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Das Streben nach dem perfekten Körper

OP-Serie: Körperkulte Das Streben nach dem perfekten Körper

Bikinifigur und dunkler Teint, Waschbrettbauch und gestylte Haare: Sommer ist die Jahreszeit für Selbstdarstellung. Die OP-Serie „Körperkulte“ widmet sich Marburgern, die erklären, warum ihnen ihr Äußeres sehr wichtig ist.

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Vermessen, verzieren, optimieren: Körper sind Präsentationsflächen.

Quelle: Sven Geske

Marburg. Sexy oder schmuddelig? Brillant oder billig? Persönlich oder peinlich? Egal wie man zu Körperschmuck steht: Tattoos und Piercings sind dem Nischendasein seit langem entwachsen. Mehr als acht Millionen Menschen in Deutschland sind deutschlandweit laut Gesellschaft für Konsumforschung tätowiert, der größte 
Anteil (mehr als 20 Prozent) findet sich demnach in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren.

Auch Piercings sind weit verbreitet. Bezieht man Löcher in den Ohrläppchen mit ein, tragen sie 40 Prozent aller Frauen. Fazit von Forschern: Tattoos und Piercings sind 
„Norm in der jugendlichen Lebenswelt“ und die „am weitesten verbreitete Version der Körperkunst“.

Und die Nachfrage nach Lifestyle, dem Willen, den Körper zu präsentieren, boomt: Millionen Menschen schauen sich auf Youtube Schmink-, Kleidungs- und Frisiertipps oder Muskelaufbau-Übungen sowie Ernährungsratgeber an. Wieso? Und mit welchen persönlichen wie gesellschaftlichen Konsequenzen?

„Die Haut ist eine Präsentierfläche“

Erklärungsansätze hat Professorin Elisabeth Rohr von der Philipps-Universität Marburg parat. „Es geht vielen Menschen um die Optimierung des eigenen Selbst. Das Ziel ist, ewig schlank und schön zu sein. Die Strategien, um die Optimierung des Körpers zu erreichen lauten Fitness, Sport, Ernährung, Wellness, Schmuck“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin auf OP-Anfrage. Gemein sei allen Formen – ob nun dauerhaftes Tattoo oder nur stundenweises Schminken – der Drang zur Verschönerung, zum Schmücken des Körpers, zur Außendarstellung. „Die Haut ist eine Präsentierfläche.“

Hierzulande habe sich jedenfalls ein Schönheitsideal herausgebildet, in dem es – zumal für Frauen – als attraktiv gilt, schlank zu sein, große Augen und schmale Nase sowie volle Lippen zu haben. Das sei etwa in Afrika oder Südamerika anders. Wie genau die regional und epochal verschiedenen Ideale entstehen, könne die Wissenschaft zwar nicht exakt erklären.

Jedoch: „Fernsehen und Facebook haben einen großen Einfluss auf die Verbreitung. Vor allem Musikvideos, die als Transport-
mittel für das dienen, was als angesagt, was als attraktiv gilt. Nicht anders ist das im Internet, in sozialen Netzwerken.“

Beispiel „Collarbone Chal­lenge“ auf Facebook und Twitter: Je mehr Münzen in das Schlüsselbein einer Frau passen, desto dünner und somit attraktiver ist diejenige. Tiefe Kuhle mit vielen Münzen? Idealmaß, Krönung zur Internetschönheit.

Smartphones entführen in 
eine Schönheits-Scheinwelt

Ähnlich die „BellybuttonChallenge“, wo auf Instagram Zehntausende ihren Bauchnabel in Szene setzen. Unter #Bikinibridge ist die 
„Brücke“ der Bikinihose über den hervorstehenden Hüft-
knochen zu sehen, bei #Thighgaps wird die möglichst große Lücke zwischen den Oberschenkeln unterhalb des Schritts gezeigt. In Whatsapp-Gruppen tauschen sich Jugendliche über Kalorieneinsparungen via Essen und Sport aus.

Das Streben nach Sex-Appeal sehen viele, egal ob Frauen oder Männer, eben in der eigenen Omnipräsenz in sozialen Netzwerken, wo Mode-Blogger, Youtuber und Instagram-Nutzer regelmäßig – mit Hilfe von leicht bedienbarer Bildbearbeitungs-Software – eine Smartphone-Schönheits-Scheinwelt aufbauen, an der sich Millionen Menschen orientieren.

Makellosigkeit ist das Ziel. „Auch sich operieren zu lassen, wird in ein paar Jahren so normal sein, wie zum Friseur zu gehen“, sagt Ada Borkenhagen, Psychologin, die über die Gründe und die Auswirkungen der Schönheits­chirurgie forscht.

Laut Internationalem Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, wird schon Kindern ein „falsches Schönheitsideal“ vermittelt – maßgeblich durch Fernsehsendungen. Fast jedes zweite Mädchen zwischen zwölf und 21 Jahren, das regelmäßig „Germany’s next Topmodel“ schaue, wolle Model werden. Bereits Fünftklässlerinnen wünschen sich demnach Körper wie die der Models im Fernsehen. Um das zu erreichen, tun sie genau das, was Kern der Sendung ist: an sich arbeiten, womit schon Teenager Diät halten.

Kultureller Konsens der Schönheitsideale

Verbreitet ist die Haltung, dass Schönheitsideale nicht universell gelten, sie wandelbar, sozial und kulturell konstruiert seien. Evolutionsbiologen widersprechen dieser Auffassung in großen Teilen. Es gebe vielmehr einen Zusammenhang zwischen empfundener Schönheit mit evolutionär vorteilhaften Eigenschaften – eine Art Suche nach Indizien für die Gesundheit des Gegenüber.

Auch gibt es laut Forschungen trotz kultureller Variabilität viele Gemeinsamkeiten, einen harten Kern, einen Konsens der Schönheitsideale. Wissenschaftlern zufolge gründe menschliche Schönheit auf teilweise definierbaren Faktoren. So werde etwa Symmetrie als schön empfunden, ebenso seien Frauen mit einem – je nach Kultur verschieden bemessenem – Taille-Hüfte-Verhältnis begehrt. Und ein vertikaler Abstand zwischen Augen und Mund von 36 Prozent der Gesichtslänge und ein horizontaler Abstand zwischen den Augen von 46 Prozent der Gesichtsbreite gilt als perfekte Proportion.

Das vor allem in westlichen Gesellschaften seit rund 100 Jahren vorherrschende Schlankheitsideal ist geschichtlich und kulturell gesehen hingegen tatsächlich eher selten. Rundliche, gar dicke Körperformen galten in vielen Kulturen lange als attraktiv. Wer wo als schön gilt, das hängt offenbar – neben klimatischen Faktoren – auch mit dem Nahrungsangebot in der Region zusammen.

In Gegenden oder Epochen, in denen die Versorgungslage unsicher ist, gilt Fett als Statussymbol, auch als Gesundheits- oder Wohlstandsgarant („Vollweib“). Umgekehrt gilt in Zeiten und Orten, in denen Überfluss herrscht, ein schlanker Körper als erstrebenswertes Luxusgut, als Symbol für Mäßigung („Jugendlichkeit“). Laut einer Befragung der Philipps-Universität im Jahr 2008 glauben 85 Prozent der Deutschen, zu viele Pfunde auf den Rippen seien selbst verschuldet. Weiteres Ergebnis der Studie: 23 Prozent äußern Vorurteile gegen Übergewichtige.

Die Renaissance gestutzter Bärte

Die auf den männlichen Körper bezogenen Schönheitsvorstellungen schwanken zwar ebenfalls zwischen Reife und Jugendlichkeit, das Bild der idealen Männerfigur ist aber deutlich stabiler als das der Frauen. Zusammengefasst sieht der Idealmann so aus: Groß, sportlich, leicht gebräunter Teint, schmales Gesicht, markante Wangenknochen, markanter Unterkiefer.

Die Accessoires, die die physischen Grundlagen sozusagen flankieren, ändern sich. In den vergangenen Jahren sind 
in Deutschland etwa Profifußballer-Frisuren, die Renaissance (gestutzter) Bärte sowie Hornbrillen modern geworden.

Der Wunsch zur Präsentation des Körpers, des Äußeren, wie ist er entstanden? Rohr: Ein in den vergangenen Jahrzehnten fortschreitender gesellschaftlicher Bedeutungsverfall des Körpers – bedingt etwa durch den Einsatz von Maschinen statt Menschen in der Arbeitswelt, der Reproduktionsmedizin, die den Zeugungsakt überflüssig macht oder dem Internet, in dem körperliche Präsenz unnötig wird – erzeuge Gegenbewegungen, rege viele Menschen zu einem neuen Verhältnis zum 
 eigenen Körper an. Sie nehmen ihn deutlicher wahr, halten ihn fürsorglich gesund und fit, pflegen ihn beständig.

Tätowierungen haben jahrtausendealte Geschichte

Die Marburger Forscherin bezeichnet den Drang als „unverblümten Ausdruck eines hedonistischen Charakters“. Es seien in der Regel „narzisstische Ausdrucksweisen, eine Selbst-Inszenierung. Vordergründig und nur bei einem winzigen Teil der Menschen zutreffend, geht es um die Erhöhung der eigenen Individualität, um Einzigartigkeit. Tatsächlich ist es das Verlangen nach Zugehörigkeit zu einer Gruppe, dem Folgen eines 
Trends, der Bewahrung von 
 Jugendlichkeit“, sagt sie.

So, wie es Mode seit Jahrhunderten gibt und Lebensstile in bestimmten Zeitaltern beeinflusst, haben auch Piercings und Tätowierungen – abseits von „Arschgeweih“ und anderen umstrittenen Optiken – eine jahrhunderte-, gar jahrtausendealte Geschichte.

Die Gletscher-Mumie „Ötzi“ trug bereits vor mehr als 5000 Jahren Zeichen, die mit Nadeln oder kleinen Einstichen unter die Haut gebracht wurden. Die Skythen, ein Reitervolk aus der 
 russischen Steppe, waren 
schon 800 Jahre vor Christi Geburt für ihre aufwändigen und großflächig tätowierten Körper bekannt.

„Stummes Gedächtnis 
seelischer Wunden“

Lange hatten die Zeichnungen klare Bedeutungen, vor allem Zugehörigkeiten zu Volksstämmen, zu Gruppen – in Gefängnissen wurde und wird so oft die Rangfolge, die Hierarchie, die Funktion der 
Insassen gezeigt. Bei Piercings ist die Tradition ähnlich: Die frühesten Belege in Form von Schmuck oder Zeichnungen lassen sich bis auf 7000 Jahre zurückdatieren, auch sie dienten zur Abgrenzung, etwa zu anderen Stämmen.

Ihren rituellen, sakralen und sozialen Kontext haben Tattoos oder Piercings in dem Moment verloren, als Mode-Designer sie vor rund 30, 40 Jahren „gesellschaftsfähig machten und damit trivialisierten“, sagt Rohr. Was sich laut ihren Untersuchungen 
zeige: Dass junge 
Menschen sich Farbe unter die Haut stechen oder Löcher in den Körper stechen ließen, hänge im Regelfall mit als Krisen erlebten Erfahrungen – vor allem in der Adoleszenz – zusammen. Probleme mit Eltern oder in der Schule, Tod eines Geliebten: Tattoos seien, unabhängig vom Motiv, handele sich oft um ein „stummes Gedächtnis seelischer Wunden“.

„Beängstigend“ nennt Rohr hingegen Auswüchse der sogenannten Body Modification, 
wenn sich Menschen etwa 
Metallplatten oder Technik einsetzen lassen. Aber auch andere Formen der Körpermodifikation – so alt sie bisweilen sind – wirken extrem, etwa, sich den Schädel verformen oder Ziernarben ritzen zu lassen.

  • Die OP-Serie „Körperkulte“ wird bis zum Ende der Sommerferien 2016 einmal pro Woche erscheinen.

von Björn Wisker

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