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"Cut - der Knast hat mich gerettet"

Drogen "Cut - der Knast hat mich gerettet"

In dem Satz "Wer uns kennt, bleibt clean" steckt eine vielleicht überzogene Hoffnung. Der junge Verein, der sich so nennt, hat sich Drogenprävention auf die Fahnen geschrieben - und geht dabei unkonventionelle Wege.

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Quelle: Bernd Kasper / pixelio.de

Cölbe. „Wenn nur einer von den Kids, mit denen ich spreche, die Finger von Drogen lässt, dann ist das schon ein Erfolg“, sagt Heinz Bünger.

Sobald der Hamburger anfängt, mit Schülern über Rauschgift zu sprechen, doziert er nicht aus Lehrbüchern, sondern aus seinem Leben. Das beginnt 1955 mitten auf dem Kiez: „Strenge Biedermann-Erziehung, solide Familie, Lehre als Nachrichtentechniker“, umreißt der hanseatische Hüne seine Jugend. Hätte also auch gutgehen können für Heinz Bünger. Geht es aber nicht. Die Schwester modelt, Heinz begleitet sie zu Partys in Pöseldorf, wo „das weiße Zeug auf der Tischtennisplatte rumliegt“, wenn die oberen Zehntausend feiern.

Auch die Halbwelt-Kunden, die sich in Büngers kleinem Hifi-Laden am Gänsemarkt High-end-Musikanlagen in ihre Luxusautos einbauen lassen, haben immer die eine oder andere illegale Substanz zur Hand - und jede Menge Kohle in der Tasche. „Ins Drogengeschäft bin ich dann praktisch so reingerutscht“, erzählt der heute 58-Jährige, der im großen Stil mit Kokain handelte. Als er schließlich vor dem Richter steht, der ihn zu zwölf Jahren Haft verurteilt, sind noch Einbrüche und Diebstähle dazugekommen: „Cut - der Knast hat mich gerettet“, bringt Bünger seine Vergangenheit auf den Punkt. Denn er verkaufte die Drogen nicht nur, sondern konsumierte selbst jahrelang Kokain, Heroin - kurz: so ziemlich alles, was gerade zu haben war.

Als das Haftende in Sicht war, entschloss sich Bünger dazu, die Hamburger Szene möglichst weit hinter sich zu lassen und nach Hessen zu kommen - Entgiftung in der Klinik am Marburger Ortenberg, Therapie in Eifa.

Weil Heinz Bünger einer jener Menschen ist, die wahrscheinlich auch noch im Schlaf sprechen, erkannten auch seine Ärzte und Therapeuten die Kommunikationsfähigkeiten des Patienten. „Damals habe ich angefangen, auch vor Studenten über mein Leben und meine Sucht zu sprechen, später kamen dann die Schulen dazu“, sagt der selbstständige Elektriker. In seinem Blaumann sitzt er vor Siebt- und Achtklässlern und erzählt ihnen, dass „das einzige weiße Zeug, mit dem ich noch Geld verdiene“, heute Steckdosen sind. Mucksmäuschenstill sind die Jungen und Mädchen in der Regel, wenn der Hamburger Ex-Junkie und Ex-Häftling aus seinem Leben erzählt, wenn er die Teenager dazu ermutigt, „Nein, Danke!“ zu sagen, wenn auf Parties Marihuana angeboten wird. Oder wenn er ganz drastisch einen Bindfaden durch seine Nasenscheidewand zieht, die er sich durch seinen jahrelangen Kokainkonsum ruiniert hat.

Manchmal, wenn Bünger die Lehrer aus dem Klassenzimmer schickt, offenbaren sich Schüler, räumen freimütig ein, dass sie ab und zu kiffen. Das Problem, meint der Norddeutsche, sei, dass kaum jemand den Mut aufbringe, vor Jugendlichen zu sagen: Drogen sind geil: „Das sind sie nämlich oft erstmal, doch dann geht es bergab. Ich erzähle die ganze Geschichte, ich sage: Ich bin Hein Blöd, denn wenn ich nicht blöd gewesen wäre, wäre ich heute nicht hier.“

Ein noch dickerer Fisch im Hamburger Drogengeschäft war der „Schneekönig“ - Ronald „Blacky“ Miehling, der Millionengeschäfte mit kolumbianischen Drogenkartellen abwickelte und jahrelang die Nummer eins des Hamburger Kokainhandels war. Mittlerweile hat auch Miehling seine Haftstrafe abgesessen, und auch er engagiert sich in dem Verein. Es ist ein ganz schmaler Grat, den die beiden Männer beschreiten, wenn sie ihre kriminelle Vergangenheit heute in den Dienst der Drogenprävention stellen. Und es ist ein schmaler Grat, den Schulleiter beschreiten, wenn sie Bünger und Miehling einladen: „Deshalb haben wir uns die schlauen Köpfe geholt, weil wir wissen, dass wir mit unserer Gangsterart auch oft anecken.“

Eingebettet in den Verein und flankiert von Experten aus Justiz, Medizin und anderen gesellschaftlichen Bereichen haben Bünger und Miehling jenen seriösen Rückhalt, den sie brauchen, wenn sie noch intensiver als bisher mit Pädagogen, Eltern und Schülern ins Gespräch kommen wollen.

Der Verein sei noch in der Aufbauphase, räumt die zweite Vorsitzende Susann Kalden aus Wetter ein: „Und es wäre schön, wenn bei uns noch ein paar fachkundige Leute mitmachen würden, die vom Alter her noch dichter an der Zielgruppe dran sind.“ Die Drogen selbst und damit auch das Verhalten der Konsumenten seien einem ständigen Wandel unterworfen, Cannabis, Kokain und Heroin werden immer mehr von neuen synthetischen Modedrogen ersetzt. Eine Lebensweisheit Heinz Büngers trifft allerdings auch auf jede neue Modedroge zu, die auf den Markt gespült wird: „Mach dich gerade und sag einfach ‚Nein, Danke!‘“

von Carsten Beckmann

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