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Das Geschäft mit der Gutgläubigkeit

Betrugsmasche Das Geschäft mit der Gutgläubigkeit

Es ist der Versuch, mit Gutgläubigkeit und Unwissen Geld zu verdienen. Mit offiziell anmutenden Schreiben zu täuschen. Vor zwei besonders perfiden Methoden warnen nun die Verbraucherzentralen sowie die Industrie- und Handelskammern.

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Quelle: Grafik: Alexander Pavlenko

Marburg. Das Anschreiben sieht täuschend echt aus. „Eine wirklich sehr aufwändig gestaltete Fälschung“, wie Tobias Häuser zugeben muss. Dem Pressesprecher des Hessischen Rundfunks ist die neue Betrugsmasche bekannt: Der angebliche „Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio“ will in einem Brief glauben machen, dass sich durch Umstellung der Rundfunkgebühr das Zahlungs-System und die Konto-Daten geändert hätten. Der Empfänger habe demnach einen Betrag von 53,94 Euro für drei Monate zu entrichten. Besonders perfide: Die Betrüger verwenden die Original-Logos der Sendeanstalten, den Briefkopf und haben dem Schreiben sogar einen Überweisungträger beigefügt, samt Beleg für den Einzahler.

„Wir wissen von solchen Betrugsversuchen in Hessen, Bayern und Sachsen-Anhalt“, sagt Häuser. Die Fälschung ist allerdings nicht perfekt - ein paar Unstimmigkeiten enttarnen das Anschreiben. „Generell werden Schreiben von der GEZ niemals als Postwurfsendung verschickt“, sagt Häuser. Im Adressfeld sei immer der Name und die Adresse des Kunden genannt. Auch die Beitragsnummer sei eine Fantasiezahl, eine wilde Aneinanderreihung von Ziffern. Im offiziellen Anschreiben stehe eine neunstellige Nummer in Dreierblöcken, erklärt Häuser. Ute Bitter von der Verbraucherzentrale in Hessen rät, die zugeschickte Post genau zu studieren und im Kopf einen Art Fragekatalog durchgehen: Besteht eine Vertrag mit der anschreibenden Gesellschaft? Ist eine Kundennummer vermerkt? Sollte es weitere Unklarheiten geben gilt: Beim Absender anrufen und Nachfragen.

Im genannten Fall bittet die Polizei um Hinweise auf die Verteiler der Postwurfsendung. Denn vermutlich wurde und wird sie nicht durch einen der etablierten Lieferdienste verteilt. HR-Pressesprecher Tobias Häuser hat aber auch eine gute Nachricht zu vermelden: Das angegebene Konto der Betrüger sei gestern gesperrt worden, Einzahlungen darauf gingen nun an den Versender zurück. Die Anzeige gegen die Drahtzieher läuft.

Gewerbetreibende aufgepasst!

Ähnliche Methode. Anderer Schauplatz. Einzelhändler Sherif Bostros staunte nicht schlecht, als ihm vor wenigen Wochen ein Schreiben der ­Gewerbeauskunft-Zentrale mit Sitz in Düsseldorf ins Haus flatterte. „Nur vervollständigen und aktuelle Firmen- und Betriebsdaten gewährleisten“ stand in dem Brief. Antworten bequem per Fax. Ein paar Kreuzchen hier, eine Unterschrift da - fertig. Sherif Bostros wollte schon zum Stift greifen. Die Formalität schnell erledigen. „Das war so raffiniert gemacht. Ich wollte schon unterschreiben. Aber hier geht es um wichtige Informationen über mich und meinen Betrieb. Da habe ich das Kleingedruckte gelesen.“ Zum Glück. Denn mit der Unterschrift wäre er um 569,06 Euro ärmer gewesen. Jährlich.

Dr. Christian Strunz, Geschäftsführer der Notarkammer Frankfurt am Main, kennt das Problem mit dem Adressbuchschwindel. Er ist Mitglied in einer Arbeitsgruppe der Industrie- und Handelskammern Hessen, die sich mit solchen Machenschaften auseinandersetzt. „Das Muster ist immer wieder dasselbe. Es werden Briefe versandt, die aussehen, als kämen sie vom Amt “, erklärt Strunz. „Das ist ein Problem, das die IHKs schon seit Jahren beschäftigt.“ Die Unternehmen verfolgen eine perfide Taktik. Tausende Anschreiben werden pro Tag versandt. Meist an Gewerbeneulinge. Berufsstarter. Unternehmer, die gerade im ersten Jahr der Selbstständigkeit stehen. „Diese Anbieter hüllen sich in das Mäntelchen einer amtlichen Behörde“, erklärt Strunz. „Der Geschäftserfahrene schmeißt das Schreiben sofort weg. Der ­Neuling läuft Gefahr zu unterschreiben.“

Strunz rät: Immer auch das Kleingedruckte lesen, den Absender überprüfen, notfalls Rücksprache mit der IHK oder einem Notar halten. Nie aber einfach unterschreiben. Und wenn doch, was dann, Herr Strunz?

„Ich als Anwalt würde sagen: Da lass ich mich glatt mal verklagen. Das Risiko wäre kalkulierbar.“ Im schlimmsten Fall seien Anwalts- und Gerichtskosten sowie der ausstehende Betrag zu zahlen. Zudem, so ist sich Strunz sicher, sei den Unternehmen der Aufwand und das Risiko einer Gerichtsverhandlung oftmals zu hoch. „Ob man es drauf ankommen lässt oder nicht, ist Typsache. Aber der Richter muss entscheiden.“ Bei dem konkreten Fall der ­„Gewerbeauskunft-Zentrale“, die den Marburger Sherif Bostros zur Kasse bitten wollte, „stehen Leistung und Gegenleistung in keinerlei Verhältnis“, erklärt Christian Strunz.

569,06 Euro für die Aufnahme in ein dubioses Gewerberegister - ein lukratives Geschäft für die Betrüger. Um Existenzgründer aber auch erfahrene Gewerbetreibende auf diese Betrugsmasche aufmerksam zu machen, haben die Industrie- und Handelskammern Hessen gemeinsam mit dem Deutschen Schutzbund gegen Wirtschaftskriminalität e. V. ein Merkblatt entworfen. Der Flyer ist mittlerweile vergriffen. Zu groß die Nachfrage, zu präsent das Problem.

Das Merkblatt online: www.ihk-hessen.de/pdf/recht/121031_adressbuchschwindel.pdf

von Marie Lisa Schulz und Dennis Siepmann

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