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„Das Umfeld, in dem die NSU groß wurde“

"Undercover unter Nazis" „Das Umfeld, in dem die NSU groß wurde“

Es sind schwer erträgliche Bilder, die der Journalist Thomas Kuban über Jahre mit versteckter Kamera bei Rechtsrockkonzerten aufgenommen hat. Und doch findet so etwas häufiger statt als viele glauben - und näher.

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Regisseur Peter Ohlendorf (von links) stand nach der Filmvorführung auf dem Podium gemeinsam mit Pedro Valdivielso, Tina Dörr und Dr. Reiner Becker vom Beratungsnetzwerk Hessen für die Diskussion und für Fragen zur Verfügung. Kleines Foto: Der verkleidete

Marburg. Irgendwo in einem kleinen Dorf in Deutschland: Während in der Konzerthalle eine Naziband zu Türkenmord und Judenhass aufruft, Hände zum Hitlergruß in die Höhe schnellen und illegale Nazisymbole kursieren, steht draußen seelenruhig die Polizei und greift nicht ein.

Solche Szenen scheinen, wenn man sich den Dokumentarfilm „Blut muss fließen - Undercover unter Nazis“ ansieht, in ländlichen Gegenden und vor allem in Bayern und Ostdeutschland nicht gerade selten zu sein. Der Film von Regisseur Peter Ohlendorf war am Dienstag den ganzen Tag über im Marburger Cineplex-Kino zu sehen und lief am Abend sogar vor ausverkauftem Kinosaal - ein überraschender Erfolg, auch für die Veranstalter vom Beratungsnetzwerk Hessen gegen Rechtsextremismus.

Um bei den Konzerten solche und noch weitaus schockierendere Szenen zu filmen, war der Journalist Thomas Kuban zehn Jahre lang mit Knopflochkamera und wechselnden Identitäten in der Rechtsrockszene Deutschlands, aber auch im europäischen Ausland unterwegs und ist damit ein großes Risiko eingegangen. Im Film tritt er nur verkleidet und mit nachgesprochener Stimme auf - seit der Veröffentlichung seiner Aufnahmen hat Kuban mehrfach Morddrohungen erhalten.

„Liedtexte verfolgen mich heute noch bis in den Schlaf“

„Ich habe großen Respekt davor, dass er sich dem ausgesetzt hat,“ sagt Regisseur Peter Ohlendorf, einer der wenigen, die die Wichtigkeit dieser Filmarbeit anerkannten, bei der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Filmvorführung am Dienstagabend. Ohlendorf hat dem ganzen durch seinen Dokumentarfilm einen Rahmen verliehen. Ihn selbst verfolgten die Liedtexte oft noch bis in den Schlaf, Kuban sei damit viele Jahre intensiv konfrontiert gewesen, so Ohlendorf. Umso enttäuschender sei dann die öffentliche Reaktion gewesen: kein Fernsehsender, keine Stiftung wollte die Fortführung und Veröffentlichung seiner Arbeit unterstützen. Auch von ranghohen Politikern wurden Ohlendorf und Kuban, wie man im Film sieht, nicht ernst genommen und abgewimmelt.

Dabei haben die beiden im Laufe ihrer Arbeit einen immer größer werdenden Zulauf zu dieser hasserfüllten Musikrichtung beobachten können - nicht zuletzt auch von jungen Frauen. Und die Musik, so wird im Film gesagt, sei oft nur eine Art Einstiegsdroge. „Das ist die Konzertwelt und das Umfeld, in dem der Naziuntergrund groß geworden ist,“ meint der Regisseur im Bezug auf die Morde der Zwickauer Nazi-Zelle NSU.

Vor allem Jugendliche könnten sich von der Szene oft gar nicht klar abgrenzen, so auch die Erfahrung der Aktiven beim Beratungsnetzwerk Hessen.

Schon Schüler kommen mit rechter Musik in Kontakt

Das zeigten offenbar auch die Vormittagsvorstellungen, bei denen einige Schulklassen den Film ansehen und dann darüber diskutieren konnten. Da sei Peter Ohlendorf auf eine Präsenz der Neonazikultur gestoßen, die er in dieser Dichte in anderen Gegenden nicht erlebt hatte.

Es sei von Kirmesfeiern berichtet worden, bei denen Burschenschaften in großer Zahl anwesend waren und den Hitlergruß machten, ohne dass die anderen Gäste - die „Zivilgesellschaft“ - eingriffen. Einige Jugendliche hätten berichtet, dass in ihren Sportvereinen öfter solche Musik laufe. Und auch in den Klassen selbst habe es deutliche Zeichen von Rassismus, aber auch unreflektierte Umgangssprache gegeben, in der es völlig normal sei, sich mit „Du Jude!“ anzusprechen, so Ohlendorf. Er fürchtet, dass diese Kultur heute wieder Raum habe, es wieder schick werde, das zu zeigen.

Verantwortlich dafür seien aber nicht nur die Politik, die Polizei, die Institutionen. „Wir müssen uns auch selbst fordern“, appellierte Ohlendorf an das Marburger Publikum. Bestes Beispiel: Das Aktionsbündnis gegen Rechts, dessen Mitbegründer Pedro Valdivielso am Abend von der erfolgreichen Verbannung der Nazikonzerte aus Kirtorf, nur kurz hinter unserer Kreisgrenze, berichtete.

Weitere Informationen im Internet unter­ www.beratungsnetzwerk-hessen.de

von Hannah El-Hitami

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