeneger (kleines Foto: Gassner).

„Auf eventuelle Sorgen und Ängste sollte man in der öffentlichen Kommunikation eingehen. Man darf die Menschen deshalb nicht gleich in eine Schublade stecken oder in die rechte Ecke drängen.“ Es sei zudem die Aufgabe der gesamten Zivilgesellschaft, ihrer Vereine und Verbände, Toleranz und Offenheit zu verbreiten. Er plädiert für Angebote und Foren, in denen sich die Bürger von Angesicht zu Angesicht austauschen können. „In diesem Prozess sind wir noch ganz am Anfang. Wir müssen dabei immer wieder eindeutig klarstellen, dass wir in einer Demokratie leben, die diesen Hass und Anfeindungen nicht zulässt.“

von Philipp Lauer

 
HINTERGRUND
Psychologische Erklärungsansätze

Diskussionen zu anderen Themen entgleisen teilweise ähnlich heftig. Warum, leitet sich der Marburger Sozialpsychologe Dr. Peter Nauroth (kleines Foto: Lauer) anhand verschiedener Erklärungsansätze her.
Als eine mögliche Erklärung nennt der Psychologe die Depersonalisierung und deren Folgen. Darunter versteht er die relative Anonymität, die selbst Nutzer sozialer Netzwerke genießen, die dort mit ihrem vollen Namen ein klares Profil nach außen präsentieren.

„Es gibt trotz der Klarnamen noch eine Trennung zwischen der Identität im Internet und der Realität. Man wird wohl kaum auf der Straße aufgrund seiner Aktivitäten bei Facebook erkannt oder gar darauf angesprochen“, erklärt Nauroth. Die meisten Menschen haben zudem das starke Bedürfnis, einer Gruppe anzugehören, besonders auch online. Im Internet finden Menschen relativ schnell Rückmeldung darüber, dass auch zweifelhafte Einstellungen von manchen Menschen begrüßt werden.

„Die Kommentatoren fühlen sich dann bestätigt von der Gruppe, zu der sie gerne dazugehören würden“, sagt Nauroth. „In unserer Studie haben wir festgestellt, dass besonders harsche Kommentare kommen, wenn der Verfasser seine Gruppe von außen bedroht sieht.“
Als zweiten Ansatz zieht Nauroth den Effekt der sogenannten Gruppenpolarisation heran: „Innerhalb von Gruppen kann die Gruppenmeinung vorhandene Einstellungen bei ihren Mitgliedern verstärken.“

Bei den Debatten im sozialen Netzwerk erscheine der Gesprächspartner weniger als Individuum, weil er nicht unmittelbar greifbar ist. „Der andere wird vielmehr als Angehöriger einer Gruppe gesehen, die eine andere Meinung vertritt und deshalb eine Bedrohung der eigenen Gruppe darstellt“, erklärt Nauroth.

 
 
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