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Das Goldgeschenk des Kaufmanns

"Marburg-Grimmi" Das Goldgeschenk des Kaufmanns

OP-Leserin Ina Velte aus Günterod hat einen "Marburg-Grimmi" geschrieben.

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Symbol des Grimm-Jahrs in Marburg: der Froschkönig. Foto: Tobias Hirsch

Marburg. Es war einst ein reicher Kaufmann, der so viel Gold in seiner Schatzkammer aufbewahrte, dass er einen Teil seiner Taler einem geschätzten Ratsherrn schenkte. Zum Zwecke der baldigen Übergabe der edlen Spende beauftragte er einen Kutscher samt Gefolge, der das wertvolle Edelmetall nebst einer Botschaft an den treuen Freund überbringen sollte. Die Bitte des Kaufmanns war auf einer Schriftrolle verewigt und lautete, das Goldgeschenk solle allen Einwohnern seiner Stadt gleichermaßen zu Gute kommen. Sollte diesem Wunsch nicht entsprochen werden, würde eine böse Fee das Königreich verwünschen und alle Menschen müssten bis an ihr Lebensende in großer Armut darben.

Schon am darauffolgenden Tage kam der Kutscher mitsamt seiner Kutsche und vier berittenen Leibwächtern zum Kaufmann, um die große schwere Truhe sowie die Schriftrolle in Empfang zu nehmen. Ein weiter Weg lag vor ihnen, denn das Königreich war groß an Ausmaß und voll von böswilligen Gestalten, die am Wegesrand lauerten.

So begegnete den fünf Beauftragten des Kaufmanns zunächst ein altes Weib namens Frau Holle, das von der wertvollen Fracht gehört hatte und nun vorschlug, einen Teil des Goldes für den eigenen Nießbrauch verwerten zu dürfen. Schließlich habe sie stets freundliche Dienstmädchen zu entlohnen, die dafür sorgten, dass im Königreich immer genug Schnee läge. Sie könne viele weitere junge Menschen zur Arbeit erziehen, es fehle jedoch eine entsprechende Beisteuer. Doch der Kutscher schlug das in seinen Augen unnütze Ansinnen aus, verwies auf den Wunsch seines Auftraggebers und verfolgte zielstrebig seinen Weg in Richtung der alten Stadtmauern.

Ein paar Hügel und Waldareale später sah er vier lustige Gestalten, die erbärmliche Laute von sich gaben. Um zu schauen, ob die Vier vielleicht Hilfe benötigten, hielt er an und fragte, warum diese denn vor den Toren der gutsituierten Metropole so dermaßen jammern würden. „Ach“, sagte ein alter, grauer Esel, der Anführer der Gruppe war. „Man hat hier kein Gnaden­brot für ein paar alte Künstler mehr übrig. Immer mehr Zugereiste bieten auf dem Marktplatz ihre Kunst feil, und uns einheimischen Kulturschaffenden bleibt nichts, als das Land zu verlassen. Gebt uns doch ein paar Taler für eine Bleibe, sonst müssen wir uns im reichen Norden nach einem anderen Verdienst umsehen.“ Der Kutscher bekundete zwar sein herzliches Bedauern, verbat sich aber den Gesang auf offener Straße und setzte sogleich seine Fahrt fort.

Überraschend kreuzte ein Mädchen den Weg, das dem Kutscher abermals zum Anhalten veranlasste. Die rot behütete Maid war bereits viele Stunden im Stadtwald unterwegs und wollte Blumen für die kranke Großmutter pflücken. Leider fand das Kind nichts Brauchbares, da das Pflücken von Grünzeug zum Schutze von Wald und Flur fast überall verboten war. Das Mädchen bat den Kutscher freundlich um ein paar Taler für die arme Großmutter und die übrigen Alten, die entlang der Stadtmauern dringend Fürsorge und diesbezügliche Apparatschaften benötigten. Aber das Herz des Kutschers ließ sich auch diesmal nicht erweichen, und so ging das Kind unverrichteter Dinge weiter.

Inzwischen war der Kutscher in Verzug geraten und wagte es nicht, seinen berittenen Begleitern die gesetzlich festgelegte Pause einzuräumen. Die waren ihrerseits schon völlig erschöpft, ebenso wie die Pferde, als ein übereiltes, dürres Männchen mit Schere und Nadel im Gürtel eine Lichtung betrat. „Guten Tag, Herr Kutscher“, sagte das Männlein. „Seht, welch große Zerstörung vor Euch liegt. Hier weiterzufahren, wäre ein erhebliches Risiko. Riesen haben die Wege beschädigt. Gebt mir doch ein paar Taler, um die Löcher zu flicken und eine Umgehungsstraße zu bauen“, bettelte er. Aber auch diesmal blieb der amtliche Geldbote hart - er fuhr die holperige Piste weiter gen Stadt, die er im Laufe des Abends unbedingt noch erreichen wollte. Inzwischen dämmerte es bereits, als ein großer Wolf auf den Kutschbock sprang und die Zähne fletschte. „Gib mir Taler für die Geißlein“, knurrte er. „Die Mutter hat sie ausgesetzt - niemand kümmert sich um sie.“ Er berichtete voller Zorn, dass er täglich herrenlose Vierbeiner finde, und bat um ein paar Goldstücke zum Schutz seiner Artgenossen.

Das Geld ist für den Ratsherren bestimmt

„Das kann ich nicht machen“, wimmerte der Kutscher. „Das Geld ist für den Ratsherren bestimmt - er allein soll entscheiden, wie es geteilt wird.“ Völlig verunsichert hatten auch die Leibwächter des Königs nun Mitleid mit den Bettelnden am Wegesrand und schlugen dem Kutscher vor, einen geringen Teil des Goldes unter die Bedürftigen zu mischen, es würde ja vermutlich niemand merken. Einer der Wächter wollte gar gänzlich mit dem Geld verschwinden und sich ins benachbarte Königreich absetzen. Aber der Kutscher war unbestechlich und eilte zielstrebig auf das Stadtschloss zu.

Einige Stunden und etliche Bittsteller später war es Nacht geworden. Der Ratsherr erwartete die fünfköpfige Gruppe bereits in seinen Gemächern auf dem Marktplatz. Die große Turmuhr schlug genau zwölf Mal. Vor den Türen hatten sich unzählige Gaukler, Bettler und Vertreter der Zünfte versammelt, um Bedarf an dem uner­warteten Geldsegen anzumelden. Die Überbringer des Goldes hatten große Mühe, sich mit der schweren Truhe durch die Menschenmenge hindurchzukämpfen. Der Ratsherr hatte zuvor mit seinen amtlichen Untergebenen schon viele Stunden über den Wunsch des reichen Kaufmanns beraten und auch beim König Erlaubnis für das nun geplante Vorhaben eingeholt. Er fällte ein weises Urteil, verkündete es und begrub sogleich die Truhe mit dem Gold unter einer alten knorrigen Stifts-Eiche, von der man sich erzählte, sie sei verzaubert. Und tatsächlich: Nur ein Jahr später erblühte das betagte Gehölz in voller Pracht. Die Baumrinde war aus purem Gold und an den Zweigen wuchsen unzählbare Silberstücke und Goldtaler. Es schimmerte und glitzerte ringsum. Von diesem Tag an durfte jeder, der mit einem mildtätigen Anliegen zum Ratsherrn kam, von dem Baum ernten. Die ganze Stadt erblühte sodann in vollster Schönheit und gelangte zu großem Reichtum, der über die Grenzen des Königreiches hinaus bekannt wurde. Aus nah und fern kamen Neugierige mit Kutschen und Wagen über die neue Umgehungsstraße, um den Wunderbaum zu bestaunen.

Gelehrte und Künstler ließen sich nieder

Gelehrte, Künstler und Wissenschaftler ließen sich fortan in der Stadt nieder, gutherzige Frauen errichteten in den kommenden Jahren Kranken- und Altenstationen. Die vernachlässigten Tiere bekamen ein neues Zuhause und das alte Weib namens Holle gab jedem, der darum bat, eine gut bezahlte Beschäftigung. Der Ratsherr aber wurde für seine weise Entscheidung verehrt - und wenn er nicht gestorben ist, dann regiert er dort noch heute..

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