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„Das Sterben zulassen“

Franz Müntefering „Das Sterben zulassen“

„Das letzte Stück des Lebens begleiten - und dabei menschlich bleiben.“ Franz Müntefering skizzierte bei einem Vortrag anlässlich der 20-Jahr-Feier des Marburger Hospizes die Bedeutung von Sterbebegleitung.

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Franz Müntefering sprach vor rund 150 Gästen über Sterbebegleitung und die Bedeutung der Hospize.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Alle Menschen sind einmal hilfsbedürftig. So lautete eine der Botschaften von Franz Müntefering, dem ehemaligen Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland und früheren SPD-Parteivorsitzenden, bei seinem Festvortrag zum 20-jährigen Bestehen des Marburger Hospizes in der Kirche St. Peter und Paul. „Hilfsbedürftigkeit ist kein Ausreißer - sie beginnt schon bei der Geburt“, so Müntefering vor den rund 150 Zuhörern.

Durch die Einrichtung des Hospizes sei „eine gute Grundlage“ geschaffen worden, um sich jenen zu widmen, die diese Hilfsbedürftigkeit unmittelbar vor ihrem Tod erfahren. „Vielen Menschen ist damit in den vergangenen Jahren geholfen worden“, so der ehemalige Spitzenpolitiker. „Wir müssen uns aber auch bewusst werden, welche Herausforderung uns noch bevorsteht.“

Franz Müntefering skizzierte bei einem Vortrag anlässlich der 20-Jahr-Feier des Marburger Hospizes die Bedeutung von Sterbebegleitung.

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So führte Müntefering den demografischen Wandel an, verwies aber auch darauf, dass „sich die Leistungsfähigkeit der Medizin verändert hat. Wir können heute viel länger leben als jemals eine Generation zuvor.“ Dies sei positiv, führe aber auch dazu, dass Menschen häufiger in einen körperlichen Zustand gerieten, wo das Sterben mit viel Leid verbunden ist. Die Hospizidee sei daher von großer Bedeutung.

„Die Menschen gehen nicht dort hinein, damit sie sterben - sondern weil sie sterben“, hob er hervor. Es gehe darum, den Tod als einen Teil des Lebens zu respektieren und ihn zu begleiten. Früher, so Müntefering, seien Familien „eng beisammen“ gewesen und hätten die letzten Tage von Angehörigen hautnah miterlebt. Heute hingegen sei das Sterben „von der Mitte der Gesellschaft an den Rand der Gesellschaft gerückt“. Dies könne man nicht kritisieren, doch die Frage sei: „Wie gehen wir damit um?“.

„Schön, das letzte Stück als solches zu erleben“

Mitarbeiter in Krankenhäusern, Altenheimen oder anderen Pflegeeinrichtungen „haben ein offensichtliches Problem: zu wenig Zeit“, sagte Müntefering. Er plädierte für eine bessere Finanzierung dieser Einrichtungen, denn „dabeisitzen und begleiten, auch mal eine halbe Stunde Zeit haben - das ist wichtiger als alles andere.“ Zudem forderte er eine stärkere Berücksichtigung von psychologischer Hilfe, sowohl für die Patienten, als auch für Behandelnde. Gerade in Kliniken stelle sich häufig die Frage: Intensivstation oder Palliativstation? An dieser Stelle sei dann der Wille des Patienten entscheidend, der dem ärztlichen Berufsbild jedoch widerstreben könne.

„Man muss das Sterben aber auch zulassen“, so Müntefering, der aus eigener Erfahrung spricht. 2008 war seine zweite Ehefrau an Krebs gestorben. „Diese Zeit kurz vor dem Tod ist noch einmal besonders intensiv“, berichtete er. Früher habe er selbst gedacht, er wolle am liebsten vom einen auf den anderen Moment tot umfallen. Heute sehe er dies anders. „Es ist schön, wenn man das letzte Stück Leben als solches erleben kann“, sagte er.

Ein Gesetz zur Sterbehilfe halte er für schwierig, da man die Situationen von Menschen schlecht in Kategorien einteilen könne. Daher müsse es vielmehr um die „eigentliche Herausforderung“ gehen, den­jenigen zu helfen, die sich nutzlos und nicht mehr gebraucht fühlten.

von Peter Gassner

Spende
Das Hospiz erhielt eine Spende von 2800 Euro für ein neues Pflegebett vom Hessischen Finanzministerium, die Minister Dr. Thomas Schäfer (CDU) bei der Veranstaltung überreichte.
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