Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 6 ° wolkig

Navigation:
Das ist der untersagte Kutschera-Vortrag

Studium generale Das ist der untersagte Kutschera-Vortrag

Naturwissenschaft und Bibelglaube-Kritik statt Gender-Studies-Streit: Die OP fasst die Kernaussagen des Vortrags, den Professor Ulrich Kutschera am Mittwoch beim Studium Generale gehalten hätte, zusammen.

Voriger Artikel
Strategien für die Heuschnupfenzeit
Nächster Artikel
Kampf gegen Fernwasserleitung geht weiter

„Evolutionstheorien 2016 und der kreationistische Grundtypen-Glaube“ lautete der dem Biologen Professor Ulrich Kutschera in Marburg untersagte Studium-Generale-Vortrag.

Quelle: Archiv

Marburg. Der Vortrag des Kasseler Naturwissenschaftlers trägt den Namen „Evolutionstheorien 2016 und der kreationistische Grundtypen-Glaube“ - die von Kutschera-Gegnern befürchteten Attacken gegen Geschlechterforschung fehlen im Konzept, das der OP vorliegt.

Statt Kritik an der sozialwissenschaftlichen Disziplin und am Gendermainstreaming zu äußern, stellt Kutschera die Thesen des religiös geprägten Kreationismus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen gegenüber.

In dem das Studium Generale einleitenden Vortrag wäre es am Mittwochabend um eine Einführung in das übergeordnete Thema „Evolution“, um die Entwicklung des evolutionären Weltbildes von Darwin bis heute gegangen. Zunächst wäre ausgehend von dem 1858 formulierten „Darwin-Wallace-Prinzip der natürlichen Selektion“, die Entwicklung vom klassischen Darwinismus über das Neo-Darwin‘sche Konzept (den sogenannten Weismannismus) die „Synthetische Theorie der biologischen Evolution“ vorgestellt worden.

Christlicher Kreationismus:„eine Anmaßung“

Die 1948 gegründete Wissenschaftsdisziplin Evolutionsbiologie sei ferner ein System verschiedener Theorien, die sowohl den Verlauf, als auch die Antriebskräfte des evolutiven Artenwandels beschreiben beziehungsweise erklären. Eine einheitliche, alle Phänomene der Spezies- und Bauplan-Transformationen erklärende Evolutionstheorie gebe es ebenso wenig wie ein rational begründetes alternatives Schöpfungsmodell, welches Kutschera als „pseudowissenschaftlichen biblischen Grundtypen-Mythos“ bezeichnet.

Die Entstehungsgeschichte und die Kritik am Kreationismus bilden einen zweiten Schwerpunkt Kutscheras.

Basis für die christliche Weltanschauung ist das Modell von „Grundtypen des Lebens“, ein Begriff, der 1867 in die Fachliteratur eingeführt wurde. Diesen Einzelschöpfungen würde ein „intelligentes Design“ zugrunde liegen. Die Schönheit der Natur - symbolisiert etwa durch Orchideen und Kolibris - sind laut der Grundtypen-Annahme als Design-signale eines vorsätzlich agierenden Planers, eines Schöpfers zu verstehen. Aus wenigen intelligenten Grundtypen seien demnach vor etwa 10.000 Jahren alle Organismen hervorgegangen.

Kutschera widerlegt das mit Verweisen auf die Erdgeschichte und der Skizzierung biologischer Entwicklungsprozesse. Grundsätzlich sei Kreationismus „ein christlich-fundamentalistischer Bibelglaube, der sich anmaßt, die Vielfalt der Lebensformen erklären zu können und als Konkurrenzmodell zu den Erkenntnissen der Evolutionsbiologie verbreitet wird“ - bisweilen auch im Schulunterricht, was der Kasseler als „höchstproblematisch“ bezeichnet. „Diese dogmatischen Glaubens-Systeme gehören in die Kirche, nicht in den Biologie-Unterricht, wo nur empirische Fakten zählen.“

Eine Vermischung biblischer Mythen mit biologischen Fakten und somit die „Unterwanderung der naturwissenschaftlichen Denk- und Arbeitsweise, sind eine Gefahr für den Wissenschaftsstandort Deutschland.“

Auf OP-Anfrage bedauert Kutschera, dass das Studium generale nun „leider zum Nachteil der interessierten Zuhörerschaft ohne Hinführung zum Generalthema dargeboten wird“.

Große Teile des Vortrags fußen auf Kutscheras Buch „Evolutionsbiologie. Ursprung und Stammesentwicklung der Organismen. 4. Auflage 2015“, speziell auf den Kapiteln 3 und 11.

von Björn Wisker

Reflexe

Und schon ist die Luft raus. Statt des von Kritikern 
 befürchteten provokativen Rundumschlags gegen Geschlechterforschung und Gendermainstreaming hätte es beim Studium gene­rale einen allgemeinverständlichen Überblick über den Forschungsstand und Konflikt der Evolutionstheorien zwischen Theologie und Naturwissenschaft gegeben.

Kontrovers genug – und es passt zu der Ausladungs-Posse, dass letztlich mancher Theologe eher Grund zur Aufregung gehabt hätte als Anhänger der Gender-Studies. Und selbst wenn es Seitenhiebe gegeben hätte: Statt sich mit den steilen Thesen des Forschers auseinanderzusetzen, ihn mit Sachargumenten zu widerlegen, wurde seitens der Philipps-Universität emotional reagiert und dem Reflex nachgegeben, bloß nicht mit dem vermeintlichen Schmuddelkind zu spielen.

Das ist weder nüchtern noch rational oder – wie die hitzige Debatte zeigt – clever. Die Hörer des Studiums Generale haben die Wissenschaftler dahingehend überholt, sie wären auch für Polemik, die es nicht mal gegeben hätte, erwachsen genug gewesen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Gender-Zentrum: „Kutschera-Thesen hanebüchen“

Gender Studies contra Naturwissenschaft: Das Zentrum für feministische Zukunftsforschung bezichtigt Professor Ulrich Kutschera des Verstoßes gegen Standards der deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

mehr
Hitzige Debatte um Redeverbot

Steht ein Redeverbot der Universität wirklich gut zu Gesicht?

mehr
Forscher warnt vor „Gender-Ideologen“

Jetzt spricht der umstrittene Wissenschaftler: Der Evolutionsbiologie Professor Ulrich Kutschera erläutert im OP-Interview die Gründe für seine Vortragsabsage in Marburg und erneuert seine Kritik an der Genderforschung.

mehr
Ausladung für umstrittenen Forscher

Zoff um das Studium generale: Auf Empfehlung von Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause wird der Auftakt-Vortrag abgesagt.

mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr