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Dem "Groove" auf der Spur

Musikwissenschaft Dem "Groove" auf der Spur

Musik - für den einen ein bestimmendes Element im Alltag, für den anderen lediglich ein Hintergrundgeräusch. Welche Kraft die Musik besitzt und wie diese einzusetzen ist - damit beschäftigt sich Richard von Georgi.

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Musik ist Teil unseres Lebens – sie begleitet uns im Alltag, für manche ist sie Beruf, für viele ein unerlässlicher Teil um mit verschiedensten Stimmungen umzugehen.

Quelle: Montage: Alexander Pavlenko

Marburg. Wer braucht schon gutes Essen, Sex oder Drogen, wenn es Musik gibt? In dieser provokanten Frage steckt die wissenschaftliche Erkenntnis, dass das Hören bei Musikliebhabern eine ähnlich starke Hirnaktivität anzeigt, wie bei den genannten Beispielen. Musik ist Leben. Sie erweckt Emotionen, sie macht glücklich und erinnert uns an ganz bestimmte Begebenheiten. Aber Musik kann noch mehr. Der Gießener Musikpsychologe Richard von Georgi beschäftigt sich auch mit bislang eher unberücksichtigten Forschungsfeldern.

Musik aktiv verwenden, um Stimmungen zu erzeugen

Hinter dem wenig klangvollen Namen „Emotionsmodulation“ verbirgt sich der Forschungsansatz, der aufzeigt, in welcher Weise Musik eingesetzt werden kann, um die eigene Gefühlswelt zu beeinflussen. Dabei ändert sich der Blickwinkel: Musik ist nicht weiter passives Element - Musik wird aktiv eingesetzt, um eine gewünschte Stimmung zu erzeugen.

Von Georgi spricht in diesem Zusammenhang von fünf Grund-Dimensionen die durch Musik kanalisiert werden: Darunter fallen Entspannung, Stressabbau, sowie die unterstützende Wirkung beim Nachdenken, beim Konzentrieren und eine allgemeine Stimmungsaufhellung. Der Denkansatz, dass die Musik unsere Befindlichkeiten entscheidend beeinflussen kann, öffnet viele Einsatzmöglichkeiten - etwa beim Thema Gesundheit. „Menschen hören Musik, damit es ihnen besser geht. „Wer oft ängstlich ist, kann lernen bestimmte Lieder zu hören, mit denen er seine eigene Ängstlichkeit beeinflussen kann“, sagt von Georgi.

In diesem Zusammenhang fällt das Stichwort Musiktherapie. Wie effizient Musik als Therapieform eingesetzt werden kann, hängt jedoch von der musikalischen Sozialisation des Hörers ab. Davon welchen Stellenwert die Musik im Leben einnimmt. „Es wird immer Menschen geben, die einfach nichts mit Musik anfangen können“, sagt von Georgi. Ebenfalls eingeschränkt ist der therapeutische Effekt bei Menschen, die sehr unspezifisch Musik konsumieren. Denn starke Emotionen, die beispielsweise zu einem „Gänsehauterlebnis“ führen, treten häufiger auf, wenn der Hörer musikalische Strukturen und Muster wiedererkennt.

Musikalische Präferenzen sind zweitrangig

Ein „geschultes Gehör“ kann Emotionen erlernen und durch Wissen intensivieren. Dabei ist es grundsätzlich erst einmal egal, welche musikalische Präferenz vorliegt. So konnte beispielsweise nachgewiesen werden, dass sich auch Heavy-Metal-Fans beim Hören ihrer Musik entspannen können, sagt von Georgi. Was für den einen Krach ist, empfindet der andere als akustische Wohltat.

Für von Georgi ist Musik vergleichbar mit einer Sprache, „bei deren Erforschung noch viele Felder offen sind.“ Deshalb geht der Musikwissenschaftler auch tiefer ins Detail. Er ist dem „Groove“ auf der Spur. Der „Groove“ beschreibt dabei das Gefühl, bei einem Lied mitwippen zu müssen. Der Rhythmus, der unweigerlich in Blut und Beine geht - eine sogenannte „psychomotorische Stimulierung“ bewirkt.

In Zusammenarbeit mit der Schweizer Hochschule in Luzern untersucht von Georgi, wie sich geringste Verschiebungen im Zusammenspiel - zum Beispiel zwischen Bass und Schlagzeug - auf den Hörer auswirken.

Diese minimalen Unterschiede im Spiel der Instrumente werden „perzeptuelle Diskrepanzen“ (PDs) genannt. Sie bewegen sich im Bereich von fünf bis 20 Millisekunden und variieren in Abhängigkeit von der Struktur des Gesamtstücks. Bisher wurden diese PDs vorwiegend in Zusammenhang mit dem sogenannten „laid back“- und „push“-Gefühl gebracht. Diese Begriffe beschreiben Empfindungen, die entstehen, wenn ein Instrument vor oder hinter dem eigentlichen Band-Timing spielt. „Diese Untersuchungen sind extrem aufwändig. Die einzelnen Instrumente werden im Millisekundenbereich gegeneinander verschoben um den gewünschten Effekt zu erzielen.“, sagt von Georgi.

Ziel ist es, herauszufinden, wie es Musiker schaffen, uns zum Tanzen, zum „Grooven“ zu bringen. Von Georgi hat noch viel zu tun - aber für die Liebe zur Musik, ist kein Weg zu weit.

von Dennis Siepmann

Im Blickpunkt - Zwischen Jazz und Heavy Metal

Richard von Georgi wurde 1965 in Bad Orb geboren. An der Justus-Liebig Universität in Gießen (JLU) studierte er Psychologie und Medizin. Der aktive Musiker und Privatlehrer für Gitarre beschäftigt sich in vielfältiger Weise mit dem Thema Musik. Privat begeistert sich von Georgi ebenso für Jazz wie für Heavy Metal.

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