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Das Bein um drei Zentimeter verlängert

Medizinische Zentimeterarbeit Das Bein um drei Zentimeter verlängert

Eine der häufigsten Asymmetrien beim Menschen sind unterschiedlich lange Beine - nicht selten Ursache für Rückenschmerzen. In Marburg wurde diese Differenz nun innovativ operativ ausgeglichen.

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Links ein Röntgenbild von vor der OP, in der Mitte ein Bild von kurz nach der Operation und die dritte Aufnahme zeigt die Konstruktion einige Wochen später.

Quelle: Peterlein

Marburg. Anne Sames ist 17 Jahre alt und eigentlich ein ganz normales Mädchen. Sie reitet, tanzt und joggt gerne und nächstes Jahr macht sie ihr Abitur in Gießen. Danach will sie vielleicht Biologie studieren.

Bis vor gut zwei Jahren waren sogar ihre unterschiedlich langen Beine „ganz normal“. Schließlich hat fast jeder ein Bein, das kürzer ist als das andere. Normalerweise gleicht diese Zentimeterdifferenz eine Einlage vom Orthopäden oder der Körper von selbst aus. Normalerweise. Anne hat mittlerweile eine Beinlängendifferenz von mehr als drei Zentimetern. Ab dieser Länge können nicht mal mehr Einlagen helfen. Ihr linker Oberschenkelknochen hat aufgrund einer gutartigen Knochentumorkrankheit irgendwann aufgehört zu wachsen. Seitdem hat sie starke Rückenschmerzen, die sie vor allem beim Sport beeinträchtigen.

Einfacher wäre, ein Bein zu kürzen

Das war der Zeitpunkt für sie, sich über alle Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Heute, gut einen Monat später, sitzt Anne im Sprechzimmer des Uniklinikums - die Krücken neben und die Röntgenbilder ihres Stück für Stück wachsenden Beins vor sich. Dass es tatsächlich ihres ist, kann sie kaum glauben. Verständlich: Denn so logisch der Eingriff sich anhört - der einfachste Weg ist es nicht.

„Die nahe liegende Methode zum Ausgleich einer Beinlängendifferenz ist immer die Kürzung des längeren Beins“, sagt Christian-Dominik Peterlein, Oberarzt der Klinik für Orthopädie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Marburg. „Da die Patientin nur 1,60 Meter groß ist, haben wir uns für die Alternative entschieden.“

Also eine Verlängerung des linken Oberschenkelknochens. Technisch ist der Weg schwieriger. Zweieinhalb Stunden dauert die Operation. Wenn alles nach Plan verläuft. In den Knochen wird ein System eingearbeitet, das bisher nur an wenigen spezialisierten Kliniken Deutschlands und nun erstmalig in Marburg angewendet wurde. „Die intramedulläre Beinverlängerung ‚Precice™‘ ist ein amerikanisches System, das einen unkomplizierten, schnell heilenden und kosmetisch schönen Eingriff ermöglicht“, fasst Felix Krehl von der Herstellerfirma Orthovative zusammen. Das klingt gut. Aber wie funktioniert das? „Bei der Operation wird zuerst der Knochen des kürzeren Beins künstlich gebrochen. Im Inneren des Knochens wird der Markraum aufgebohrt, anschließend wird der Nagel in den hohlen Knochen hineingeschoben und über sowie unter dem Bruch mit Schrauben fixiert“, erklärt Peterlein.

Beinverlängerung per Knopfdruck

„Dieser Nagel ist magnetisch steuerbar und wird eine Woche nach der OP jeden Tag um einen Millimeter ausgefahren, bis die Beinlängendifferenz kompensiert ist.“ Das unkomplizierte an dieser Methode sei, dass der Patient selbst bequem von zu Hause aus den Nagel durch eine Konsole ausfahren könne. An der Sollbruchstelle bilde sich nach der Operation eine Blutwolke, die nach und nach zu Knochengewebe umgebaut werde. Sind die Beine gleich lang, verbleibt der Nagel noch bis zu eineinhalb Jahren im Knochen, bevor er entfernt wird.

Sechs Wochen lang musste Anne nun mit Krücken laufen, aber schon bald kann sie ihr Bein wieder voll belasten. Nach dem Abitur werden nur noch kleine Narben an den Eingriff erinnern. Das ganze erinnere ein bisschen an einen ganz normalen Beinbruch, sagt Anne Sames. Und es fühlt sich auch so an: „Ich spüre kaum etwas von dem Nagel“, sagt die Schülerin gelassen. „Ich habe ein bisschen Muskel- und Knieschmerzen, aber das ist ganz normal.“ Und von der Operation sei so gut wie nichts zu sehen. Drei kleine Einschnitte, drei kleine Narben. Dafür wird eine Menge Disziplin verlangt. „Anne ist wirklich eine Vorzeigepatientin“, betont Peterlein. „Die Vor- und Nachbehandlung ist unheimlich wichtig, der Patient muss den vollen Umfang des Eingriffs verstanden haben und sorgfältig mitarbeiten.“

Auch Annes Mutter Christine ist mehr als zufrieden. „Sowohl der Eingriff, als auch die Betreuung verliefen problemlos. Wir waren erst zweimal seit der OP im Krankenhaus zum Röntgen, den Rest machen wir von zu Hause aus oder bei der Krankengymnastik.“ Der Eingriff ist einwandfrei verlaufen. „Wie aus dem Lehrbuch“, beschreibt es Peterlein. Nach getaner Pionierarbeit hofft der Arzt, dass sich das System in Deutschland etabliert.

von Helena Weise

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