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Das einsame Ende auf der Blumenwiese

Sozialbestattungen Das einsame Ende auf der Blumenwiese

„Hochsensibel“ ist das Thema für die Stadt Marburg. Parteien haben in der Vergangenheit bereits heftig darüber diskutiert. Es geht um sogenannte Sozialbestattungen.

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Das anonyme Urnenfeld auf dem Friedhof Ockershausen ist letzte Ruhestätte für viele Menschen, die „sozial bestattet“ werden mussten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Es sind 34 gelebte Leben. Sorgfältig abgeheftet in 34 Akten. Darin alle wichtigen Daten: Name, Alter, Wohnort. Seite für Seite offenbaren sich die Geschichten eines Menschen. Das Leben aufgelistet in einer Ansammlung von Stichpunkten. Armin Dahlhoff kennt die Akten. Der Grund, weshalb die Dokumente auf seinem Schreibtisch landen, hängt mit einer Information zusammen, die in allen 34 Schriftstücken zu finden ist. An einer markanten Stelle steht das Todesdatum.
Dahlhoffs Zuständigkeitsbereich im Ordnungsamt Marburg sind Sozialbestattungen. Der Begriff aus der Behördensprache steht oft am Ende einer tragischen Familiengeschichte.

Fallzahlen steigen kontinuierlich

Sozialbestattungen werden notwendig, wenn ein Verstorbener entweder keine Verwandten hat oder die noch lebenden Angehörigen aus verschiedenen Gründen keine Bestattung in Auftrag geben können oder wollen. Die Zahl solcher Fälle steigt seit Jahren kontinuierlich an, sagt Dahlhoff. 2011 waren es noch 22, im vergangenen Jahr die genannten 34 Fälle.

Jeder stirbt für sich alleine – so heißt es umgangssprachlich und doch hoffen viele Menschen im Moment, wenn sich ihre Augen für immer schließen, nicht allein zu sein. Der Gedanke an den Tod mag für einige beängstigend sein, für Dahlhoff ist er zunächst einmal ein Teil seiner
Arbeit. Erhält er Kenntnis über einen Todesfall, zum Beispiel durch die Polizei, bleibt ihm zumeist nicht viel Zeit, Angehörige ausfindig zu machen. Das hessische Friedhofs- und Bestattungsgesetz sieht vor, dass der Leichnam eines Verstorbenen binnen 96 Stunden bestattet werden muss. Für Dahlhoff bedeutet diese Vorgabe eine Gratwanderung: Einerseits möchte er die Suche nach Hinterbliebenen gründlich dokumentieren, andererseits zwingt ihn die Zeitvorgabe unter Umständen dazu, eine rasche Entscheidung zu treffen. Dahlhoff betont hier ausdrücklich, dass niemand „irgendwo verscharrt wird“ und nimmt Bezug auf einen Vorfall aus dem Jahr 2011, bei dem die Tochter eines Verstorbenen einen solchen Vorwurf gegen die Stadt Marburg erhob. Der Fall schlug damals hohe Wellen, wurde aber dann aufgeklärt.

Die Kosten belaufen sich auf 2 000 bis 2 500 Euro

„Kein Fall ist wie der andere“, sagt Dahlhoff. Für seine Suche nach Angehörigen wälzt er Melderegister, informiert sich bei Standesämtern und im Internet oder befragt das nähere Umfeld des Verstorbenen. Findet Dahlhoff Verwandte, klärt er diese über die gesetzlich vorgeschriebene Bestattungspflicht auf. Diese besteht sogar dann, wenn die Angehörigen das Erbe des Verstorbenen bereits ausgeschlagen haben. „In der Regel belaufen sich die Gesamtkosten einer Sozialbestattung auf 2 000 bis 2 500 Euro“, teilt die Stadt Marburg mit. Diese Bestattung beinhaltet die Einäscherung des Leichnams sowie die Urnen- oder Erdbeisetzung und die Friedhofsgebühren.

Dahlhoff versucht bei seiner Tätigkeit immer auf die Wünsche der Angehörigen einzugehen, die auch den Ort der Bestattung bestimmen können. Auch sind religiös bedingte Ausnahmen möglich. So dürfen Muslime zum Beispiel gar nicht kremiert werden, erklärt Dahlhoff. Sind die Angehörigen finanziell nicht in der Lage, die Kosten zu tragen, hilft Dahlhoff dabei, den Kontakt zu den Sozialämtern herzustellen. Mehrheitlich seien es jedoch keine angenehmen Gespräche, die er infolge seiner Recherche führen müsse, sagt der Verwaltungsfachangestellte. Denn oft gibt es einen guten Grund, weshalb manche Angehörige so schwer aufzufinden sind. Häufig handelt es sich um zerrüttete Familienverhältnisse. Es sind Töchter, Söhne und Eltern, die häufig jahrzehntelang nichts voneinander gehört haben. Und dann kommt plötzlich der Anruf von Dahlhoff mit der Nachricht vom Tod eines Familienmitglieds.

Gedanken über die Schicksale

Die Reaktionen der Hinterbliebenen sind unterschiedlich, erklärt der Familienvater. Echte Trauer sei aber eher selten anzutreffen. Zumeist gehe es um die Bestattungspflicht und deren Kosten. Aufgebrachte Gesprächspartner versucht Dahlhoff dann im ruhigen Ton zu besänftigen. Am liebsten regelt er das weitere Vorgehen mit den Angehörigen am Telefon. „Es ist persönlicher und bis Briefe hin und her geschickt worden sind, vergeht ja schon einige Zeit“. Dass es vielen Menschen scheinbar egal ist, was mit ihren Angehörigen passiert, hinterlässt auch bei Dahlhoff Spuren, die ihn bis in den Feierabend begleiten. „Ich mache mir schon Gedanken über diese Schicksale“, sagt er, schließlich gehe es eben nicht um einen ausgestellten Strafzettel, sondern um Menschen.

Bei etwa einem Drittel der 34 Sterbefälle, für die das Ordnungsamt 2014 zuständig war, konnte Dahlhoff keinen Angehörigen ermitteln. Dabei handelte es sich meist um ältere Menschen, die einsam zuhause verstorben waren. Manche wurden erst nach Tagen entdeckt. Um eine Wohnung zu öffnen, bedarf es jedoch mehr als dem bloßen Anfangsverdacht. Die „Unverletzlichkeit der Wohnung ist ein Grundrecht. Bevor wir da eingreifen, müssen die Hinweise eindeutig sein“, erklärt Christian Prölß vom Fachdienst Ordnung.
Meldet sich ein besorgter Anwohner, erkundigt sich das Amt bei Bekannten über Alter und Gesundheitszustand. Ein weiteres Indiz kann ein überquellender Briefkasten sein. Gibt es auch keine Reaktion auf wiederholendes Klopfen an der Tür, rufen die Beamten den Schlüsseldienst. Steckt der Schlüssel von innen, ist dies das wohl offensichtlichste Zeichen für einen Todesfall. Nachdem die Polizei die Todesursache geklärt hat, nimmt Armin Dahlhoff seine Tätigkeit auf.

Am Ende bleibt eine Blumenwiese in Ockershausen. Das anonyme Urnenfeld ist der Ort, an dem im vergangenen Jahr 34 Lebensgeschichten zu Ende erzählt wurden. Kein Namensschild, keine Gravur deutet auf die Toten hin. Die Namen stehen allein in Dahlhoffs Akten.

von Dennis Siepmann

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