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Das Schönste im Amt: Strahlende Kinderaugen

Vaupel-Interview Das Schönste im Amt: Strahlende Kinderaugen

Im letzten Interview seiner Amtszeit blickt Egon Vaupel auf seine Zeit als Bürgermeister und Oberbürgermeister zurück.

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Geschafft! Egon Vaupel blickt im OP-Interview zufrieden auf seine Amtszeit als Bürgermeister und Oberbürgermeister zurück.

Quelle: Tobias Hirsch

OP: Was soll den Marburgern in einigen Jahren einfallen, wenn sie an Egon Vaupel denken?
Egon Vaupel: Dass ich offen war, keine Diskriminierung zugelassen habe und dafür kämpfte, dass jeder die gleiche Chance haben soll.

OP:  Ihr Vorgänger Dietrich Möller regierte ohne eigene Mehrheit im Parlament, Sie hatten immer eine rot-grüne Koalition hinter sich. Was ist eigentlich bequemer?
Vaupel: Eine eigene Mehrheit ist gut, aber nicht entscheidend. Sie kann auch ein Problem sein, wenn nämlich die Mehrheit etwas erwartet, was man als Dezernent anders sieht. Im Übrigen hatte Möller das Problem ja mit seiner CDU, die rot-grüne Koalition hat ihn in Fragen der Stadtentwicklung gestützt.

"Halte große Koalitionen nicht unbedingt für gut"

OP: Die rot-grüne Koalition stand 2008/2009 vor dem Aus. Haben Sie selbst daran gedacht, sich andere Mehrheiten zu suchen?
Vaupel: Ich halte große Koalitionen nicht unbedingt für gut in demokratischen Systemen.

OP: Was heißt schon Große Koalition? Der Abstand von CDU zu den Grünen ist in Marburg ja nicht groß.
Vaupel: Der Abstand war gewaltig, jedenfalls inhaltlich! Die CDU hat sich zwar verändert, aber der inhaltliche Unterschied ist immer noch groß. Die Marburger CDU ist im Ganzen gesehen eine der konservativsten in ganz Hessen. Da gibt es ganz markante Punkte: Einstellung zur Altenhilfe, zum Marktfrühschoppen oder zum Innenstadtverkehr. Die politische Nähe von der SPD zu den Grünen ist allein schon deswegen viel größer.

OP: Haben Sie also damals nach anderen Mehrheiten gesucht oder nicht?
Vaupel: Nein, ich habe nie nach anderen Mehrheiten gesucht - Zusammenarbeit und Gespräche mit anderen Fraktionen sind aber selbstverständlich.

OP: Es gab aber Bestrebungen in der SPD, Bürgermeister Dr. Franz Kahle abzuwählen eine Koalition mit der CDU zu machen.
Vaupel:  Es gab Unzufriedenheit und Aktivitäten von Einzelnen in diese Richtung, und das hatte auch Gründe. Ich habe aber nie außerhalb der Koalition Verhandlungen geführt, das ist nie eine Alternative für mich gewesen. Es gab auch nie eine Abstimmung in der Partei oder in der Fraktion darüber. Einzelne haben mit der CDU hinter verschlossenen Türen gesprochen, aber so werden eben keine Verträge geschlossen.

OP: Marktfrühschoppen, UKGM-Demos, Anti-Rechts-Proteste: Sie haben aus Ihrer eigenen sozialdemokratischen Gesinnung nie einen Hehl gemacht. War das nicht zu viel Parteipolitik, wo Sie doch OB aller Marburger sind?
Vaupel: Ich bereue in keinster Weise, zu meinem sozialdemokratischen Wurzelwerk zu stehen. Überzeugungen braucht es, um die Arbeit zu machen, Beliebigkeit nützt nichts. Gerade, wenn es um die Grundversorgung der Menschen geht, bin ich doch OB aller Marburger. Denn die Grundversorgung ist Staatsaufgabe, Privatisierung und Liberalisierung wie beim UKGM dürfen nicht der Weg sein.

OP: Sie leben das Amt mit Leidenschaft. Haben Sie‘s manchmal übertrieben?
Vaupel: Politik wird immer mehr zum Beruf gemacht, das ist technokratisch, deshalb geht das Herzblut verloren. Es geht in der Politik nicht darum, Verwaltung zu organisieren. Es geht darum, was jemand fühlt, denkt, was er für die Menschen machen will. Meine Arbeitseinstellung ist immer gewesen, Politik mit den Menschen zu machen. Dass es sich hier so gut leben lässt, liegt an den Strukturen, die Ehrenamtliche schaffen. Als Kern meiner Arbeit sehe ich es, ihnen die Wertschätzung entgegenzubringen, die sie verdienen. Natürlich wird man gefragt, ob man diese Weihnachtsfeier, diesen Verein wirklich auch noch besuchen muss. Aber wenn etwas zu meiner Arbeit gehört, dann doch das. Das ist vor allem die Grundlage für die Politik am Schreibtisch. Nur, wenn du dort, bei den Menschen bist, kennst du deren Sorgen, Nöte, Wünsche. So ergibt sich ein Gefühl und es ergeben sich Lösungen.

OP: War es ein Fehler, die Spende Reinfried Pohls anzunehmen?
Vaupel: Das war eine schwierige politische Situation. Aber ja, ich habe die Macht des Mammons unterschätzt, die Auswirkungen von Geld auf die Menschen. Da war ich zu naiv.

OP: Also würden Sie das Geld heute nicht mehr annehmen?
Vaupel: Doch, ich würde es wieder so machen. Ich bin Reinfried Pohl sehr dankbar. Aber ich wäre vorsichtiger. Das alles ist aber jetzt geregelt, damit ist es gut.

OP: Ist es nicht enttäuschend, dass die vier Millionen Euro jetzt nicht für einen Schrägaufzug zum Schloss, sondern für andere Zwecke genutzt werden?
Vaupel: Einen Schrägaufzug zum Schloss halte ich für notwendig. Die Idee „Schrägaufzug“ war der Grund für die Spende, denn Dr. Pohl fand die Idee auch klasse, aber sie war nie derart zweckgebunden. Die Spende ist so verbucht worden, wie er es wollte: für gemeinnützige Zwecke. Mäzenatentum ist anderswo etwas ganz Normales, ruft Dank hervor, man hat in Marburg aber etwas sehr Politisches daraus gemacht.

OP: Und selbst in der Koalition gab es heftigen Ärger, weil Sie die Spende angenommen haben. Hat Ihr Verhältnis etwa zu Grünen-Fraktionschef Dietmar Göttling dadurch nachhaltig gelitten?
Vaupel: Vergeben kann und sollte man, vergessen tut man trotzdem nicht.

OP: Als Dienstherr haben Sie politisch den Unterschlagungs-Skandal in der Stadtverwaltung 2010 zu verantworten gehabt. Haben Sie damals an Rücktritt gedacht?
Vaupel: Das war für mich nie ein Thema. Wenn ich Fehler in der Kasse, in der Buchhaltung gemacht hätte, dann hätte ich diese Überlegungen sicher angestellt. Einen direkten Vorwurf kann ich mir nicht machen, etwas mehr Misstrauen wäre aber angezeigt gewesen, gerade in diesem sensiblen Bereich. Wenn ein Mitarbeiter mit einer solchen kriminellen Energie die Stadt und ihre Bürger bestiehlt und die Kollegen betrügt, wird es für jeden schwer, das so zu überwachen, dass überhaupt nichts passieren kann.

OP:   Hegten Sie in anderen Zeiten mal Rücktrittsgedanken?
Vaupel: Klar gab es in 18 Jahren auch mal Momente, wo ich mich fragte, wieso ich mir diese Quälerei antue.

OP: Was war denn Quälerei?
Vaupel: Die Beschimpfungen, Beschmutzungen im Zusammenhang mit der Bordell-Diskussion. Das ist hart, das ging ins Persönliche. Ich musste nach Recht und Gesetz handeln, nicht nach persönlicher Meinung. Den Vorwurf zu machen, dass man den Missbrauch Minderjähriger befördern würde, das geht an die Grenze dessen, was man als Mensch ertragen kann. Politischer Streit um den besten Weg ist nichts Schlimmes. Die persönlichen Unterstellungen sind das Schlimme, denn wenige Gutmenschen machen sich nie Gedanken, dass sie damit auch verletzen. Das hat mich schwer getroffen und lange belastet.

OP: Welche Auswirkungen werden die Hundertschaften Flüchtlinge, die bleiben werden, in Marburg haben?
Vaupel: Sie werden die Stadt verändern, es wird eine Befruchtung für die Zukunft sein. Diese Menschen bringen alle etwas mit, können alle was in die Gesellschaft einbringen. Auch deshalb müssen wir sie aufnehmen. Im selben Zuge gilt es klarzumachen, dass wir Grundwerte haben. Freiheit, Gleichstellung, Trennung von Staat und Kirche, Sprache - mit diesen Grundwerten muss jeder seine Kultur und Identität leben können. Demokratie zu lernen ist jedenfalls für uns alle stete Aufgabe. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass nicht mehr nur Kirchtürme stehen, sondern Moscheen in unserem Land sind. Diese können aber auch europäisch sein, wie bei uns in Marburg. Unsere Stadt, unser Land wird sich verändern. Und wenn sich dadurch etwas verändert, sollten wir es offen annehmen und positiv gestalten.

OP: Was war Ihr schönstes Erlebnis im Amt?
Vaupel: Die strahlenden Augen von Kindern. Ich bin mal mit einer Gruppe in der Rathausuhr gewesen und wir haben den Blasebalg früher betätigt, als es von der Uhrzeit vorgesehen war. Dann hat es trompetet und unten haben alle Leute irritiert auf die Uhr geschaut. Was haben die Kinder, was haben wir gelacht! Es gibt keine größeren Momente. Demgegenüber ist es das Traurigste, dass diese kindliche Freude, die Neugier im weiteren Leben oft verloren geht. Warum wohl? Auf jeden Fall sehen wir Menschen zu oft als Humankapital.

"Für Wehmut war noch kein Platz"

OP: In wenigen Stunden ist Schluss. Empfinden Sie Wehmut?
Vaupel: Für Wehmut war noch kein Platz, ich bin dafür in diesen Tagen auch noch zu sehr beschäftigt gewesen. Mein Büro ist jedenfalls so geräumt, dass ich heute in einer Stunde ausziehen kann. Mein Hauptgefühl ist Dankbarkeit und die Freude auf Individualität, darauf, dass meine Zeit nicht mehr so fremdbestimmt ist.

OP: Was machen Sie ab morgen als Polit-Pensionär?
Vaupel: Es gibt so vieles - vor Januar, Februar treffe ich keine Entscheidung -, was ich machen kann. Im Dezember fliege ich noch als Repräsentant der Stadt nach Sfax und nach Sibiu zum Uni-Jubiläum. Klar ist bisher nur, dass ich den Steinmühlen-Förderverein von Gerhard Pätzold übernehme. 

von Björn Wisker und Till Conrad

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