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Deko-Schiene verändert ganzes Leben

Aus dem Gericht Deko-Schiene verändert ganzes Leben

Eigentlich soll diese kleine Messingschiene den Platz vor der Elisabethkirche kunstvoll dekorieren. Längst aber ist die bronzefarbene Installation aber ein Fall für Gericht.

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Auf einer dieser Messingschienen vor der Elisabethkirche ist Victor-John Gustitus ausgerutscht und trug schwere Verletzungen davon. Vor Gericht wurde die Klage abgewiesen. 

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Es ist der Dezember des Jahres 2010. Victor-John Gustitus will seine Briefe zum Postamt in der Bahnhofstraße bringen. Aufgrund der Witterung hat er festes Schuhwerk an, sogar Spikes hat er übergezogen, um bei Eiseskälte nicht den Halt zu verlieren. Auf dem Gehwerk der Elisabethkirche weicht er anderen Fußgängern aus, achtet in dem Gewirr nicht auf den Boden und macht den fatalen Fehltritt.

Auf der Messingschiene oberhalb der Treppe rutscht der heute 69-Jährige aus, verliert das Gleichgewicht und stürzt schwer. Im Krankenhaus stellen die Ärzte ein Blutgerinnsel im Hirn fest, zudem ist das Trommelfell gerissen. Es folgt eine Woche auf der Intensivstation, danach sechs Wochen Reha in Bad Wildungen. Bis heute kann Victor-John Gustitus nichts schmecken oder riechen, ihn plagen Schwindelgefühle.

Der damals 67-Jährige suchte sich anwaltlichen Rat und verklagte schließlich den Gesamtverband der Evangelischen Kirchengemeinde in Marburg, als Eigentümer des Grundstücks auf Schmerzensgeld. Das Landgericht Marburg beschäftigte sich mit dem Fall - und wies die Klage des pensionierten Reverend nach dreistündiger Verhandlung ab.

Begründung: den Beklagten könne keine schuldhafte Verletzung von Verkehrssicherungspflichten vorgeworfen werden, heißt es im Urteil. Heißt im Klartext, die Kirchengemeinde sei ihren Räum- und Streupflichten im ausreichenden Maße nachgekommen.

Der Verband sei aufgrund der Marburger Straßenreinigungssatzung zwar dazu verpflichtet, einen Streifen zur Benutzung durch Fußgänger ausreichend eis- und schneefrei zu halten und durch geeignete Maßnahmen eine gefahrlose Begehung herbeizuführen.

Das bedeute aber nicht, dass „die Wege bei eintretender Winterglätte derart zu beräumen und bestreuen sind, dass ein Verkehrsteilnehmer überhaupt nicht ausgleiten könnte“, heißt es vom Richter. Pflicht sei es, so zu streuen, damit die Wege ohne Gefahr benutzt werden können, wenn „die Verkehrsteilnehmer die erforderliche Sorgfalt anwenden“. Demnach bedeutet das Urteil, der Fußgänger trägt ebenso Sorge für seine Sicherheit.

Reverend Victor-John Gustitus hat für dieses Urteil kein Verständnis. Besonders enttäuschend finde er die Aussage der Rechtsanwälte der Gegenseite. Gleich drei Verteidiger kamen zur Verhandlung. Von der Stadt Marburg, von der Kirchengemeinde und vom Architekturbüro. „Sie sagten, ich sei selber Schuld gewesen. Ich hätte die Gefahr erkennen müssen.“ Für das Unfallopfer ein klares Eingeständnis. „Wenn die Gegenseite schon von Gefahr spricht, dann muss sie dort ja auch gewesen sein und man müsse von den Verantwortlichen handeln.“

Die Verhandlung habe den 69-Jährigen nervlich stark belastet, zumal auch Bilder gezeigt wurden, die das Ausmaß der Verletzung dokumentierten. Eine riesige Blutlache sei zu sehen gewesen. Am Tag nach dem Unfall seien Warnschilder installiert worden, erzählt der Marburger, der für das Bistum Fulda arbeitete. Dazu hätten Absperrbänder den Durchgang verhindert.

Alles Zeichen für Gefahr, von präventiven Maßnahmen will der Reverend nichts wissen. Auch einem außergerichtlichen Vergleich, die Anwälte hätten ihm 3000 Euro angeboten, stimmte Gustitus nicht zu. Er will weiter klagen und um sein Recht kämpfen, sagt er. Es sei ein Fehler gewesen, die Kirchengemeinde zu verklagen. Die sei dafür nämlich nicht zuständig. Installiert wurden die Messingplatten von der Stadt Marburg. „Und die will ich nun zur Rechenschaft ziehen“, sagt er. Ein normales Leben wird er auch nach einem Erfolg vor Gericht nicht wieder führen können. Dazu beherrschen die Unfallfolgen zu stark den Alltag.

„Ich ärgere mich über so ein Verhalten vor Gericht. Ich werde weiter um mein Recht kämpfen.“

von Carsten Bergmann

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