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"Da war mir klar, die bringen mich um"

Pressefreiheit "Da war mir klar, die bringen mich um"

Weltweit sind Journalisten in Gefahr. 2016 wurden 74 Medienschaffende ermordet. Zwei aus dem Irak geflohene Journalisten leben nun in der Region.

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Die beiden Journalisten Ebrahim Namo (links) und Shawqi Kanabi sind aus dem Irak nach Marburg geflohen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Schüsse durchschneiden die heiße Luft. Reifen quietschen. Ein schwarzer Geländewagen kommt schlingernd zum Stehen. Männer in Anzügen und mit Sonnenbrillen springen heraus, scharen sich um das Auto, inspizieren die zerborstene Heckscheibe. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Sicherheitsleute gestikulieren wild. „An diesem Tag wurde mir klar, dass mein Leben wirklich in Gefahr ist“, erinnert sich Ebrahim Namo und schaut zu seinem Kollegen Shawqi Kanabi. Die beiden sitzen auf einem buntgeblümten Sofa in Namos Kellerwohnung in Cölbe und schauen sich das Youtube-Video an, das den Angriff auf den Konvoi von Dr. Yusuf Mohammed Sadiq zeigt. Damals, am 12. Oktober 2015, war Ebrahim Namo hautnah dabei. Zwei Jahre arbeitete der 27-Jährige als persönlicher Fotograf von Sadiq, dem Vorsitzenden des Parlaments der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak.

Damals, auf der staubigen Wüstenstraße zwischen Sulaimaniyya und Erbil, wird Sadiqs Entourage von Sicherheitsmännern des Präsidenten, Masud Barzani, beschossen. Seither werden Sadiq und andere Oppositionspolitiker daran gehindert, in die Hauptstadt des als autonom geltenden Gebietes zu gelangen, damit dort das Parlament nicht tagen kann.

Die Lage in Kurdistan ist verworren und angespannt. 1970 in einem Abkommen mit dem irakischen Staat gegründet, wurde nach dem Irakkrieg die Teilautonomie der Region in der irakischen Verfassung festgeschrieben. Für den 25. September ist ein Unabhängigkeitsreferendum angekündigt, um sich ganzheitlich vom Irak abzulösen. Seit 2005 ist Masud Barzani Präsident. 2009 wurde der KDP-Politiker bei einer Direktwahl im Amt bestätigt. Obwohl seine Präsidentschaft 2015 endete, ist er noch immer im Amt.

Kollegen werden getötet

„Barzani ist ein Diktator“, sagt Shawqi Kanabi und zählt die Kollegen auf, die seit der ­Regierungszeit Barzanis ums Leben gekommen sind. Kanabi­ und Namo arbeiteten jahrelang als Journalisten für den Nachrichtensenders KNN, welcher der Oppositionspartei Gorran­ nahesteht. „Als regierungskritischer Journalist ist man an Schwierigkeiten gewöhnt, aber als ein langjähriger Kollege von mir getötet wurde, wusste ich, dass ich fliehen muss“, sagt Kanabi. Sechs Jahre leitete der 36-Jährige das Korrespondentenbüro des Oppositionssenders KNN in Erbil. Er berichtet in dieser Zeit aus der Türkei, Syrien und Ägypten. Immer wieder wird in der Redaktion eingebrochen, Kameras werden gestohlen, Computer zerstört. „Uns wurde gedroht, nichts Negatives über Barzani oder seine Familie zu schreiben“, berichtet­ Kanabi. Mehrmals wird der ­Moderator festgenommen.

Systematische Gewalt

Laut Reporter ohne Grenzen sind Journalisten im Irak systematischer Gewalt ausgesetzt. Es komme auch zu gezielten Morden an Medienschaffenden, berichtet die internationale Nichtregierungsorganisation. Auf der Rangliste der Pressefreiheit findet sich der Irak auf Platz 158 wieder - von 180.

Die Gefährdungslage für Medienschaffende in der Region­ Kurdistan kann Dr. Andrea ­Fischer-Tahir bestätigen: „Der Staat schützt bedrohte Journalisten nicht.“ Die Kurdologin an der Philipps-Universität Marburg lebte selbst lange dort. Sie hat ein differenziertes Bild der politischen Lage Kurdistans: „Barzani ist ein autoritärer Politiker, der auf seine traditionelle Hausmacht pocht“, sagt Fischer-Tahir. Doch auch die Oppositionsparteien wie Gorran bewertet sie als „problematisch“. Die nach Macht strebenden politischen Kräfte der Region Kurdistan seien heillos zerstritten, eine Einigung wohl auch nicht in Sicht.

Unabhängige Medien gebe es dort nicht mehr, sagt Fischer-Tahir. Journalistische Praxis sei grundsätzlich eher dann gefährlich, wenn sie einzelne Personen der herrschenden Parteien, ganz besonders der KDP und der Barzani-Familie, kritisch und investigativ oder aber polemisch adressiere. Ansonsten sei - im Unterschied etwa zur Türkei oder Ägypten - allgemeine Kritik an den herrschenden Verhältnissen wie Korruption, Misswirtschaft und der mangelnden Demokratie und Transparenz in politischen Entscheidungen sehr verbreitet und werde „von oben“ toleriert. Zum einen deshalb, weil sich die ­kurdische Regierung selbst als ­demokratisches Vorzeigemodell in Nahost verstehe, zum anderen, weil diese Art allgemeiner Kritik nicht das Potenzial­ zu Aufruhr und Umsturz in sich berge, erklärt Fischer-Tahir. Vielmehr diene sie weitgehend als Freiraum für diejenigen Teile der Mittelklasse, deren Aufstieg durch die ökonomischen, sozialen und politischen Eliten blockiert werde.

Kanabi und Namo wähnen sich in Lebensgefahr, als immer mehr Journalisten von der Bildfläche verschwinden und schließlich auch Kanabis Kameramann getötet wird. „Wir sind oft bedroht worden, aber wenn Barzanis Sicherheitsleute sagen, dass du sterben wirst, weißt du, dass es wirklich ernst ist“, betont Kanabi. Er und sein Freund Namo fliehen in die Türkei und gelangen von dort aus über die Balkanroute nach Deutschland.

„Wir hatten ein gutes Leben in Kurdistan, es war sehr schwer, alles zurückzulassen“, sagt Namo leise. Plötzlich ist der junge Mann, der eigentlich immer strahlt, ganz still und nachdenklich. Es schmerzt ihn, an seine große Familie zu denken. An seine sechs Geschwister und seine Mutter, deren Bild an der Wand in seinem Cölber Zimmer hängt. Auf seinem Handy zeigt er Bilder aus einem anderen Leben: Namo im maßgeschneiderten Anzug im Parlament in Erbil, die Kamera im Anschlag. Namo hinter dem Lenkrad seines Mercedes. „Auch wenn nun alles anders ist, sind wir froh in Sicherheit zu sein“, sagt er.

Deutsch lernen hat Priorität

Kurdistan, das nach dem Irakkrieg boomte, ist wirtschaftlich am Ende. Der Kampf der Peschmerga gegen den IS, die Flüchtlingswelle,­ der ­Verfall des Ölpreises und ­Korruption haben den einst aufstrebenden Staat ruiniert.

Namo blickt aus dem Fenster. Den tristen Anblick nackten Betons des Kellerfensters hat der 28-Jährige mit bunten Zetteln an der Scheibe verschönert. Es sind Haftzettel, auf denen deutsche Wörter in geschwungener Schrift ins Kurdische übersetzt sind. Deutsch zu lernen hat für Namo und Kanabi höchste Priorität. „Wir hoffen, dass wir es in einem Jahr gut lernen können“, sagt Kanabi, der nach der Erstaufnahme in Stadtallendorf nun in Alsfeld wohnt und bald nach Marburg ziehen möchte.

In Deutschland Fuß fassen

Seit kurzem haben die beiden Journalisten ihren Asylantrag für eine Dauer von drei Jahren bewilligt bekommen. Sie würden gern wieder in der Medienbranche arbeiten - bestenfalls für einen kurdischen Fernsehsender. So richtig aufgehört mit ihrer Arbeit haben sie nie. Sie berichteten für den Gorran-nahen Sender KNN über einen kurdischen Dönerladen am Marburger Bahnhof. Und auch ein Beitrag vom Marburger ­Rosenmontagsumzug wurde im Oppositionssender gezeigt. Namo filmte, Kanabi stand vor der Kamera. Mehrere Wochen hospitierte Namo als Kameramann und Fotograf bei der OP. Zudem haben Namo und Kanabi eine eigene kurdische Radiosendung im Marburger Lokalradio. Jeden Sonntag von 15 bis 16 Uhr senden sie bei Radio Unerhört Marburg.

„Auch wenn die Menschen uns hier gut behandeln, würde ich alles darum geben, wieder zurückzugehen“, sagt Namo. „Doch solange Barzani an der Macht ist, kann ich von einer Rückkehr wohl nur träumen.“

von Nadine Weigel

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Von Redakteur Nadine Weigel

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