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Das Ende der Welt naht - mal wieder

Apokalypse Das Ende der Welt naht - mal wieder

Geben Sie Ihren Kindern einen Kuss, rufen Sie nochmal bei Ihrer Mutter an, gönnen Sie sich ein letztes Bier. Oder: Freuen Sie sich auf den Samstag. Denn der Weltuntergang fällt aus.

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Marburg. Es ist ein florierendes Geschäft mit dem Horrorszenario. Das Ende eines wichtigen Zyklus´ im alten Maya-Kalender fällt genau auf den Tag der Wintersonnenwende, den dunkelsten Tag des Jahres - das kann doch kein Zufall sein. Das sagen zumindest Apokalyptiker, Hoteliers in den heiligen und vor dem Armageddon schützenden Regionen der Türkei und Frankreich und findige Werbeleute. Für Raphael Tomczyk, Kultur- und Sozialanthropologe an der Philipps-Universität, ist dieser Tag vor allem eines: nichts Besonderes. „In vielen Prophezeiungen sollte die Welt schon untergehen. Bei Nostradamus, bei Luther, im Koran - überall ist von der Zerstörung der Welt die Rede. Aber uns gibt es immer noch.“

Der 36-Jährige hat bei Nikolai Grube, einem der bedeutendsten Maya-Experten Europas, studiert. Der zweifache Familienvater folgte außerdem den Spuren und Mythen, die sich um die legendäre Kultur aus Mittelamerika ranken, erlebte Mexiko hautnah. Tomczyk zufolge haben Maya-Forscher eine Vermutung, wie der Weltuntergang für den 21. Dezember 2012 terminiert wurde. „In Mexiko, im Ort Tortuguero, wurde eine Maya-Stele (Säule) gefunden, auf der dieses Datum steht. Zudem bot der berühmte Dresdner Kodex, eine altes Maya-Buch, den Weltuntergangsapologeten ein weiteres Indiz ihrer Theorien. Das ist alles.“ Bei den Maya selbst sei nie etwas von Weltuntergang oder Zerstörung allen Lebens die Rede gewesen.

Eine Abbildung von apokalyptischem Ausmaß

Was die Apokalyptiker dazu bewegt, an das Ende der Welt zu glauben, ist eine Abbildung auf der letzte Seite des Dresdner Kodex. Dort ist ein Krokodil zu sehen, das Wasser speit. Dazu noch eine Göttin. Deutliche Symbole für eine vermeintlich nahende Flut. „Dass die Wintersonnenwende genau auf das Ende des Kalenders fällt, ist reiner Zufall.“

Das bewerten Esotheriker durchaus anders, wie die Erfahrungen von Friedhelm Schöck, Inhaber der spirituellen Buchhandlung Sirius in der Oberstadt zeigen. „Diesen Hype gibt es in meiner Szene nicht. Der Weltuntergang ist auch nur eine Vulgärversion des Ganzen.“

In spirituellen Kreisen wurde schon Mitte der 1960er-Jahre, als die Maya-Stele gefunden wurde und das erste Buch erschien, dieses Thema behandelt. Schöck begegnet dem Ganzen gelassen. Viele würden sich meditativ auf das neue Zeitalter und den neuen kosmischen Zyklus vorbereiten. An den Weltuntergang glaubt er nicht. Der Buchhändler gibt der sagenumwobenen Geschichte eine neue Richtung. „Nach dem dunkelsten Tag des Jahres werden die Zeiten wieder freundlicher, es entwickelt sich ein Übergangsgefühl.“

Den Hype, der sich um das Horrorszenario entwickelt hat, kann der Wissenschaftler Raphael Tomczyk nicht nachvollziehen. Mit rationalem Denken habe das nichts zu tun. Ein Gutes hat es aber doch: die heutigen Maya machen sich diese modernen Mythen zunutze, freuen sich über das große Interesse an ihrer Kultur und verdienen natürlich auch mit den Ängsten der Menschen.

Mittlerweile haben sich die apokalyptischen Gedanken in den Köpfen so manifestiert, sagt Tomcyzk, dass alles Negative gleich mit dem Ende der Welt zusammengebracht werde. Klimawandel, Wasserknappheit, Wirtschaftskrise - alles passt in den Mythos. Dabei, so erklärt der Anthropologe, sei es keine Ende des Maya-Kalenders oder gar der Welt, sondern das Ende eines ganz simplen Zyklus‘, dem so genannten 13. Baktun, der in der Symbolik der Maya eine wichtige Rolle spielte. Ähnlich wie es im christlichen Glauben jedes Jahr an Silvester geschieht. Mehr nicht. Einziger Unterschied: die Maya hatten ein zyklisches Zeitverständnis, während unser jüdisch-christliches ein lineares ist. Die Maya glaubten an eine Abfolge unterschiedlicher Welten während wir an ein Ende der Welt glauben. Das könnte auch unsere Faszination an Weltuntergangsgeschichten erklären.

Eine weitere, nicht unerhebliche Frage, ist die der Definition. Feste Berechnungsformeln gibt es nicht. So wurde das Ende der Welt schon für 2011 prognostiziert, wurde dann auf den 21. Dezember 2012 verlegt. „Andere wiederum sprechen vom 24. Dezember 2012, das hätte ja auch eine große Symbolkraft“, sagt Tomczyk. Zum letzten Mal wurde das Ende der Welt zum Millennium angekündigt. Beim Übergang 1999 zu 2000 sind wir übrigens genau so davon gekommen wie im Jahre 999 auf 1000. Die Rettung schrieb sich damals der Papst zugute, passend trug er den Namen Silvester II. Das nächste Mal könnte 2076 der Untergang ausgerufen werden. Einige Sekten befürchten im 1500. Jahr des muslimischen Kalenders das Ende. Das wäre dann in gut 63 Jahren.

  Die OP fragte: Was tun, wenn der Weltuntergang naht?

  • „Also ich habe einen Maja-Kalender entdeckt, der zumindest schon mal bis 2014 geht: Der Biene-Maja Wandkalender 2014“ (Sebastian Henkel)
  • „Wer glaubt den an dieses Märchen Weltuntergang? Ja er kommt irgendwann, aber doch nicht jetzt“ (Tanja Trusheim)
  • „Abwarten und Tee trinken...viiiieeel Tee...“ (Kiki Cramer)
  • „Arbeiten oder schlafen...“Sebastian Görge  

Im Blickpunkt

Raphael Tomczyk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Vergleichende Kulturforschung, Fachgebiet Kultur- und Sozialanthropologie, der Philipps-Universität. Studiert hat der zweifache Familienvater in Bonn. Das Riesenreich der Maya, die Mythen und die Schriften ziehen den 36-Jährigen in ihren Bann.

von Carsten Bergmann

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