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Das Interesse an Waffen steigt

Kriminialität Das Interesse an Waffen steigt

In Zeiten steigender Kriminalitätsraten verzeichnet der Waffenfachhandel eine erhöhte Nachfrage nach Schreckschusswaffen. Die Polizei beobachtet dies mit Sorge.

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Ein Kleiner Waffenschein zwischen einer Schreckschuss-Pistole „Walther P22“, einem Magazin und einer Knallpatrone.

Quelle: Oliver Killig

Marburg. Berlin, Ansbach, Würzburg. Eine Aufzählung deutscher Städte. Aber auch eine Aufzählung aus dem Jahr 2016, die zum Sinnbild für eine neue Angst geworden ist: Die Angst vor dem Terror. „Nach den vergangenen Anschlägen waren die Regale mit Schreckschusswaffen und Abwehrsprays in den meisten unserer Waffen-Fachgeschäfte innerhalb weni­ger Tage leer.“ Diese Aussage stammt von Ingo Meinhard. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler (VDB), der seinen Sitz in Marburg hat.

Meinhard gibt an, dass das Interesse an Gas-, Signal-, Schreckschusswaffen und anderen Abwehrmitteln eindeutig zugenommen habe. Besonders nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht, bei der es auch zu Übergriffen auf Passanten kam. Eine gesteigerte Nachfrage nach Waffen, die nur mit einem Waffenschein zu beziehen sind, habe es hingegen nicht gegeben, erklärt Meinhard. Aber auch schon durch den Besitz einer Schreckschusspistole ergeben sich Risiken, weiß Meinhard. Schreckschusspisto­len lassen sich nämlich kaum von echten Pistolen unterscheiden.

Äußeres und Gewicht sind nahezu identisch. Auch der Vorgang des Nachladens ist der­selbe. Der einzige Unterschied besteht in der offiziellen Nummerierung durch das Bundeskriminalamt (BKA). Standard ist, dass jede Waffe eine Prägung erhält. Doch diese fällt, wenn überhaupt, erst bei genauerer Betrachtung auf.

Meinhard erklärt, dass Schreckschusswaffen erst mit der Volljährigkeit erhältlich sind. Ein Verkauf an Minderjährige sollte demnach ausgeschlossen sein. „Jede volljährige Person darf eine Schreckschusswaffe in den eigenen vier Wänden mit sich führen. Jedoch ist das Mitführen einer Schreckschusswaffe in der Öffentlichkeit nur mit einem Kleinen Waffenschein erlaubt“, sagt Meinhard.

Pfefferspray gibt es in jeder Drogerie - oder im Internet

Mit Sorge betrachtet Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU), dass die Zahl der „Kleinen Waffenscheine“ 2016 um fast ein Drittel im Vergleich zum Vorjahr angestiegen ist. Diese Zahlen hat das hessische Innenministerium in Wiesbaden bekannt gegeben. Demnach wurden 36682 Kleine Waffen­scheine beim Nationalen Waffenregister (NWR) für Hessen gespeichert. 2015 hatte die Zahl noch bei 23552 gelegen.

Der Kleine Waffenschein berechtigt den Inhaber zum Führen von „erlaubnisfreien Waffen“ (Signal-, Reiz- und Schreckschusswaffen) außerhalb der eigenen Wohnung. Die Voraussetzungen zum Erwerb des Scheins sind durch das Waffengesetz klar geregelt. Die Antragssteller dürfen keine Vorstrafen haben, müssen volljährig sein und einen Erweis erbringen, dass weder eine Drogen-, noch Alkoholabhängigkeit besteht.

Anders sieht es beim Thema Pfefferspray aus: Dosen mit der Aufschrift „Tierabwehrspray“ sind in nahezu jeder Drogerie und im Internet ohne offizielle Altersbeschränkung erhältlich. Laut Beschreibung soll es vor gefährlichen und aggressiven Tieren schützen. Die Aufmachung und die geringe Menge des Pfefferspraystoffes legalisieren den Erwerb. Ein Problem sieht Waffen-Fachmann Ingo Meinhard auch beim Thema Pfefferspray in dem darin enthaltenen Oleoresin-Capsi­cum (OC), welches schon in geringen Mengen zu schweren Augen- beziehungsweise Haut­reizungen und zu Atemnot führen kann.

Einer strengeren Auflage unterliegt das sogenannte CS-Spray. Dieses kann bereits bei geringen Mengen zu starken Augenreizungen und Hustenanfällen führen. Aufgrund der stärkeren Reaktion auf den menschlichen Körper ist der Verkauf nur mit einem offiziellen Siegel des BKA erlaubt. Hinzu kommt, dass ein CS-Spray erst ab 14 Jahren in Deutschland erhältlich ist. Leider fehle es beim Verkauf der niedrigschwelligen Verteidigungsmittel oftmals an einer professionellen Beratung, sagt Meinhard. Untersagt ist der Kauf von reinem Pfefferspray. Denn in reiner Konzentration dient es nicht mehr als Verteidigungsmittel. Die Verwendung ist allein den staatlichen Institutionen, wie zum Beispiel der Polizei, vorbehalten.

Doch was sagt die Polizei zu dem wachsenden Interesse an Schreckschusswaffen und Pfeffersprays? Martin Ahlich, Polizeipressesprecher in Marburg, zeigt sich kritisch. Man wisse eben nie, „welche Person sich hinter einer Schreckschuss­waffe befindet und wie diese mit solch einer Waffe umgeht“.

Wird die Kriminalitätsrate wirklich in Zukunft sinken?

Holger Münch, Präsident des BKA, erklärte in einem kürzlich geführten Interview mit dem ARD-Politikmagazin „Report Mainz“, dass er davon ausgehe, dass es zukünftig zu einer Stagnation oder sogar einem Rückgang der Wohnungseinbrüche und Diebstähle kommen werde. Dies folgert der BKA-Chef aus ersten Statistiken für das laufende Jahr, welche jedoch noch nicht veröffentlicht wurden. Münch sagte in diesem Zusammenhang: „Dies zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und dass wir weitermachen müssen.“ Ist nun aber tatsächlich mit einem Rückgang der Kriminalitätsrate zu rechnen? Betrachtet man die nackten Zahlen, so sprechen diese eine andere Sprache. Das BKA hat für den Zeitraum von 2008 (108284 registrierte Fälle) bis 2015 (167136 registrierte Fälle) eine Statistik veröffentlicht. Die gemeldeten Fälle entsprechen einem Plus von rund 50 Prozent in sieben Jahren.

Auch die Polizeistelle Mittelhessen hat eine Statistik auf ihrer Internetseite veröffentlicht. Hier fällt ebenfalls auf, dass die Zahl der Straftaten zugenommen hat. Im Jahr 2015 waren es 4458 angezeigte Fälle mehr als im Vorjahr und damit insgesamt 57853 registrierte Fälle. Mit einberechnet sind in dieser Statistik unter anderem einfache und schwere Diebstähle, aber auch Sachbeschädigung und Raubüberfälle.

Schreckschusswaffen und Co. sollen zunächst der Selbst­verteidigung dienen, erklärt Ingo Meinhard. Dadurch könne man sich im Notfall „Respekt verschaffen“. Der zweite Aspekt, den Meinhard anführt, betrifft einen psychologischen Faktor: „Die Menschen verspüren Sicherheit, mit dem alleinigen Besitz einer Schreckschusswaffe.“ So könne man sich im Falle eines Einbruchs zumindest verteidigen.

„Schreckschusswaffen sollen erst die zweite Instanz des Selbstschutzes sein“, betont er aber. Zunächst sollten Bürger, die sich bedroht fühlen, die Polizei informieren. Diese weise dann auf verschiedene Sicherheitsmaßnahmen hin, wie zum Beispiel auf eine Installation von Alarmanlagen.

von Tom Gärtner

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