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"Das war echter Psychoterror"

Amtsgericht Marburg "Das war echter Psychoterror"

Ein obszönes Fake-Profil im Internet, Übergriffe auf eine junge Frau und vermeintliche Lügen gegenüber der Polizei haben einen 26-Jährigen vor das Amtsgericht gebracht.

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Ein junger Mann ist angeklagt, weil er auf einer Erotikseite ein falsches Internetprofil mit den Daten einer jungen Frau angelegt haben soil.Archivfotos/Montage: Sven Geske

Quelle: Julian Stratenschulte

Marburg. Wegen einer mutmaßlichen Rache- und Verleumdungsaktion gegen verschiedene junge Frauen musste sich der Angeklagte wegen Nötigung und falscher Verdächtigung vor dem Marburger Amtsgericht verantworten.

Anfang vergangenen Jahres soll er versucht haben, eine junge Frau in einem Gebäude der Universität Gießen aufzuhalten und ein Gespräch zu erzwingen. Als sich die Geschädigte weigerte und ihn zurückwies, soll er sie bedrängt, grob gepackt und kurze Zeit festgehalten haben.

Kurz nach dem Vorfall teilte der Angeklagte nachweislich der Polizei in Gießen mit, dass dieselbe Frau selbstmordgefährdet sei und vorhabe, sich aus dem Fenster zu stürzen, um sich das Leben zu nehmen. Die Polizisten begaben sich zur Wohnung der Zeugin um die vermeintlich Gefährdete vor sich selbst zu schützen. In einem Gespräch mit der überraschten Frau konnten die Beamten bei ihr jedoch keine Suizidgefahr feststellen, bestätigten mehrere Beamte vor Gericht.

Etwa zwei Wochen später soll der Beschuldigte zudem auf einer Erotikseite ein falsches Internetprofil mit den Daten einer weiteren jungen Frau angelegt haben. Auf der Profilseite wurden sexuelle Handlungen für andere Nutzer angeboten, der mutmaßliche Täter versah dieses zudem mit herabsetzenden, anzüglichen Einträgen, so die Anklage. Vor Gericht stritt der Angeklagte sämtliche Vorwürfe ab oder begründete die ihm nachgewiesenen Handlungen mit freundschaftlicher Sorge. Einen eigenen Rechtsbeistand lehnte er ab und verteidigte sich selber. Zum Vorwurf der Nötigung, gab er an, dass er die Zeugin aus Sorge um die ihm gut bekannte Frau aufgehalten habe, da sie seiner Meinung nach große Probleme und ihm gegenüber suizidale Äußerungen wie „am liebsten würde ich aus dem Fenster springen“ getätigt habe. „Sie war in einem schlimmen Zustand, die Lage war ernst“, erklärte er vor Gericht. Er wollte daraufhin mit ihr sprechen, genötigt habe er sie nicht. Aus Sorge verständigte er die Polizei.

Die Geschädigte erzählte wiederum von zahlreichen Kurznachrichten und E-Mails, die ihr der vermeintliche Täter über Monate hinweg erst anonym, später offen zukommen ließ und die teils beleidigende und bedrohliche Äußerungen enthielten. Er habe sie regelmäßig unerwünscht angerufen und immer wieder belästigt, betonte die Zeugin.

Angeklagter bezichtigt Zeugin der Lüge

Eine Lüge, warf ihr wiederum der Angeklagte vor. Auch das Erstellen mehrerer falscher Profile auf verschiedenen Internetseiten und sozialen Netzwerken stritt er vehement ab. Im Gegenteil, über ihn und seine Familie seien im vergangenen Jahr falsche Angaben und Lügen, unter anderem von der Geschädigten, verbreitet worden, beschwerte sich der Angeklagte. Auch die Ergebnisse der forensischen Untersuchung seines Computers, die bestätigte, dass vom Telefonanschluss des Angeklagten mit verschiedenen IP-Adressen auf den besagten Seiten eingeloggt wurde, wies er zurück.

Die zweite Geschädigte gab an, dass sie den Mann über ein soziales Netzwerk kennen lernte. Nachdem sie eine Verabredung mit ihm abgelehnt hatte, erstellte er ein falsches, beleidigendes Profil, inklusive Bilder von ihr, die er von einer anderen Internetseite übernahm, vermutete die 23-Jährige. Im Verlauf der Verhandlung äußerten noch weitere junge Frauen den Verdacht, dass der Angeklagte zahlreiche Fake-Profile mit teils beleidigenden Äußerungen über die User sowie mit persönlichen, sensiblen Daten öffentlich machte. Mehrere weitere Zeuginnen sagten aus, dass auch sie von dem Mann angeschrieben und über längere Zeit belästigt worden seien. Angeblich soll er Kontakte zu zahlreichen weiteren Frauen aufgebaut und diese gezielt verfolgt haben. „Ich hatte Angst, das war echter Psychoterror“, so eine Zeugin. Das Vorgehen des vermeintlichen Täters wies bei allen Aussagen Parallelen auf. So schrieb der Verursacher meist anonym über verschiedene Accounts die Frauen über längere Zeit an, versuchte, sich mit diesen zu verabreden oder schickte zunehmend „anmaßende und obszöne Nachrichten“.

Andererseits setzte er die einander bekannten Frauen unter Druck, versuchte persönliche Daten zu erfahren, was ihm anscheinend teilweise gelang. Einige Zeuginnen berichteten von permanenter Kontaktaufnahme, Anrufen und „Terrorisieren der Freundinnen“, um an weitere Telefonnummern zu gelangen.

Dass es sich bei den zahlreichen Profilen um denselben Urheber handelt, konnte bisher nicht bewiesen werden. Die Vermutung der Zeugen über die Identität des Täters stützt sich auf das vergleichbare Vorgehen sowie den Inhalt der Nachrichten, der sich mit dem Wissen des Angeklagten über die Frauen deckt, so die Zeugen. Mehrere von ihnen zeigten den Angeklagten an. Diese hätten sich alle „gegen ihn verbündet“ um ihm zu schaden, wies der Angeklagte die Vorwürfe zurück.

Da die Eltern des Beschuldigten als Zeugen nicht vor Gericht erschienen waren, wurde die Verhandlung vertagt. Auf Nachfrage von Richter Dominik Best über den Verbleib der geladenen Eltern, gab der Angeklagte zu, dass er die gerichtlichen Ladungen „mit Absicht“ verbrannt habe. Er sehe keinen Sinn darin, dass seine Eltern vor Gericht aussagen, betonte er. Der Prozess wird heute fortgesetzt.

von Ina Tannert

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