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„Das macht mich unglaublich wütend“

Anschläge in Brüssel „Das macht mich unglaublich wütend“

Rauch über der Stadt, Panik in den Häuserschluchten. Fassungslosigkeit und Trauer in den Augen der Überlebenden: Der Terror von Brüssel beunruhigt die Netzgemeinde genauso wie die Menschen auf der Straße in Marburg.

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Nach den Explosionen am Brüsseler Flughafen werden die Passagiere evakuiert.

Quelle: Jonas Roosens

Marburg. Es sind Bilder von Trümmern untermalt mit den Schreien verzweifelt flüchtender Menschen, die bereits am Dienstagmorgen über die Nachrichtenkanäle flimmern. Bilder, die die meisten Beobachter entsetzt zurücklassen. Auch im Landkreis ist die Bestürzung über die Vorgänge in der belgischen Hauptstadt groß.

Auf Facebook äußert sich OP-Leser Uwe Gerhard am Mittag: „Der internationale Terrorismus zeigt einmal mehr sein hässliches Gesicht. Nun ist wohl das passiert, was man in Brüssel schon vor einiger Zeit befürchtet hat. Das Mitgefühl kann nur allen Angehörigen in Belgien gelten. Leider wird in der Konsequenz die Freiheit Europas wohl noch mehr eingeschränkt werden“. Geschockt zeigt sich auch Anja Albrecht: „Das macht mich unglaublich wütend. Terroranschläge, überall auf der Welt. Es wird wohl nie aufhören. Dumme Menschen sind das … unfassbar.“

"Man wird nachdenklicher"

Bei einer Umfrage in der Marburger Oberstadt zeigten sich die Menschen ebenfalls betroffen, im Vergleich zu den Terroranschlägen in Paris ist jedoch schon eine gewisse Gewöhnung an die Schreckensmeldungen zu spüren. Viele hatten am Nachmittag noch gar nicht von den Ereignissen in Brüssel gehört. Andere wiederum reagierten gefasst auf die Nachricht. „Man hat nicht direkt Angst, aber man wird dadurch nachdenklicher“, sagt die pensionierte Lehrerin Helen Jahnke-Schuck. Sie würde ihre Reisepläne allgemein nicht überdenken - nur nach Brüssel würde sie aktuell nicht fliegen. Für die Studenten Miriam und Kai hingegen wäre auch ein Anschlag am Zielort selbst kein Grund, eine Reise abzusagen - zumindest in Europa. „Die Orte, an denen gerade Attentate passiert sind, sind danach ja meistens die sichersten“, sagt Miriam. In die Türkei dagegen würden sie derzeit nicht fliegen. So oder so: „Man fühlt sich unwohler als vorher, da die Anschläge ja doch in der Nähe stattgefunden haben.“

„Ich komme vom Land, daher habe ich wenig Angst um mich selbst“, sagt Christopher Paul. Mit den Opfern und deren Angehörigen empfindet er jedoch „natürlich Mitleid - das ist schon schlimm“. Am unerschrockensten wirkt eine Passantin, die ihren Namen nicht nennen möchte. Die Mutter eines kleinen Kindes würde auch nach den jüngstem Terroranschlag weiterhin ausnahmslos überall hinfahren. „Auch wenn die Bedrohung natürlich näher rückt.“

Ob Menschen aus dem Landkreis geplante Reisen nach Brüssel nun absagen, vermochten örtliche Reiseanbieter gestern nicht unmittelbar zu beantworten, doch „da gibt es sicherlich einige Umbuchungen“, glaubt Doris Dengler vom Reisebüro Mundial G. Peil in Marburg. Reisen nach Brüssel biete das Reisebüro nicht an, mache aber ähnliche Erfahrungen bei Terroranschlägen in anderen Ländern. „Es ist ja nicht so, dass die Leute dann gar nicht mehr führen“, sagt Dengler. Meistens gebe es in derartigen Fällen keine kompletten Stornierungen. „Es ist eher so, dass wir dann mit den Kunden nach Alternativen suchen“. Das bedeute zwar etwas mehr Arbeit, mache sich aber finanziell nicht für das Reisebüro bemerkbar. Das bestätigt auch eine Mitarbeiterin des Reisebüros Stingel aus Wetter. „Die Leute fahren zurzeit nicht mehr so häufig in die Türkei, nach Ägypten oder Tunesien. Aber das verlagert sich dann zum Beispiel nach Spanien.“

Zug- und Bahnverkehr in Hessen betroffen

Direkte Auswirkungen haben die Ereignisse von Brüssel auf den deutschen Schienenverkehr. „Wir haben unsere Einsatzkräfte an den Bahnhöfen verstärkt“, teilt ein Sprecher der Bahn auf Anfrage mit. Auch Personal, das normalerweise im Bürodienst tätig sei, würde nun dafür rekrutiert. Über welchen Zeitraum die Züge aus Deutschland Ziele in Brüssel nicht ansteuern würden, könne derzeit nicht abgesehen werden. „Natürlich können die gekauften Fahrkarten zurückgegeben werden“, heißt es aus dem Regional-Büro der Bahn in Frankfurt. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden in Hessen jedoch nicht nur an den Bahnhöfen erhöht, sondern natürlich auch am Frankfurter Flughafen: Mehrere hundert Polizisten kontrollierten dort am gestrigen Vormittag Menschen und Fahrzeuge verdachtsunabhängig. Beamte mit Maschinenpistolen sicherten die Zufahrten zum Flughafen-Terminal und den Airport-Parkhäusern, später richteten sie Kontrollen auf der Bundesstraße 43 zum Flughafen ein.

Umstrittene Funktion bei Facebook hilft

„Nach Aussage der Sicherheitsbehörden ist auch in Deutschland die Gefahr terroristischer Anschläge sehr hoch“, betonte der heimische Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Heck (CDU). „Wir müssen dankbar sein, dass es den Sicherheitsbehörden bisher möglich war, Anschläge in Deutschland zu verhindern.“ Sören Bartol (SPD) zeigte sich ebenfalls schockiert. „Es ist mir immer unverständlich, wie Menschen so etwas tun und dann noch pseudoreligiös begründen können. Wir müssen uns jetzt solidarisch mit Belgien zeigen und wachsam sein, weil es ein weltweites Phänomen ist, dass Islamisten gewaltsam versuchen, ihre Ideologie durchzusetzen.“

Auch wenn es nicht Deutschland getroffen hat: Im Landkreis haben sich viele Menschen um Freunde, Bekannte oder Angehörige in Brüssel gesorgt. Erleichterung dürfte in vielen Fällen eine neue Funktion im sozialen Netzwerk Facebook gebracht haben. Über die nicht unumstrittene „Überprüfung des Sicherheitsstatus“ können Nutzer in von Terror oder Naturkatastrophen betroffenen Gebieten ihrem Freundeskreis signalisieren, ob sie in Sicherheit sind.

"Wäre vielleicht von Brüssel aus geflogen"

Wie sich die Menschen in Brüssel außerdem untereinander verständigt haben, erklärt Mona Sefen im Gespräch mit der Oberhessischen Presse. Die 24-Jährige lebt und arbeitet in Brüssel, macht diese Woche aber Urlaub bei Ihren Eltern in Osnabrück. „Ich verfolge aus der Ferne, was in Brüssel passiert. Man kann von Facebook und Whats­app halten, was man will - aber das waren die schnellsten Kanäle.“ Die Mobilfunknetze waren nämlich ohnehin überlastet. Sie weiß inzwischen, dass es allen Kollegen und Freunden gut geht, dass sie in Sicherheit sind.

Mona Sefen hat auf Facebook zuerst von den Anschlägen in ihrem Wohnort erfahren. Eine Freundin hatte gepostet, dass es ihr gut geht. Kurz darauf haben dann auch ihre Mitbewohner nach und nach bei Whatsapp geschrieben, dass sie sicher sind. Einer war noch kurz zuvor mit der Metrolinie unterwegs, die um 9.11 Uhr Ziel der Terroristen wurde. „Diese Überlegungen sind beängstigend, ich hätte eigentlich auch heute kurzfristig eine Dienstreise antreten sollen. Wenn ich den Urlaub nicht in Deutschland begonnen hätte, wäre ich vielleicht gestern von Brüssel aus geflogen“, überlegt Sefen.

Mittlerweile haben auch alle ihre Bekannte, die bei Facebook sind, die Funktion „In Sicherheit“ genutzt, um dies ihrem Facebook-Freundeskreis mitzuteilen. „Ich finde diese Funktion gut. Gerade auch für die Leute, mit denen man auf Facebook verbunden ist, denen man aber nicht so nahe steht, als dass man sie persönlich anschreiben würde, um nachzufragen.“

Verglichen mit den Tagen nach den Anschlägen in Paris, in denen bereits hohe Terrorwarnstufen verhängt wurden, schlossen sich die Menschen in Brüssel gestern tatsächlich ein, berichtet Sefen. „Damals waren die Menschen zwar schreckhaft, aber sie wollten sich nicht von ihrem Alltagsleben abhalten lassen. Mal sehen, wie es sich in den nächsten Tagen entwickelt.“ Sefen plant, am Ostermontag wieder von Köln aus zurück nach Brüssel zu reisen - wenn die Züge dann wieder fahren.

von unseren Redakteuren

Feedback

Egal ob Türkei oder Belgien
„Es ist schrecklich, was dort passiert ist, mein Beileid an alle Angehörigen, aber warum wurde das nicht gefragt, wo in der Türkei Menschen ums Leben gekommen sind. Hier hat jeder die französische Flagge im Profilbild gehabt, doch hab ich hier eine türkische gesehen? Es ist ganz egal, wo etwas passiert – ob in Frankreich, in Belgien oder in der Türkei, wir sind alles Menschen und da frage ich mich: Wann wird endlich mal was unternommen gegen den Terror?“
Olli Hessen
(via Facebook)

Gefährliche Zukunft
„Schrecklich! Mein Beileid an alle Angehörigen! Ich glaube, es dauert nicht mehr lange, bis wir dran sind. Und dann steht Deutschland da mit heruntergelassener Hose, weil wir kaum noch Bundeswehr haben. Die Zukunft sieht aktuell sehr gefährlich aus in meinen Augen. Und das tut mir vor allem für mein Kind und alle Kinder dieser Welt leid!“
Janine Euker
 (via Facebook)

Wo soll das enden?
„Unsere Welt wird immer verrückter … Wo soll das noch alles enden? Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Familien und natürlich auch bei den Kolleginnen und Kollegen, sowie den Kameradinnen und Kameraden der Gefahrenabwehr und des Katastrophenschutzes in Belgien.“
Lars Schäfer
(per Facebook)

Sichere Flughäfen
„Habe gestern erst einen Sicherheitsbericht über deutsche Flughäfen gesehen, ohne Beanstandungen. Einzig München – erschreckend.
Zum eigentlichen Problem des internationalen Terrorismus: man wird ihn niemals vollständig besiegen können – leider.“
Frank Gnau  
(via Facebook)

Ziel erreicht?
„Ist der letzte Satz („Die Angst  rückt wieder ein Stück näher“, Anm. d. Red.) nicht genau das, was die Terroristen lesen wollen?“
Fabian (@RobotUnicorn08)
(via Twitter)

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