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Damals wie heute: Armutsbekämpfung

50 Jahre AKSB Damals wie heute: Armutsbekämpfung

Als im Jahr 1967 der "Arbeitskreis Notunterkünfte" gegründet wurde, war dies auch die Geburtsstunde des Arbeitskreises Soziale Brennpunkte (AKSB), der somit in diesem Jahr 50 Jahre alt wird.

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Kinderarbeit in 50 Jahren: In den Notunterkünften im Krekel in den späten 60er-Jahren.

Quelle: privat

Marburg. Studenten des ­„Caritas Diakonie-Kreises“, sozial engagierte Bürger der Stadt und Uni-Mitarbeiter engagierten sich seit 1963 für die Obdachlosensiedlung am Krekel - etwa dort, wo heute die Marburger Stadtwerke ihr Domizil ­haben.

Zusammen mit den Bewohnern bemühen sie sich vor allem darum, den Kindern bessere Startchancen ins Leben zu geben. Nach der Gründung des „Arbeitskreises Notunterkünfte“ stellt der Verein eine Kindergärtnerin ein, die erste Spielstube für 15 Vorschulkinder wird in einer Baracke eingerichtet.

Zwei Grundsätze sind geblieben

Als der Krekel im Zuge des Baus der Marburger Stadtautobahn aufgelöst werden soll, stellt der Arbeitskreis eine Sozialarbeiterin für Bewohnerberatung ein. Sie soll die Bewohner auf den Umzug in verschiedene Stadtviertel, insbesondere den unteren Richtsberg und das Waldtal, vorbereiten. Die erste Gemeinwesenarbeit war durch die Auflösung des Krekels bestimmt.

1973 nennt sich der Arbeitskreis Notunterkünfte in „Arbeitskreis Soziale Brennpunkte“ (AKSB) um; er entscheidet sich dafür, seine Arbeit ausschließlich im Waldtal fortzusetzen.

Bei allen Veränderungen, die die Arbeit des AKSB seitdem erfahren hat: Zwei Grundsätze, so AKSB-Geschäftsführerin Christina Hey, sind geblieben:Um Kindern eine Zukunftsperspektive zu geben, werden nicht nur die Eltern mit ins Boot geholt. Es herrscht Einverständnis darüber, dass die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Familien wie auch des Wohnumfelds entscheidend sind für die Verbesserung von Zukunftschancen der Kinder.

„Wir sind eine Lobby für Kinder“, formuliert es Erzieherin Hildegard Fries-Kopper. "Wir zeigen den Menschen, dass sie ihr Leben selbst gestalten können“, sagt Britta Stadelmann-Golega, die für Gemeinwesenarbeit beim AKSB zuständig ist. Das war schon bei der Vorbereitung des Umzugs ins Waldtal so, setzte sich in den 80er- und 90er-Jahren mit der Bewohnerbeteiligung in der Wohnumfeldgestaltung fort und wurde spätestens 2015 mit dem Programm Soziale Stadt institutionalisiert.

Kinder wurden von Zuhause abgeholt

Der AKSB ist Träger des Quartiersmanagement im Waldtal. „Eine gute Möglichkeit, dass sich Menschen für die positive Veränderung ihres Stadtteils einbringen“, sagt Hey. Die Aktivierung der Bewohner, das fing in den vergangenen Jahren mit dem (erfolgreichen) Kampf um die Wiedereinführung der Linie 3 ins Waldtal an und reicht bis zu dem Beteiligungsverfahren zum Bau eines geplanten Nachbarschaftszentrums. Der Bau soll „hoffentlich bald“ ­beginnen.

Dabei hat es im Waldtal seit den 70er-Jahren große Veränderungen gegeben. Hildegard Fries-Kopper, die schon im Anerkennungsjahr im AKSB war, erinnert sich noch, dass die Erzieherinnen damals mit zwei Spielstuben und einem Spielhaus für wenige Stunden am Vormittag begannen. „Wir mussten die Kinder zum Teil zu Hause abholen und dort auch noch anziehen“, berichtet Fries-Kopper.

Geheizt wurden die Spielstuben mit einem alten Kohleofen, den ein Zivildienstleistender noch in den späten 80er-Jahren jeden Morgen anheizen musste.

Gemeinsames Kochen, die Vermittlung, welches Essen gesund ist und lecker zugleich, heute sind dies alles Selbstverständlichkeiten. In den 80er-Jahren mussten die Bewohner des Stadtteils erst an diese Inhalte von Kinderbetreuung gewöhnt werden. Dass der AKSB heute eine Regeleinrichtung für die Kinderbetreuung im Stadtteil ist, liegt sicher auch an den Erfahrungen, die die Eltern mit „ihren“ Erzieherinnen gemacht haben.

Anteil von Flüchtlingskindern bei 80 Prozent

„Nie würde ich meine Kinder in der Stadt abgeben“, dies habe man von Eltern vielfach gehört, berichtet Hey. „Wir bemühen uns um ein enges ­Verhältnis zu unserem Klientel, wir verstehen uns als eine Art Lobby für den Stadtteil.“ Und Hildegard Fries-Kopper ergänzt: „Überall da, wo die Leute bei uns reinschnuppern, passiert Bildung.“

Der Stadtteil hat sich mehrfach gewaltig verändert. In den 70er- und 80er-Jahren geprägt vor allem von den früheren Krekel-Bewohnern und einer Reihe von Sinti-Familien, kamen in den 90er-Jahren viele Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien sowie Menschen aus der Ex-Sowjetunion hinzu. „Im Prinzip sind alle hier angekommen“, sagt Hey.

Heute sind es vor allem Asylbewerber, vor allem aus afrikanischen Ländern, die einen Großteil der Bewohner stellen. Nämlich 60 Prozent, schätzt Christina Hey. In den AKSB-Krippen liegt der Anteil von Flüchtlingskindern gar bei 80 Prozent.

Was aber nicht heißt, dass der AKSB viele Spezialangebote überwiegend für Flüchtlinge macht. „Wir wollen keine Neiddebatte“, sagt Hey, „und wir wollen keine Integration auf dem Rücken derer, die selbst ein schweres Päckchen zu tragen haben.“

Bei allen Veränderungen in den vergangenen fünf ­Jahrzehnten ist der Schwerpunkt der ­Arbeit des AKSB im wesentlichen gleich geblieben: „Armutsbekämpfung ist ­heute so aktuell wie eh und je“, sagt Britta ­Stadelmann-Kollega.

von Till Conrad

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