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Da staunst du Bauklötzchen

Marburger Tetris-Spieler Da staunst du Bauklötzchen

Eigentlich wollte Patrick Velte nur ein bisschen Tetris spielen. Ein paar Stunden später war der Marburger bei den Deutschen Meisterschaften plötzlich Dritter.

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Stolz präsentiert Patrick Velte seine Gameboy-Sammlung.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Patrick Velte mag Computer. Alte Computer. Man könnte fast sagen: Je älter, desto besser. Vor allem der C64 hat es ihm angetan. In der Pionierzeit der Heimcomputer war der „Brotkasten“ von Commodore für viele der erste Rechner. Heute löst der Gedanke an die Maschine rührselige, leicht verklärte Erinnerungen aus wie sonst wohl nur der Gedanke ans erste Auto.

Ein Laufwerk mit lächerlich großen Floppydisks, eine klobige Tastatur, die Darstellung von gerade mal 16 Farben –  nicht schön, wenig PS, keine Extras, aber unbedingt liebenswert. Nostalgie pur eben.

Als Commodore den C64 in Deutschland auf den Markt brachte, war Boris Becker noch weit vom Wimbledon-Sieg entfernt und die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl höchstens ein Horrorszenario in den Köpfen der Atomkraftgegner. Und Patrick Velte war noch nicht geboren. Trotzdem hat sich der heute 28-Jährige in den „Brotkasten“ verguckt.

Eigentlich wollte er sich nur mit gleichgesinnten Computer-Nostalgikern austauschen

Man muss das wissen, wenn man verstehen will, wie es dazu kam, dass Patrick Velten jetzt einen Pokal für den dritten Platz bei der deutschen Tetris-Meisterschaft auf dem heimischen Regal stehen hat. Denn Velte war nicht mit dem Ziel zum DoReCo (Dortmunder Retro-Computer-Treffen) gereist, die Klötzchen-Konkurrenz in Grund und Boden zu puzzeln. Er wusste nicht einmal, dass der Wettbewerb überhaupt ausgetragen wurde.

Eigentlich wollte er sich nur mit gleichgesinnten Computer-Nostalgikern austauschen, übers Programmieren quatschen, vielleicht auch ein bisschen „Super Mario Kart“ oder „Summer Games“ daddeln und einfach eine gute Zeit haben. Die hatte er dann beim Turnier, für das er sich kurzentschlossen anmeldete.

„Ich dachte: Mal so ‘ne Runde Tetris spielen ist ganz nett“, sagt Velte. Doch der Marburger gewann Runde für Runde. Als der Pokal in greifbare Nähe rückte, war der Ehrgeiz geweckt. „Von da an war es eine Herausforderung, da hat‘s gekickt. Auf einmal habe ich mich über jeden Stein geärgert, den ich falsch gesetzt habe. Umgekehrt habe ich mich bei jedem Fehler des Gegners gefreut, dass ich ein paar Sekunden hatte, meine Würfel zu sortieren“, sagt der 28-Jährige.

Sein Tipp lautet übrigens: „Schon einen Stein weiter denken und so bauen, dass man alle Optionen offen hat.“ Eine Randspalte lässt er immer frei, um einen Tetris mit dem langen Stein – „I“ genannt – zu „provozieren“. Dabei hilft ihm am meisten das „T“. „Das ist ein Alleskönner, den man immer so gedreht kriegt, dass er in fast jede Lücke passt“, sagt Velte.

Das Quadrat, unter Tetriszockern als „O“ bezeichnet, findet der Marburger dagegen „am ätzendsten, damit kann man nix anfangen“. Schade, dass man sich nicht aussuchen kann, welche Steine gerade vom Tetris-Himmel fallen ...

Bei seinem Durchmarsch kam Velte, der in Marburg als Barkeeper hinter der Theke des „Clou“ und des „Till Dawn“ bekannt ist, der Turniermodus zugute. Vereinfacht gesagt: Wer von den drei Disziplinen Gameboy, Super Nintendo und Nintendo zwei für sich entschied, war eine Runde weiter.

Übung macht den Meister

Und gerade mit dem Gameboy, die erste Disziplin, war Velte kaum zu schlagen. Denn der Kunstgeschichtsstudent hortet nicht nur C64er, sondern auch die kleinen Handheld-Konsolen von Nintendo. Sieben besitzt er, in fast allen Farben, die der Hersteller seinerzeit herausgebracht hat. Nur der schneeweiße fehlt ihm in der Sammlung. „Weiß war in den Neunzigern die langweiligste Farbe.

Deswegen hat sich keiner den weißen Gameboy gekauft. Heute ist er der seltenste und wertvollste“, erklärt Velte. Von den sieben Modellen liegt in seiner WG aber eigentlich immer eines im Badezimmer – falls das Geschäft mal länger dauert. Übung hatte Patrick Velte also vor dem Turnier im „Classic Tetris“, das die (inoffizielle) Deutsche Meisterschaft darstellt.

Langjährige Erfahrung kommt hinzu. Denn das fein säuberliche Stapeln der Steinchen, die in Fachkreisen Tetriminos genannt werden, fesselt den Marburger schon seit Kindheitstagen. „Schuld“ daran ist auch seine vier Jahre ältere Schwester Yvonne. Die hatte zuerst einen Gameboy. Als es Zank darum gab, schenkten die Eltern auch Patrick um des lieben Friedens willen einen. Fortan zockte er gegen seine Schulfreunde, „an der Bushaltestelle oder in der Dönerbude“.

Jetzt maß er sich mit der nationalen Tetris-Elite, bei der sich erst der mehrfache und auch spätere Meister Stefan Binger als zu harte Nuss erwies. Oder vielmehr als zu guter Tetrimino-Baumeister.

Velte ist Teil der Demoszene

Der Konkurrenz stellt sich Patrick Velte auch bei anderen Wettbewerben. Der kreative Kopf, der an der Gießener Willy-Brandt-Schule sein Fach-Abi in Gestaltung gemacht hat, ist Teil der Demoszene. Was nach Plakaten und Protestmärschen klingt, ist tatsächlich eine Herausforderung für viele Hobby-Programmierer: mit möglichst wenig Speicherplatz möglichst verblüffende, witzige, faszinierende Grafiksequenzen erschaffen, am besten noch mit Musik unterlegt.

Entstanden ist diese Szene – natürlich – durch den C64. Wenn früher unter Freunden Spiele ausgetauscht wurden, brauchte es erst Computerverrückte, die den Kopierschutz der Software knackten. Als Spielerei hinterließen diese Cracker Botschaften und Grafiken, die beim Laden des Spiels als Intro über den Bildschirm flimmerten. Aus dieser Gruppierung entwickelte sich die heutige Demoszene, die Spaß am Programmieren hat und sich gegenseitig übertreffen will.

Bei den Wettbewerben gibt es teilweise Sach- und Geldpreise zu gewinnen. Gesponsert von Unternehmen, die sich gerne aus der Demoszene bedienen, wenn sie Programmiertalente mit frischen Ideen suchen. Schließlich gehört schon eine Menge Know-how dazu, aus den 16 Farben und der begrenzten Rechenleistung des C64 die Illusion einer 3-D-Demo hervorzurufen.

"Green" ist sein Künstlername

Aufmerksam geworden auf die Szene ist Patrick Velte durch das Internet. „Dann habe ich Dimi kennengelernt“, erzählt der 28-Jährige. Der Darmstädter Dimi kam zum Studieren nach Marburg und nahm Velte mit zu dessen ersten Demo-Party nach Bingen. „Die ganzen Nerds auf einem Haufen“, sagt der Marburger. Seitdem ist „Green“, so sein Künstlername, mit der Gruppe „Attention Whore“ bei jeder dieser Partys dabei, die dreimal jährlich bis zu 1000 „Szener“ anlocken.

Noch näher liegt da aber der monatliche Retro-Stammtisch im „Clou“ (Termine im Internet unter marburger-stammtisch.de). Quatschen, zocken und Bierchen trinken im kleinen Kreis von bis zu 15 Liebhabern alter Computer. „Oder irgendwer bringt einen alten Lochkartendrucker mit und wir probieren dann aus, ob der noch funktioniert“, sagt Patrick Velte.

Man kann das nerdig finden und belächeln. Oder sich einfach mitfreuen, dass es Menschen gibt, die immer noch Spaß an alten Schätzchen wie dem C64 haben und etwas damit anzufangen wissen. Patrick Velte hat das sogar einen Pokal eingebracht.

von Holger Schmidt

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