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„Das war Bedrohung auf Bestellung“

Erpresser vor Gericht „Das war Bedrohung auf Bestellung“

Weil sie einen zahlungsunwilligen Kunden monatelang bedrohten und versuchten, ihn zur Herausgabe von 600 000 Euro zu nötigen, sind zwei Security-Kräfte und deren Auftraggeber zu Geldstrafen verurteilt worden.

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Ein Erpresser-Duo wollte Schulden eintreiben und musste sich dafür vor dem Amtsgericht verantworten (Themenfoto).

Quelle: Archiv

Marburg. Die beiden Hauptangeklagten aus Oberhausen und Neustadt standen wegen Bedrohung, versuchter Nötigung, Diebstahl und Sachbeschädigung vor Gericht. Als vermeintlicher Urheber der Straftaten musste sich der dritte Beschuldigte, ein Unternehmer aus Köln, vor dem Schöffengericht verantworten. Laut Anklage hatte er Mitte 2013 die beiden mitangeklagten Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma beauftragt, einen Marburger Geschäftspartner zur Rückzahlung seiner Schulden zu bewegen. Dies versuchten beide durch massive Drohungen zu erreichen. Ende Juni kontaktierten die beiden Täter den Geschädigten unter falschem Namen, suchten ihn auf und erinnerten ihn eindringlich an die offene Forderung von 600 000 Euro.

Schließlich stiegen die Täter in das Büro des Geschädigten ein, zerschnitten Computerkabel, beschmierten die Einrichtung mit Farbe und stahlen wichtige Geschäftsunterlagen. Über mehrere Monate hinweg riefen die Männer wiederholt bei dem Schuldner an, bedrohten den Mann und seine Familie mehrfach und zunehmend aggressiv mit dem Tode.

Gezielt Angst und Schrecken verbreitet

Im September 2013 suchten sie das Wohnhaus der Familie in Marburg auf, besprühten die Fassade mit Farbe und Beleidigungen, schütteten Buttersäure vor das Haus, zerstachen die Autoreifen zweier Wagen und spritzten Bauschaum in den Auspuff. Gezielt versetzten sie die ganze Familie „in Angst und Schrecken“, so die Anklage.

Der angeklagte Unternehmer hob hervor, dass auch dem Geschädigten eine gewisse Schuld zukomme, beide befinden sich in einem umfangreichen, parallel laufenden Zivilprozess um die geforderte Begleichung der Schulden. Gleichzeitig äußerten alle drei Verteidiger den Wunsch, das zu erwartende Strafmaß durch ein Geständnis ihrer Mandanten möglichst gering zu halten.

Während eines umfangreichen Rechtsgesprächs zwischen den Prozessbeteiligten unter Ausschluss der Öffentlichkeit verständigten sich beide Seiten auf ein maximales Strafmaß, das eine Geldstrafe nicht übersteigt. Darüber hinaus beantragte Staatsanwalt Christian-Konrad Hartwig die Einstellung einiger minderschwerer Anklagepunkte. Die weitere Verhandlung beschränkte sich auf die noch ausstehenden, tateinheitlichen Vorwürfe, insbesondere der Bedrohung und versuchten Nötigung. In einem Eröffnungsbeschluss stellte das Gericht fest, dass sich der Verdacht der versuchten räuberischen Erpressung nicht bestätigte. Auch eine potenzielle Bedrohung seitens des angeklagten Unternehmers wurde nicht bewiesen. Das Verfahren gegen den 51-jährigen Geschäftsmann wurde schließlich abgetrennt und gegen Zahlung einer Geldauflage in Höhe von 6 000 Euro vorläufig eingestellt.

Die beiden verbleibenden Angeklagten legten über ihre Verteidiger ein umfassendes Geständnis über die übrig gebliebenen Vorwürfe ab. Aufgrund vermeintlicher dubioser Geschäftspraktiken des Schuldners hätte der Auftraggeber beide als Detektive beauftragt und aufgefordert, herauszufinden, wo der Geschädigte „seine Kohle verschoben und hingebracht hatte“ und ihn zur Zahlung aufzufordern, teilte Rechtsanwalt Hartmut Moyzio mit.

Angeklagter: „Das passiert nie mehr wieder“

Auch die folgenden „nicht so schönen“ Telefonate mit dem Geschädigten sowie die mehrfache Sachbeschädigung gaben die Angeklagten zu. Sein Mandant habe niemals gewollt, dass die Angelegenheit dermaßen ausarte wie geschehen, so der Anwalt. Dem stimmte der dritte Angeklagte zu und entschuldigte sich mehrfach vor Gericht: „Das passiert nie mehr wieder“, betonte der 33-Jährige. Der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma stand indes nicht zum ersten Mal vor Gericht. Er wurde bereits mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung, Diebstahl, Freiheitsberaubung und Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt.

Die Geständnisse beider verbliebener Angeklagten wertete das Gericht unter dem Vorsitz von Nadine Bernshausen positiv. Gegen die Beschuldigten sprach die „erhebliche Penetranz des Vorgehens“, betonte Staatsanwalt Hartwig in seinem Plädoyer.

Die wiederholten Taten der Angeklagten, die mehrfache Drohung per Telefon und Zerstörung fremden Eigentums, sei bei weitem kein „Forderungsmanagement“ mehr. „Das war Bedrohung auf Bestellung“, schloss der Staatsanwalt.

Das Schöffengericht verurteilte beide Angeklagte schließlich wegen versuchter Nötigung, Bedrohung und Sachbeschädigung in drei Fällen, den zweiten Täter darüber hinaus wegen Diebstahls.

Dieser ist bisher nicht vorbestraft und erhielt eine gerichtliche Verwarnung. Als Auflage wurden ihm unter Vorbehalt 80 Tagessätze zu je 70 Euro auferlegt. Die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre. Daneben hat er 500 Euro an eine gemeinnützige Organisation zu zahlen.

Der bereits vorbestrafte Sicherheitsmann erhielt unter Einbeziehung einer vorherigen, noch ausstehenden Auflage, eine Gesamtstrafe von 130 Tagessätzen à 30 Euro, insgesamt 3 900 Euro.

von Ina Tannert

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