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"Das Einfallstor für radikales Denken"

OP-Interview "Das Einfallstor für radikales Denken"

Über die internen Dokumente der Burschenschaft Rheinfranken äußert sich der Marburger Rechtsextremismusforscher Professor Benno Hafeneger.

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Der Marburger Professor Benno Hafeneger (Foto unten) ist Rechtsextremismusforscher und veröffentlichte zuletzt eine Studie zur NS-Vergangenheit der Landesärztekammer Hessen. Er bezeichnet die Rheinfranken-Dokumente als „hoch interessant“.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. OP: Wie bewerten Sie den Inhalt der veröffentlichten „Fuxen­kladde“ der Rheinfranken?

Professor Benno Hafeneger: „Das ist ein deutsch-nationales Pamphlet, das zum Formen eines selektiven Weltbilds dient. Es geht darum, neue Burschenschaftsmitglieder in die eigene Gruppe mental hinein zu sozialisieren. Ein zentraler Punkt ist Antisemitismus. Dieser ist zwar per se nicht neu, aber das Kapitel in dem Rheinfranken-Dokument offenbart ein tiefsitzendes Verschwörungsdenken: Die Juden, als der ewige Feind bezeichnet, seien selbst schuld, sollen sich nicht wundern, dass ihnen Verfolgung und Vernichtung passiert. Die deutsche Geschichte wird hingegen als Opfergeschichte dargestellt, es geht beispielsweise mehr um Vertreibung Deutscher aus den Ostgebieten als um Verbrechen von Deutschen an Millionen Menschen. Das ganze Werk ist Legendenbildung in einer üblen, einseitigen Diktion.

OP: Bis auf das zweifellos antisemitische Kapitel der „kritischen Betrachtung des Judentums“ liest sich vieles in dem 171 Seiten umfassenden Buch eher wie die Sehnsucht nach der Atmosphäre aus Kaiserreichszeiten, was ja aber nicht mit der Nazi-Zeit gleichzusetzen ist.

Hafeneger: Die Nazi-Zeit wird in dem Dokument bewusst und geschickt umgangen. Über ­einen Religions- und Kulturkampf wird eine Traditionsbildung versucht, um den Antisemitismus zu rechtfertigen. Die Zeit zwischen 1933 und 1945 ist hier kein Zentrum der im Buch ja breit ausgeführten deutschen Geschichte, das wird ausgeblendet. Genau dieser Mechanismus ist ein wesentliches Charakteristikum der Neu-Rechten, die NS-Zeit ist für sie lange her, Vergangenheit, nur ein kleiner Ausschnitt einer ansonsten recht glorreichen Nationalgeschichte. Hitler, Judenverfolgung, Weltkrieg - die Themen werden gemieden und vermieden, ebenso wie die Verwendung von vielen eindeutig als rechtsextrem zu identifizierenden Begrifflichkeiten wie Rasse oder Bomben-Holocaust. Das ist Teil des alten Nazi-Denkmusters, das neue geht eher in die Richtung: „Ist alles Schnee von gestern.“

OP: In der „Fuxenkladde“, die von den Rheinfranken bestätigt mindestens vorübergehend als internes Lehrbuch diente, bekennt sich die Burschenschaft zu Demokratie, Rechtsstaat und einem einigen Europa.

Hafeneger: Formal ja. Wir reden hier über eine Grenzgänger-Elite, über eine intellektuelle Neu-Rechte, die an Autorität, Strenge, Ordnung, Disziplin, Treue - also an klassische Härte-Ideale - glaubt, die gesellschaftliche Homogenität und letztlich eine konservative Revolution will. Das alles soll aber demokratisch und im Verfassungsrahmen geschehen, das Land soll nach rechts rücken, man nimmt sich dafür Anleihen im Rechtsextremismus - ohne den Bogen überspannen zu wollen. Andere wollen sicher eine ganz andere Republik, gehen auch über Grauzonen hinaus ins hart Antisemitische. Die Gesamtkultur ist deutsch-national. Wie viele davon Demokraten sind oder wie viele wie weit über Graubereiche hinaus bereit zu gehen sind, weiß man nicht. Diese Kaderschmiede einer Elite von rechts hat eine Art Ritterideologie - aber weniger der sanftmütige als vielmehr der kriegerische Typ. Das Binnenklima, das man sehr gut an dem Buchkapitel zu den Morden von Mechterstädt ablesen kann, ist: „Wenn das Vaterland ruft, sind wir da!“

OP: Ist das alles Theorie, reaktionäre Träumereien weniger Ideologen oder geht davon eine reale gesellschaftliche Gefahr aus?

Hafeneger: Das ist ein Einfallstor für radikales Denken und die Neu-Rechten sind Stichwortgeber für die politische Kultur. Man sollte das und die daraus entstehenden Effekte nicht unterschätzen. Einiges, etwa das Männer- und Frauenbild, ist aber auch erst mal nur hausbacken traditionell. So oder so ist dieses Schulungsmaterial der Weltdeutung hoch interessant um zu erkennen, wie sich abgeschottete Weltbilder etablieren lassen und versuchen, in die akademische Welt hineinzureichen.

von Björn Wisker

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