Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
„Das Positive überwiegt sogar bei Weitem“

Interview: Dr. Karsten McGovern „Das Positive überwiegt sogar bei Weitem“

Noch ein Jahr hätte seine Amtszeit gedauert, doch Dr. Karsten McGovern muss jetzt Abschied nehmen. Die große Koalition wählt den Ersten Kreisbeigeordneten heute mit Unterstützung der FDP ab. Letzte Fragen an ihn.

Voriger Artikel
Süchtige ziehen sich aus Drogensumpf
Nächster Artikel
Unesco zeichnet Bildungsfest als Top-Projekt aus

Die Grünen kürten Dr. Karsten McGovern im Oktober 2012 zum Landratskandidaten – und überreichten einen Korb mit typisch oberhessischen Produkten.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Das Ende Ihrer Amtszeit haben Sie sich sicher anders vorgestellt - in dieser Position muss man auf der anderen Seite auch damit rechnen, dass man abgewählt werden kann in Zeiten wechselnder Mehrheitsverhältnisse. Wie haben Sie die vergangenen Wochen im Kreishaus erlebt, wie ist es Ihnen gelungen, mit der Situation klarzukommen?

Dr. Karsten McGovern: Die letzten Wochen im Kreishaus waren für viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schwierig, da sich neue Loyalitätsforderungen ergeben haben. Viele haben sich schon darauf eingestellt, dass jetzt andere Personen das Sagen haben. Insofern war ich auch schon deutlich weniger gefragt. Zugleich habe ich aber auch viel moralische Unterstützung erfahren. Das hat mir die Situation deutlich erleichtert. Leider konnte ich bestimmte Entwicklungen nicht mehr mit dem Nachdruck verfolgen, wie es eigentlich notwendig gewesen wäre. Dies betrifft zum Beispiel den Ausbau der Grundschulen zu Ganztagsschulen, der vom Land jetzt vorangetrieben wird und an dem sich der Landkreis unbedingt beteiligen sollte.

OP: Was haben Sie aus den Ereignissen seit der Landratswahl gelernt und was haben Sie über Ihre früheren Bündnispartner erfahren, dass für Sie überraschend war?

McGovern: Gelernt habe ich, dass die Frage der inhaltlichen Ausrichtung der Kreispolitik für viele kaum Bedeutung hat. Überrascht hat mich die Geschwindigkeit der Kehrtwende der CDU nach dem Weggang von Robert Fischbach vor allem in der Finanzpolitik. Noch zur Haushaltsaufstellung im letzten Jahr hat man Finanzierungsvorschläge der SPD zur Deckung von erheblichen Mehrausgaben als unseriös angesehen und jetzt im Koalitionsvertrag wird alles einfach akzeptiert und außer der Forderung nach der Besetzung der Stelle des Ersten Beigeordneten ist von der CDU in dem Vertrag nichts Wesentliches wiederzufinden.

OP: Schaffen Sie es, trotz des vorzeitigen Endes Ihrer Amtszeit, das Positive aus den Jahren als Erster Kreisbeigeordneter zu sehen?

McGovern: Auf jeden Fall kann ich das Positive sehen. Das überwiegt sogar bei Weitem. Ich konnte fast 13 Jahre lang diese anspruchsvolle Aufgabe ausfüllen. Dabei habe ich die Gestaltungsmöglichkeiten sehr geschätzt und gerne mit vielen Menschen in und außerhalb der Kreisverwaltung zusammengearbeitet. Gemeinsam haben wir viel erreicht und das ist für mich viel wichtiger als der Ärger über die unnötige Abwahl.

OP: Geben Sie bitte drei Beispiele für das, was Sie als persönliche Meilensteine Ihrer Arbeit für den Landkreis sehen?

McGovern: Eigentlich müsste ich viel mehr Beispiele nennen. Also ich greife mal drei heraus, die strukturell sehr wichtig für den Landkreis sind: der Ausbau der präventiven frühen Hilfen für Kinder und Eltern, die Entscheidung für das Kreisjobcenter und das von mir maßgeblich auf den Weg gebrachte umfassende Sanierungsprogramm an den Schulen, was neben dem Klimaschutz vor allem auch dem wichtigsten Schlüssel für die gwesellschaftliche, wirtschaftliche und demokratische Entwicklung unser Region dient: der Bildung.

OP: Was genau war Ihr größter Erfolg, was Ihre größte Enttäuschung während Ihrer Amtszeit?

McGovern: Der größte Erfolg ist, dass wir als Landkreis auf der einen Seite jugend-, sozial- und arbeitsmarktpolitisch sehr gut dastehen, was man beispielsweise an den deutlich verbesserten Arbeitslosenquoten der letzten Jahre ablesen kann. Und uns auf der anderen Seite als Landkreis dabei auch noch finanziell so erholt haben, dass wir einer der wenigen Landkreise in Hessen sind, die einen ausgeglichenen Haushalt haben und Altschulden abbauen können. Enttäuscht bin ich darüber, dass es mir nicht gelungen ist, dies mehr bekannt zu machen.

OP: Was sollte Ihrem Nachfolger erspart bleiben? Was wünschen Sie ihm als Erfahrung aus der Arbeit für den Landkreis?

McGovern: Ersparen kann ich meinem von der CDU designierten Nachfolger gar nichts. Die Erfahrungen muss er selbst machen. Ich wünsche ihm und uns allen, dass der Erfolgskurs weiterhin eingeschlagen bleibt und die finanzpolitischen Spielräume nicht für Machtspiele aufgebraucht werden.

OP: Was wird Ihnen am meisten fehlen aus Ihrer Zeit als Erster Beigeordneter, was lassen Sie gern hinter sich?

McGovern: Am meisten wird mir wohl die Vielfalt der Aufgaben fehlen, die viele fachliche und gestalterische Herausforderungen gebracht und die zu vielen sehr netten und interessanten Begegnungen mit Menschen geführt hat. Gerne hinter mir lasse ich die zum Glück relativ seltenen Fälle von persönlichen Angriffen.

OP: Wie geht es weiter für Sie?

McGovern: In beruflicher Hinsicht bin ich noch nicht festgelegt.

Hintergrund:

Von Juni 2003 an war Dr. Karsten McGovern Erster Kreisbeigeordneter des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Seine zweite Amtszeit begann 2009 – vom Kreistag gewählt war der Grüne für sechs Jahre (bis 2015). Mit dem damaligen Landrat Robert Fischbach (CDU) arbeitet er elf Jahre lang in einer schwarz-grünen Koalition unter Beteiligung der Freien Wähler und zeitweise auch der FDP – das Bündnis war bundesweit die erste Jamaika-plus Koalition. Als Dezernent war McGovern für Integration, Altenhilfe, Familie, Jugend und Soziales, das Kreisjobcenter, Schule und Gebäudemanagement, Gesundheit sowie für den ÖPNV zuständig. Im vergangenen Jahr trat McGovern als Landratskandidat für die Grünen an und schied im ersten Wahlgang aus, während die Kontrahenten von SPD und CDU, Kirsten Fründt und Marian Zachow, in die Stichwahl kamen. Nach dem Wahlsieg Fründts und dem Abtritt von CDU-Landrat Robert Fischbach bildeten SPD und CDU an der Kreisspitze ein neues Bündnis und vereinbarten die Abwahl McGoverns, um an der Kreisspitze für einen neuen CDU-Mann Platz zu machen: den gescheiterten Landratskandidaten Zachow.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr