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„Das ist nicht so leicht auszuhalten“

Alltag im Flüchtlingslager „Das ist nicht so leicht auszuhalten“

Null Privatsphäre, Langeweile, Ungewissheit: So ergeht es den mehr als 300 Flüchtlingen, die in der Marburger Erstaufnahme-Einrichtung leben. Gespräche am Rande des Zelt-Camps.

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Die afghanischen Flüchtlinge Jawed K. und Youssef I. beschreiben die Langeweile im Camp-Alltag.

Quelle: Björn Wisker

Cappel. Schmale Feldbetten, Dutzende, eng zusammengestellt. Bisweilen nach Urin riechende Gemeinschafts-Toiletten, dauerbelegte Waschräume und immer wieder die Hitze in den Zelten – für Jawed K. (26) keine Gründe zu klagen. „Ich habe Schlimmeres erlebt“, sagt der Afghane. Das Einzige, woran er sich nach seiner Ankunft in Cappel in der vergangenen Woche, allem Sicherheitsbedürfnis zum Trotz, nicht gewöhnt, ist das erzwungene Nichtstun. „Ich möchte und werde gerne arbeiten, etwas Sinnvolles machen, richtig ankommen“, sagt er.

Es sind (englische) Sätze wie diese, die viele Flüchtlinge rund um das Marburger Zelt-Camp erzählen. „Wir verbringen die meiste Zeit zusammen auf begrenztem Raum, die Tage sind alle gleich. Da kommt schnell Langeweile auf“, sagt Youssef I. (28), der ebenfalls aus Afghanistan stammt. Schwierig sei es aufgrund der Enge und der Lautstärke in den Zelten vor allem nachts. Einige schnarchen, oft höre man jemanden wimmern, weinen. „Das ist nicht so leicht auszuhalten“, sagt er. Zur Ablenkung vom Warte-Alltag blättere er bei Einkäufen im nahen Fachmarkt-Zentrum oft in Zeitschriften. „Ich versuche dann über Bilder zu verstehen, um was es geht.“ Er laufe mehrmals täglich vor zu den Supermärkten, um Kleinigkeiten zu kaufen. „So geht die Zeit etwas schneller rum.“

Hauptzeitvertreib, vor allem für Kinder und Jugendliche im Camp ist Fußballspielen. Den ganzen Tag schießen sie mal mehr, mal weniger strapazierte Bälle über den umgewidmeten Sportplatz an der Umgehungsstraße. „Irgendwann am Tag vergeht ihnen aber auch daran die Lust. Dann muss man sie als Eltern anders beschäftigen“, sagt Mohammed M. (44) aus dem Irak. Er gehe täglich rund um das Camp spazieren. „Ich mag es hier, man sieht viele Menschen,  die lächeln, einem helfen wollen. Hier ist Leben, Freiheit. Das möchte ich haben. Doch dafür muss ich erstmal aus dem Zelt kommen.“

von Björn Wisker

Hintergrund:

  • Das deutsche Asylbewerberleistungsgesetz sieht vor, dass Flüchtlinge das erhalten, was sie brauchen, um ihr Existenzminimum zu sichern: Essen, Unterkunft, Heizung oder Körperpflegeartikel gehören dazu.
  • Wie viel Bargeld ein Flüchtling jeweils bekommt, hängt davon ab, wie lange er in Deutschland ist, und was er in seiner Unterkunft an Sachleistungen erhält.
  • In den Erstaufnahme-Einrichtungen werden Dinge des täglichen Bedarfs wie Essen oder Möbel meist zur Verfügung gestellt. Es gibt etwa Kleiderspenden, Gutscheine oder Erstausstattungspakete mit den nötigsten Gütern.
  • Flüchtlinge bekommen Geld für persönliche Bedürfnisse: Alleinstehende erhalten 143 Euro im Monat. Erwachsene, die als Partner einen Haushalt teilen, bekommen je 129 Euro. Wer sonst noch im Haushalt lebt, kriegt 113 Euro. Und für Kinder stehen Familien je nach Alter zwischen 85 und 92 Euro zu.
  • Wenn Asylbewerber nicht mehr in Gemeinschaftsunterkünften des Landes untergebracht sind und damit kein Essen mehr gestellt wird sowie weitere Sachleistungen wegfallen, gibt es zusätzliches Geld: Erwachsene Alleinstehende erhalten 216 Euro, Kinder oder weitere Haushaltsmitglieder zwischen 133 und
  • 194 Euro. Zusätzlich zahlen Behörden Wohnkosten.
  • Wie bei Hartz-IV-Empfängern haben Kinder Anspruch auf Hilfe für einen Schulausflug oder Gutscheine etwa für den Sportverein. Auch bei Krankheit oder Schwangerschaft sowie Geburt erstattet der Staat die Kosten.
  • Ist ein Flüchtling länger als 15 Monate im Land, stehen ihm bei Bedürftigkeit Leistungen auf Sozialhilfe-Niveau zu. Ein alleinstehender Asylbewerber bekommt somit 392 Euro. Zudem werden – wie bei Hartz IV – Wohnkosten erstattet.
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