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Dankbarkeit per App trainieren

Smartphone als Alltagshelfer Dankbarkeit per App trainieren

Eine psychologische Studie von Marburger Forschern verbindet Onlinetraining und tägliche Übungen mit dem Handy, um Menschen zu helfen, die zum Grübeln und depressiven Gefühlen neigen.

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Mit einer App zu mehr Dankbarkeit im Leben? Dieses ehrgeizige Ziel haben sich Marburger Forscher zum Auftrag gemacht.

Quelle: Montage: Sven Geske

Marburg. Das Gehirn ist es gewöhnt, sich auf das Negative zu konzentrieren. Mit dieser Angewohnheit beschäftigen sich derzeit auch Marburger Psychologen. Im schlimmsten Fall könne dieser Fokus dazu führen, ständig zu grübeln und sich Sorgen zu machen. „Das hat mich morgens beim Aufstehen richtig runtergezogen“, berichtet eine Teilnehmerin am Dankbarkeitstraining, die anonym bleiben möchte. Das Problem sei aber noch nicht so dramatisch gewesen, um damit zum Arzt zu gehen „In einer Frauenzeitschrift habe ich dann von der App gelesen“, erzählt die 67-Jährige.

So wie ihr gehe es vielen Menschen, weiß Professor Henning Freund von der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg: „Viele trauen sich nicht zur Psychotherapie oder bekommen keinen Termin.“ Genau diese Zielgruppe spricht die App an, die Freund in Zusammenarbeit mit Dr. Dirk Lehr von der Universität Lüneburg entwickelt hat: „Über das Smartphone wollen wir das positive Gefühl im Alltag der Nutzer verankern.“

Über einen Zeitraum von fünf Wochen sollen die Nutzer dabei trainieren, das Positive in ihrem Leben stärker wahrzunehmen. Tagsüber können Notizen im Handy gespeichert und Fotos aufgenommen werden, um Erlebnisse festzuhalten. Diese bereitet die App dann als Dankbarkeitspunkte grafisch auf. Außerdem wird morgens und abends das Wohlbefinden und die Selbstsicherheit abgefragt. Die erfassten Daten werden im Tagesrückblick reflektiert.

Zwischen dem Gefühl und der Haltung unterscheiden

„Mir war vorher gar nicht so bewusst, wie sich Dankbarkeit anfühlt. Das Programm hat mich sehr konkret zu diesem Gefühl hingeführt und mir geholfen, viel weniger zu grübeln“, berichtet die Teilnehmerin von ihren Erfahrungen mit der App.

Neben der täglichen Reflektion stehen fünf längere Lektionen auf dem Plan. Das Empfinden der Dankbarkeit sei nur ein Aspekt des Trainings. In den längeren Einheiten geht es darüber hinaus um „die Fairness der Wahrnehmung und darum, die Quellen des Guten zu erkennen“, zählt Freund auf. Die Dankbarkeit dann tatsächlich auch auszudrücken, verstärke den positiven Effekt: „Dabei wird nicht nur der zwischenmenschliche Zusammenhalt gefördert, sondern auch das psychische Wohlbefinden allgemein.“

( Dr. Dirk Lehr. Privatfoto)

Grundsätzlich unterscheidet Freund zwei Perspektiven der Dankbarkeit. „Zum einen die Grundhaltung oder den Charakterzug, das Positive im Leben wertzuschätzen. Und dann natürlich das positive Gefühl, wenn einem etwas Gutes getan wird.“ Er beschreibt Dankbarkeit als eine eher „unspektakuläre Emotion, die leider lange unterschätzt wurde“.Dabei verschweigt Freund nicht die Nebenwirkungen der Dankbarkeit, wie die Gefahr in eine passive Haltung zu verfallen. Berechtigte Emotionen, wie Wut oder Trauer müssten weiterhin ihren Weg finden: „Man sollte die Dankbarkeit auch nicht zur Doktrin werden lassen, sondern als Lebenshaltung in einem gesunden Maß verinnerlichen.“

Das Konzept hinter der App nennt sich web-basierte ­Gesundheitsintervention. Dirk Lehr leitet die entsprechende Forschungsgruppe und bietet Trainings zu verschiedenen psychologischen Problemen, wie Stress, Panik oder Depressionen an.

Wie fühlt sich Dankbarkeit eigentlich an?

Im Sinne der positiven Psychologie konzentriert sich das Dankbarkeitstraining nicht auf die Probleme, sondern versucht mit positiven Gefühlen entgegenzuwirken. „Das Programm kann eine Psychotherapie nicht ersetzen, aber man kann bestimmte Defizite damit abdecken und vor allem viele Leute erreichen“, erklärt Freund. Vor knapp zwei Monaten ging die Studie in die zweite Runde.

( Professor Henning Freund. Privatfoto)

Es werden auch noch Teilnehmer gesucht, insbesondere männliche: „Dankbarkeit verbinden viele Männer leider auch mit Verletzlichkeit – dabei können sie aber ganz besonders davon profitieren“, verspricht Freund. So wie auch die Teilnehmerin, der die Anonymität und Diskretion des Programms gut gefallen haben: „Auch ohne persönlichen Kontakt hatte ich während der fünf Wochen Training das Gefühl, es kümmert sich jemand um mich.“ Dazu trägt unter anderem die gelegentliche Betreuung per Mail durch die so genannten
E-Coaches bei.

Vor zwei Wochen hat die 67-Jährige das fünfwöchige Programm abgeschlossen. Die Dank-App nutzt sie weiterhin, um an ihrer Einstellung zu arbeiten: „Wenn man mit einer offenen Haltung an das Training herangeht, kann man viel erreichen. Wenn ich mich heute selbst beim Grübeln ertappe, habe ich Strategien parat, die mir schnell darüber hinweg helfen. Zum Beispiel Atemübungen.“

Für Henning Freund persönlich habe das Gefühl der Dankbarkeit etwas mit Zufriedenheit zu tun: „Es ist ein stilles Glück.“

von Philipp Lauer

Teilnehmen
 

Für die Studie werden aktuell noch Teilnehmer gesucht: Menschen, die oft Grübeln und etwas dagegen unternehmen möchten – insbesondere
auch Männer.

Der Zeitaufwand beläuft sich über fünf Wochen auf täglich circa zehn Minuten. Wöchentlich findet ein 45-minütiges Training statt. Die Teilnahme ist kostenlos, erfordert aber ein geeignetes Smartphone. Interessierte können sich auf www.geton-training.de/dankbarkeit informieren.

 
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