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Das Gesicht Cappels feiert Geburtstag

Edeka-Kassiererin Das Gesicht Cappels feiert Geburtstag

"Die Arbeit war, ist und bleibt mein Lebensmittelpunkt", sagt Erna Rein. Ihr Gesicht und ihren Supermarkt in der Marburger Straße kennt jeder in Cappel. Am Donnerstag feiert sie ihren 85. Geburtstag.

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Erna Rein wird heute, am 24. April, 85 Jahre alt. Foto: Björn Wisker

Cappel. Ihr Baby hütet Erna Rein wie einen Schatz, lässt ihn nicht aus den Augen. Seit fast 70 Jahren. Die Ruhelose hat sich hinter der Kasse eingebaut: Tabakwaren rechts, Haushaltsartikel links, vor ihr die Digitalanzeige der Kasse. „Na Wolfgang, wie geht‘s dir heute?“, fragt sie den Kunden. Sie lächelt, er lächelt. Ein Sinnbild für die nachbarschaftliche Nähe im Supermarkt, in dem Erna Rein täglich zwölf Stunden für Stimmung sorgt.

„Ich brauche keinen Urlaub. Der Laden ist genau meine Wekt“, sagt sie. Wenn sie irgendwann mal länger unterwegs sei, wolle sie immer wieder schnell nach Hause - und diese Zuhause ist der Edeka-Markt. Armbruch, Beinbruch, Schlaganfall: Nach diesen Einschnitten war sie jeweils außer Gefecht - so kurz es irgendwie ging. „Ich habe den Ärzten dann gesagt, dass ich sofort wieder nach Hause will“, sagt sie und deutet auf die Regale. „Mein Körper hatte auch sonst nie Zeit, krank zu werden.“ Tochter Anja Gethings führt den Laden. Ihre Einschätzung: „Sie zieht ihre Energie aus dem, was sie hier aufgebaut hat.“

Anfang der 1950er begann die Erfolgsgeschichte in Cappel mit ihrem Ehemann Ernst Rein, der kürzlich 90 Jahre alt wurde. 1951 heiratete das Paar und eröffnete drei Jahre später den Lebensmittelladen in der Marburger Straße. Um diesen kümmerte sich seine Frau, während Ernst Rein rund 40 Jahre lang mit einem mobilen Verkaufswagen den Stadtteil mit Lebensmitteln versorgte.

Die Kinder im Stadtteil lieben Erna Rein - vor allem, weil sie ihnen manchmal Süßigkeiten schenkt. „Was ergibt sieben mal drei?“, fragt sie dann, wartet auf die Antwort und belohnt die Jungen und Mädchen mit einem Bonbon. Oma Erna kann aber auch anders: Wenn jemand eine Palette umwirft, Gefrorenes in Regale legt, schimpft die Kauffrau lautstark.

Wehmütig erinnert sie sich an die Jahre, als sie noch mit Stammkunden ein Schwätzchen halten konnte. Weil diese ständig im Stress sind und auch die Arbeit für Erna Rein hinter der Kasse nicht weniger geworden ist, bleibt dafür keine Zeit mehr. „Der Druck ist heute ein ganz anderer als in den vergangenen Jahrzehnten.“

Es habe sich viel gewandelt, sowohl bei den Kunden als auch den Waren. „Damals waren die Leute bescheidener.“ Auch die neue Technik der Scanner-Kasse hat sie sich kürzlich beigebracht. Dabei hatte sie über Jahre alle Preise im Kopf gespeichert.

Ein Hobby hat Arbeitstier Erna Rein aber dann doch: Zeitung lesen. Jeden Morgen um 5.30 Uhr schlägt sie die OP auf und liest, was in Marburg und Umgebung passiert ist. „Das ist mein liebstes Freizeitvergnügen“, sagt sie.

von Björn Wisker

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