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DGB lehnt Rente mit 67 entschieden ab

Mai-Demo in Marburg DGB lehnt Rente mit 67 entschieden ab

Das Thema zum 1. Mai ist und bleibt „Gute Arbeit“. Ein Etappensieg zum großen Ziel sei aber erreicht: Der Mindestlohn, „von dem es aber keine Ausnahmen geben darf“, wie Gastredner Stefan Körzell forderte.

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Der Demonstrationszug führte vom DGB-Haus zunächst über den Steinweg zum Marktplatz. Dabei wurden zahlreiche Gewerkschaftsfahnen und Spruchbänder mitgetragen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Mindestlohn von 8,50 Euro mache nur Sinn, wenn er ohne Ausnahmen angewandt werde, so Stefan Körzell, Hauptredner auf dem Elisabeth-Blochmann-Platz bei der Mai-Veranstaltung der Gewerkschaften (Foto). Vor mehr als 1000 Zuhörern erläuterte der DGB-Bezirksvorsitzende von Hessen-Thüringen auch, warum. Am Beispiel der Niederlande zeigte er auf, dass sonst nur wieder Schlupflöcher genutzt würden. So stelle der Einzelhandel im Nachbarland vorwiegend Menschen unter 23 Jahren an, weil diese schlechter bezahlt werden dürfen. Auch Regaleinräumer verrichten Arbeit, ob nun 18, 23 oder 50 Jahre alt. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit und mindestens 8,50 Euro die Stunde, so seine klare Botschaft.

 
 
 

 
 
 
 
 
 
 
   
 

 

Darüber hinaus gebe es aber noch sehr viel zu tun, um das Ziel „Gute Arbeit“ zu erreichen. Körzell präsentierte Zahlen: Bundesweit gibt es 850000 Leiharbeitnehmer. Und seien diese nicht schon bequem genug für Arbeitgeber, so gibt es auch schon eine neue Sparte, die Arbeitnehmer noch billiger als Leiharbeiter macht. „Das Zauberwort heißt hier Werkverträge“, sagte Körzell. Bundesweit seien davon 600000 Menschen betroffen. „Werkverträge, die nur mit dem Ziel abgeschlossen werden, Billigarbeit zu organisieren, gehören verboten.“ Damit Betriebsräte wirkungsvoll gegen den Missbrauch von Werkverträgen handeln können, müssten deren Rechte gestärkt werden. Körzell: „Wenn endlich durchgesetzt wird, dass im gleichen Betrieb der gleiche Lohn gilt, wäre die Motivation, Werkverträge einzurichten, deutlich geringer.“

Eine weitere Gruppe, die kein wirkliches Auskommen habe, sei die der Minijobber. „Bundesweit gibt es 7,5 Millionen Minijobs, in Hessen sind das weit mehr als 500000. Minijobs sind ein extremer Niedriglohnsektor und bieten den Beschäftigten keinerlei Sicherheit und erst recht keine Brücke in den Arbeitsmarkt.“ Körzell: „Heute ein niedriger Lohn heißt morgen Altersarmut.“

Altersarmut dürfe es nicht geben. Schon gar nicht für Menschen, die 45 Jahre Beiträge gezahlt haben. Sie sollen mit 63 Jahren in Rente gehen dürfen. „Die Rente mit 67 lehnen wir entschieden ab.“

Und: „Wenn die Arbeitgeber jetzt klagen, es fehlen Fachkräfte, ist das scheinheilig. Nur 50 Prozent der über 60-Jährigen arbeiten noch. Es ist ein Gebot von Anstand und Fairness, wenn diejenigen, die 45 Jahre oder länger versichert in die Rentenkasse gezahlt haben, am Ende nicht noch um ihre gerechte Rente gebracht werden.“ Damit meint Körzell auch eine Rente ohne Abschläge. Und auch Zeiten der Arbeitslosigkeit sollen bei der Rente ab 63 mitzählen, gerade auch in Zukunft.

Pit Metz: Arbeitsbelastung nimmt immer weiter zu

Schon längst nicht jeder Arbeitnehmer schafft es, bis 63 am Arbeitsleben teilzunehmen. Pit Metz, hiesiger Kreisvorsitzender des DGB, hatte sich bei einer Kurzkundgebung auf dem Marburger Marktplatz mit diesem Thema befasst. „Ich kenne keinen einzigen Arbeitnehmer, der mit seinem Arbeitsplatz rundum zufrieden ist. Dagegen kenne ich sehr viele, die mit der Belastung nicht mehr klar kommen, weil immer mehr gefordert wird.“ So sei es nicht verwunderlich, dass sich die Zahl der Krankschreibungen erhöhe. Metz forderte eine gesunde Work-Life-Balance ein, damit sich Menschen auch im Privatleben noch engagieren und für ihre Familie da sein können.

Keinesfalls unkommentiert ließen Metz und Kürzell den geplanten Stellenabbau bei Johnson Controls in Dautphetal. Beide Redner nannten es eine „Sauerei“, dass Missmanagement nun mit der Entlassung von Mitarbeitern ausgeglichen werden soll. Des Weiteren forderte Metz eine internationale Solidarität ein. „Es kann nicht sein, dass sich eine deutsche Bank Geld für 1 Prozent leiht und dieses für 11 Prozent weiter nach Griechenland verleiht. So wird der Solidaritätsgedanke auf den Kopf gestellt.“

Auch Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel ließ es sich nicht nehmen, wieder ein Grußwort an die Besucher zu richten. Als Oberbürgermeister von Marburg sei er sehr stolz darauf, in einer Stadt zu leben, in der 10000 Menschen aus 144 Nationen ein Zuhause gefunden haben. „Ich empfinde diese Vielfalt als eine Bereicherung für unsere Universitätsstadt.“ Auch forderte Vaupel auf, die Europawahl am 25. Mai nicht liegenzulassen. 70 Prozent aller Entscheidungen auf kommunaler Ebene haben ihren Ursprung in Brüssel. Deshalb sei es wichtig, sich für ein soziales Europa einzusetzen und ein Zeichen gegen rechte Politik zu setzen, die den europäischen Gedanken zerstören wolle, so Vaupel.

von Götz Schaub

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