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Das zweite Zuhause im Grünen

Kleingarten Das zweite Zuhause im Grünen

Er ist ein urdeutsches ­Hobby und feierte gerade seinen 200. Geburtstag - der Schrebergarten. Heute jedoch, sagt Kleingärtnervereinsvorsitzender Manfred Weber, ist in den Gartenanlagen „Multi-Kulti längst Normalität“.

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Marburg. Grundstück reiht sich an Grundstück, ein Garten an den anderen. Am Rande des schmalen, ordentlich gesäuberten Weges befinden sich Gärten mit Bäumen, Sträuchern, Wiesen und Ackerflächen. Mittendrin kleine Lauben, in denen sich die Gärtner bei Bedarf zurückziehen können.

Relaxen - „das ist schon das, was im Vordergrund steht“, sagt Manfred Weber. Der 68-Jährige fährt bei gutem Wetter regelmäßig in seinen Garten in der Kleingartenanlage Afföllerwiesen. Doch es ist nicht die Entspannung allein, die das Gärtnern ausmacht. Zu rund einem Drittel besteht jede der Parzellen aus Anbauflächen für Obst und Gemüse für den eigenen Bedarf. „Zumindest ein bisschen was für die Natur zu tun“, so Weber, gehört ebenso mit dazu und unterscheidet die organisierten Kleingärtner von Freizeit- und Eisenbahnergärten, die ohne derlei Regularien auskommen. Um die bestmögliche Bestäubung der zahlreichen Blumen zu gewährleisten, hält sich der Verein inzwischen sogar ein eigenes Bienenvolk, betreut von Hobby-Imker Weber.

Seit 26 Jahren ist Weber, mit kurzer Unterbrechung, Vorsitzender des Vereins. Zudem ist er Vorsitzender im Kreisverband Marburg-Biedenkopf und vertritt die hiesigen Kleingärtner im Landesvorstand in Frankfurt. Der Kleingärtnerverein ­Afföllerwiesen ist mit 143 Gärten der größte in Marburg, berichtet Weber.

125 Parzellen gibt es außerdem beim Kleingärtnerverein in Ockershausen, 40 am Zuckerberg in Cappel und 20 an der Hohen Leuchte. Drei im Verband registrierte Vereine existieren zudem in Stadtallendorf, einer in Kirchhain. Deutschlandweit zählt der Bundesverband rund 15000 Vereine mit etwa einer Million Gärten.

Vor 200 Jahren, im Jahr 1814, entstanden in Schleswig-Holstein die ersten Kleingärten. Der Namenspatron der Schreberbewegung, Daniel Gottlob Moritz Schreber, hatte damals noch nichts mit all dem zu tun. Er gab dem sich sobald rasch ausbreitendem Phänomen erst den Namen, als er 1864 in Leipzig mit einem von ihm verfassten Aufsatz die Gründungsmitglieder des „Schrebervereins“ inspirierte.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Schrebergarten schließlich zu einem bürgerlichen Massenphänomen, was auch als Reaktion auf die Industrialisierung zu verstehen ist. Seither gilt das „zweite Zuhause im Grünen“, wie es Weber nennt, als eine typisch deutsche Form der Freizeitgestaltung.

Vorsitzender Manfred Weber führt durch die Anlage des Kleingartenvereins Afföller.

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Gelebte Integration am Gartenzaun

Heute jedoch habe sich dies verändert, verrät Weber, denn rund 80 Prozent der Gartenbesitzer in seinem Verein hätten einen Migrationshintergrund. „Die bringen dann oft auch ganz andere Ideen mit, sodass wir uns mit den verschiedenen Herangehensweisen gegenseitig befruchten“, freut er sich. Was für die Nationalitäten gelte, ließe sich zudem auch auf die sozialen Schichten anwenden.

„Vom Doktor über den Staatsanwalt bis hin zum Hartz- IV-Empfänger ist alles vertreten“, so Weber. Dank der günstigen Jahresmiete von lediglich 20 Cent pro Quadratmeter könne sich jeder erlauben, eine Parzelle anzumieten. Trotz aller Unterschiede verbinde die Kleingärtner aber ein großes Gemeinschaftsgefühl.

Gemeinschaftsgefühl eint die Hobby-Gärtner

So erinnert sich Weber an das „Jahrhunderthochwasser“ der Lahn im Jahr 1984, dass die Nahe des Ufers gelegenen Gärten komplett überschwemmte und einige Gartenlauben unbrauchbar machte. „Damals haben wir alle zusammen angepackt und wieder aufgeräumt“. Auch das Vereinsheim der Afföller-Gärtner sei ein gutes Beispiel für den Zusammenhalt. Es sei von den Mitgliedern komplett in Eigenleistung erbaut worden, berichtet er stolz.

Jedoch: „Die Zeiten haben sich ein wenig geändert“, glaubt er. Ein Kollektivgedanke sei nach wie vor vorhanden, doch die gesellschaftlichen Veränderungen machen auch vor den „Laubenpiepern“, wie die Gartenfreunde gerne bezeichnet werden, nicht halt. „Die Gesellschaft ist nicht mehr so stark gegliedert von Montag bis Freitag. Das macht es ja allen Vereinen schwer“.

Sorgen um die Zukunft müsse man sich aber keine machen. „Lange Zeit haben wir darum gebangt, die Parzellen an den Mann zu bringen“, inzwischen gebe es aber wieder Anwärterlisten, auf denen sich auch junge Menschen befänden. „Da wächst etwas nach“, ist sich der Pensionär sicher.

von Peter Gassner

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