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Das Ringen nach der frischen Luft

Umwelt Das Ringen nach der frischen Luft

Kampf den Klima-Killern: Um die Frischluft-Zufuhr und die Luftqualität zu sichern, ist am Marbacher Bienenweg der Häuserbau verboten. Auch andere Straßen garantieren, dass Marburg atmen kann.

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Der Bienenweg gilt als eine der wichtigsten Frischluftschneisen Marburgs. Vor allem nachts atmet die Stadt durch und wird mit neuer Kaltluft versorgt. Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Nachts atmet Marburg durch: Frische Luft drückt den täglichen Abgasmief und die über den Dächern lastende Wärmeglocke aus der Stadt. Der Bienenweg in der Marbach, die Zahlbach am Ortenberg, der Rollwiesenweg sowie die Lahn sind Marburgs natürliche Klimaanlagen. Entlang dieser Korridore strömt kühle Frischluft ins Zentrum. Dank dieser Wege findet ein Austausch der Schadstoffe durch klare Luft statt.

„Für das Mikroklima in Marburg ist es wichtig, dass die schwülwarme Luft durch die verschiedenen Korridore umgewälzt wird“, sagt Martin Kraft von der Marburger Ortsgruppe des Umweltverbands BUND. „Die Kessellage sorgt dafür, dass es wenig und nicht sehr stark windet. Das erschwert den Luftaustausch und wirkt sich auf die Luftqualität aus“, ergänzt Benjamin Bongardt vom Naturschutzbund (Nabu), der kürzlich in einem Projekt den Stadtklimawandel untersuchte. Die umliegenden Hänge, so der Experte, können die Durchmischung gewährleisten. Solange diese nicht zugebaut sind. „Sonst wirken sie wie eine Mauer und das Tal heizt sich immer weiter auf“, sagt Bongardt.

Der Klimatologe Jürgen Müller erklärt, wie der Luftaustausch funktioniert: „Nachts füllt sich der tiefergelegene Innenstadtkessel mit Kaltluft“, sagt er. Die Luft in Marburg ströme durch die begrünten Schneisen, die umliegenden, höher gelegenen Waldgebiete und entlang der Lahn in die Innenstadt. Doch die schwere und deshalb bodennah fließende Kaltluft sei sehr empfindlich gegen Störungen. Vor allem hohe und quer stehende Gebäude bremsen den Kaltluftstrom nicht nur ab. „Sie heizen ihn auch auf, weil der Stein- und Asphaltdschungel Stadt bis zu sechs Grad Celsius wärmer als das Umland ist“, sagt er. Dabei erwärme sich die Kaltluft und steige auf. Dann fehlt der frische Wind, der den abgestandenen und schadstoffträchtigen Mief aus dem Zentrum hinausdrückt. „Unseren Berechnungen zufolge, ist es etwa in der Universitätsstraße im Sommer um vier Grad wärmer als in Rand- und Höhenlagen“, sagt Ralf Laumer, Sprecher der Stadt.

Dementsprechende Unterschiede zwischen den Straßenzügen existieren auch bei der Qualität der Luft, ihrem Schadstoffgehalt. Im Marburger Kessel helfe der Kaltluftstrom, der etwa durch den Bienenweg kommt, dem Klima der Nordstadt. Durch den Hindernisparcours der Häuser trägt es den Strom nicht weiter.

„Planerisch müssen die Kommunen darauf achten, dass diese Ventilation dauerhaft erhalten bleibt“, fordert Rüdiger Rosenthal, Sprecher des BUND. Durch geologische Straßenschluchten, wie sie in Marburg vorhanden seien, steige auch die Lebensqualität in der Stadt. „Diese Gegenden zuzubauen wäre also völlig kontraproduktiv für die Entwicklung, nicht nur aus ökologischer Sicht.“ Dasselbe gelte für Gebiete, die an die Lahn angrenzen. „Baut man zu viel, riskiert man Einschnitte in die Stadtbiologie“, sagt er.

Das will die Stadtverwaltung vermeiden. Eine Veränderungssperre, die kürzlich am Marbacher Bienenweg verfügt worden ist, bewirkt einen Baustopp im betreffenden Gebiet. Bauliche Veränderungen dürfen dann entlang der Straße nicht mehr vorgenommen werden. „Nötig ist der Schritt geworden, weil es einige Bau-Voranträge für diese Gegend gab. Hätten wir nicht dementsprechend gehandelt, hätte man früher oder später diesen Anträgen stattgeben müssen“, sagt Laumer. Kurz: Wenn der Bienenweg mit Häusern zugebaut worden wäre, hätte das der kompletten Nordstadt die Luft abgeschnürt.

Auswirkungen haben klimatische Veränderungen nicht nur auf Menschen. Vor allem die heimische Tierwelt reagiert sensibel auf Temperatur-Umschwünge. „Tiere siedeln sich am liebsten dort an, wo es warm ist“, erklärt Martin Kraft. Gute Luft suchen jedoch auch sie, weshalb vor allem der Alte Botanische Garten und der Schülerpark als Zuhause dienen.

von Björn Wisker

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