Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Damit aus Neigungen keine Taten werden

Pädophilie Damit aus Neigungen keine Taten werden

Seit rund zwei Jahren bietet das Uniklinikum Gießen und Marburg ein Therapieangebot für pädophile Männer an. Bislang haben sich etwa 200 Männer gemeldet.

Voriger Artikel
Camilla Schenkel: "Das hat richtig Spaß gemacht"
Nächster Artikel
„Wir brauchen eine Sozialgarantie“

Kinder vor sexuellem Missbrauch schützen: Das ist das Ziel eines Therapieangebots für Pädophile.

Quelle: Karl-Josef Hildenbrand

Gießen. Sexueller Missbrauch ist ein Verbrechen, das die Opfer oft lebenslang belastet. Um Kinder davor zu schützen, muss man pädophile Männer davon abhalten, zu Tätern zu werden. Dafür soll unter anderem das Strafrecht sorgen. Doch seit einigen Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass man darüber hinaus auch Männern mit pädophilen Neigungen helfen muss, damit es gar nicht erst zu Straftaten kommt. „Sie sollen sich sicher sein, kein Täter zu werden“, erklärt Professor Johannes Kruse das Ziel des Präventionsprojekts Dunkelfeld, das er am Gießener Standort des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM) wissenschaftlich leitet.

Seit zwei Jahren gibt es das Therapieangebot. Es ist Teil des bundesweiten Netzwerks „Kein Täter werden“. Es soll sexuelle Gewalt an Kindern und den Konsum von Kinderpornografie vorbeugend verhindern. Nach Schätzungen gibt es bundesweit etwa 250 000 Männer mit pädophilen Neigungen. Nicht jeder Betroffene wird zum Täter. Und nicht alle Taten kommen vor Gericht. Die Gießener Beratungsstelle hilft Männern, denen bewusst ist, dass ihre Neigung problematisch ist. Sie sollen auf eigene Initiative kommen - also nicht deshalb, weil ihnen von einem Gericht eine Therapie auferlegt worden ist.

„Die Hemmschwelle bei den Betroffenen ist sehr groß“, berichtet Kruse, der auch Leiter der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie ist. „Viele, die anrufen oder sich per E-Mail melden, brauchen erst einmal Zeit, bis sie sich erneut melden. Am Anfang muss man viel Vertrauen aufbauen.“ Wichtig für die Betroffenen: Wer in das Projekt aufgenommen wird, kann sich auf die therapeutische Schweigepflicht verlassen und erhält kostenlos therapeutische Hilfe.

Richtige Interpretation des kindlichen Verhaltens lernen

Seit Anfang 2014 haben sich mehr als 200 Männer an die Beratungsstelle gewandt, etwa 50 von ihnen werden therapiert. Einmal wöchentlich nehmen sie an einer Verhaltenstherapie in der Gruppe teil. Dabei geht es einerseits um Verhaltenskontrolle: Die Betroffenen sollen erkennen, in welchen Situationen sie gefährdet sind, zu Tätern zu werden - und wie sie diese Situationen meiden oder damit umgehen. Zum anderen sollen sie lernen, Situationen mit Kindern richtig zu interpretieren: „Wenn das Kind freudestrahlend ankommt, dann ist es nicht verliebt, sondern es sucht vielleicht Zuwendung oder will spielen“, erklärt Kruse. „Die betroffenen Männer sollen verstehen, was Missbrauch für ein Kind bedeutet.“ Das Mitgefühl mit den potenziellen Opfern soll die potenziellen Täter von der Tat abhalten.

Zusätzlich zur Gruppentherapie gibt es Einzeltherapien in Krisensituationen und die Möglichkeit einer medikamentösen Unterstützung. In der Regel dauert die Behandlung ein Jahr. „Danach schauen wir, ob wir das Ziel erreichen konnten“, sagt Kruse. „Wie viel Empathie hat sich entwickelt? Wieweit ist es dem Patienten möglich, sich in Gefährdungssituationen so zu verhalten, dass er da rauskommt?“ Wenn nötig, kann die Therapie fortgesetzt werden.

In etwa einem Fünftel der Fälle werde die Behandlung auch abgebrochen, berichtet Kruse - aus unterschiedlichen Gründen. Etwa, weil der Betroffene aus anderen Gründen psychisch sehr krank geworden ist oder weil er wegen Vergehen bestraft wird, die er vor Beginn der Therapie begangen hatte.

Forschung ist Teil des Projekts

Das Präventionsprojekt, das vom Hessischen Justizministerium und der Stiftung Hänsel + Gretel gefördert wird, soll auch wissenschaftliche Erkenntnisse über die Behandlung pädophiler Menschen bringen. Durch die Vernetzung der Projektstandorte in elf Bundesländern in einer gemeinsamen Forschungsdatenbank ergibt sich eine größere Patientenzahl - ein Vorteil für die Forschung. Endgültige Ergebnisse gibt es noch nicht, aber eine Reihe von Forschungsfragen. „Es geht darum: Was bringt die Therapie? Und: Welche unterschiedlichen Menschen gibt es in dieser sehr heterogenen Gruppe? Gibt es biografische Gemeinsamkeiten?“, beschreibt Kruse einige Fragestellungen. So könnte das Projekt langfristig dazu beitragen, noch besser zu verstehen, wie man verhindert, dass aus Neigungen Taten werden - und damit viele potenzielle Opfer vor sexuellem Missbrauch schützen.

Weitere Informationen zum Präventionsprojekt Dunkelfeld und alle Kontaktdaten zu den Standorten des Projekts in Deutschland stehen im Internet unter www.kein-taeter-werden.de. Informationen zur Anlaufstelle im UKGM gibt es unter Telefon 0641 / 985-45111.

von Stefan Dietrich

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr