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"Das Ehrenamt ist keine Selbstbefriedigung"

Flüchtlingsdebatte "Das Ehrenamt ist keine Selbstbefriedigung"

Signal an die hessische Landesregierung: Dutzende freiwillige Flüchtlingshelfer in der Universitätsstadt wollen eine Petition zum Erhalt der Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge im Marburger Stadtteil Cappel starten.

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Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer bei der Arbeit. Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Unverständnis war groß im Stadtverordnetensaal. Es grenzte fast schon an Empörung, die die 100 anwesenden ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer empfanden. Vom Plan des Landes, mehrere Erstaufnahmestellen zu schließen, halten sie überhaupt nichts. Bleiben sollen elf Erstaufnahmestellen, das Camp in Cappel gehört nicht dazu.

Das Engagement der Menschen in Marburg suche seinesgleichen. „Daher halte ich die Schließung für fehlerhaft“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Aber warum nicht möglicherweise beim Technischen Hilfswerk, der freiwilligen Feuerwehr oder einer anderen Organisation mitarbeiten, die auf ehrenamtliche Helfer angewiesen ist? Der OB verwies auf den Altersschnitt. „Ab einem gewissen Alter sucht man sich eben andere Wege, zu helfen, als auf Leitern zu klettern oder andere körperliche Arbeit zu verrichten“, sagte Spies.

"Wir machen das nicht, weil wir uns profilieren wollen, sondern weil Not besteht"

Doch das ist nicht der einzige Grund, wie Barbara Reißland meint. Die 48-Jährige gibt Deutschkurse für Flüchtlinge. Es sei eine sehr persönliche Entscheidung, wofür man seine Freizeit opfere. „Ich bin vollbeschäftigt und knapse mir die Zeit ab. Außerdem sind meine Eltern aus der DDR geflüchtet. Daher kommt der besondere Bezug“, unterstrich sie.

Eine andere Helferin stellte klar, worum es beim Ehrenamt ginge: „Wir machen das nicht, weil wir uns profilieren wollen, sondern weil Not besteht und wir helfen wollen. Diese Schließung werden wir nicht einfach tatenlos hinnehmen“, sagte sie. Auf Worte folgten Taten. Eine Arbeitsgruppe nahm die Ausarbeitung einer Petition zur Erhaltung des Camps in Angriff.

Die Missbilligung der Schließungs-Pläne hatte Spies bereits in einem Brief an die Landesregierung ausgedrückt. Einverstanden mit dem Plan der Regierung sind in der Universitätsstadt unter anderem die CDU, FDP und Marburger Bürgerliste. Für Spies nicht nachvollziehbar. Laut ihm seien 5500 Menschen in Erstaufnahmestellen, 1300 kämen jeden Monat dazu. „Die Fürsprecher sind anscheinend nicht genau informiert. Die Alternative lautet nicht Marburg oder nichts, sondern Marburg oder Rotenburg“, sagte das Stadtoberhaupt. In Rotenburgs Aufnahmelager hatte es im Juni eine Massenschlägerei gegeben und Spies fürchtet offenbar, dass Gewalt zunimmt, wenn künftig mehr Menschen in weniger Aufnahme-Stellen untergebracht werden.

von Benjamin Kaiser

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